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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 2. März 1944

Tageschronik Nr.: 
62
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Das Wetter:

Tagesmittel 0 Grad, es schneit.

Sterbefälle:

11

Geburten:

2 /1 männl., 1 weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

79.6171 /lt. Karten-Abtlg. 79.629/

Einweisung:

1 /Mann aus Litzmannstadt /

Tagesnachrichten.

1610 Arbeiter:

Heute besuchte Kommissar Müller von der Gestapo das Zentral-Gefängnis, um die auszusendenden Mannschaften zu besichtigen. Daraus schliesst man, dass der Transport nunmehr aktuell wird und man rechnet mit der Absendung für Freitag, den 3.3.44. Voraussichtlich wird vorerst eine Gruppe von 750 Mann abfahren.

In den Nachmittagsstunden hat auch der Präses mit Kligier das Zentral-Gefängnis besucht. Der Ordnungsdienst hat Bereitschaft für die Abendstunden und für die Nacht. Man vermutet, dass in der Nacht auf Freitag wiederum Leute ausgehoben werden sollen.2

Wie wir bereits berichtet haben, wurden zahlreiche Personen, die für den auswärtigen Arbeitseinsatz in Frage kamen, befreit. Diese Leute wurden, soweit sie Qualifikation T /Tauglich/ erhalten hatten, aus den diversen Abteilungen dem Arbeitseinsatz zur Verfügung gestellt. Diese Mannschaften werden sofort für Strassenbau und sonstige Erdarbeiten sowie beim Abbruch verwendet werden. Es handelt sich zumeist um jüngere Leute der sogenannten besseren Stände, die nunmehr bei ungewohnter Schwerarbeit den Vorteil der Befreiung abbüssen werden.

Wie man hört, hat Dr. Miller dem Amtsleiter mündlich darüber Bericht erstattet, dass die im Zentral-Gefängnis konzentrierten Mannschaften infolge der prekären Raumverhältnisse in ihrer Gesundheit gefährdet sind. Er wies daraufhin, dass die Leute in verhältnismässig arbeitsfähigem Gesundheitszustand eingeliefert wurden, dass jedoch angesichts der dortigen Lage die Gefahr einer Verminderung der Arbeitsfähigkeit besteht. Auch kann er, als verantwortlicher Leiter des Gesundheitsamtes, für Seuchenfreiheit dieser Mannschaften für den Fall der Aussendung nicht mehr garantieren. Die eingelieferten Leute wurden zwar vorschriftsmässig in der Badeanstalt am Baluter-Ring entsprechend vorbereitet, mussten jedoch in die desolaten Verhältnisse des Zentral-Gefängnisses zurückkehren, wo naturgemäss die Gefahr einer neuerlichen Verlausung droht.

Der Amtsleiter verlangte einen schriftlichen Bericht, den Dr. Miller auch tatsächlich abgegeben hat.

Kommission im Getto:

Das Getto wurde heute neuerdings3 von einer L.S.-Wart-Kommission besucht. Die Kommission besuchte die Holzbetriebe, die ihr vom Standpunkt des Brandschutzes besonders interessant sind und gab neue Weisungen bezüglich der Holzlagerung.

Auch die Kirche am Kirchplatz, wo sich jetzt ein grosses Zementlager befindet, wurde besucht. Die Kommission erwog die Gefahr, für den Strassenverkehr an der Hohensteinerstrasse, im Falle einer Bombardierung dieses Stadtteils, und es dürften irgendwelche Massnahmen getroffen werden, um für den Fall des Einsturzes des Kirchturms eine Verkehrsstockung zu vermeiden. Was in dieser Beziehung vorgenommen werden wird, ist noch unbekannt.4

L.-Zuteilung:

Die Abteilung für Zusatzkarten hat die fertiggestellten Registerbücher für die begünstigten Arbeiter an die Kolonial- und Fleischverteilungsstellen bereits übergeben.

Einweisung:

Heute wurde5 der im Jahre 1892 geborene Moszkowski Seweryn aus Litzmannstadt, Marktstrasse 27, ins Getto eingeliefert. Dieser /getaufte/ Jude hatte bis jetzt als Pole in Litzmannstadt gelebt. Er befindet sich gegenwärtig im Heim für alleinstehende Arbeiter in Marysin. (Taubstumm)6

Approvisation.

Keine Aenderung der Lage. Zufuhr nur von Kolonialwaren im Rahmen des Kontingents und der bevorstehenden L.-Zuteilungen, welche letztere bereits sichergestellt sind. Im übrigen herrscht nach wie vor grausamer Hunger. Die Jagd nach Kartoffelschalen nimmt im gleichen Masse an Tempo zu, als die Kartoffelschalen an Quantum abnehmen. Die in den Küchen abfallenden Schalen werden in erster Linie der Tansport-Abteilung zur Fütterung der Pferde abgeliefert, der Rest wird jetzt, insbesondere bei den Ressortküchen, von den Ressorts beansprucht zur Verteilung an die Belegschaft. Die Ressortleiter stehen auf dem Standpunkt, wer die Kartoffeln bekommt, hat auch Anspruch auf die Schalen. Die spärlichen Reste, die so übrig bleiben, werden dann an Aussenstehende, gegen Anweisung des Leiters der Küchenabteilung, ausgegeben, freilich meistens nur theoretisch oder nach Massgabe der Protektion, die der Inhaber der Anweisung in der betreffenden Küche hat.

Ressortnachrichten.

Hausschuh-Betrieb III, Fischgasse 15, wurde mit 1.3.44. liquidiert. Dieser Betrieb wird nunmehr als Filial-Betrieb des Leder- und Sattler-Ressorts arbeiten. Leiter bleibt Zurkowski, der natürlich dem Oberleiter des Leder- und Sattler-Betriebes, Podlaski, unterstellt ist. Noch vorher hat dieser Betrieb die Hausschuherzeugung aufgegeben, um als Hilfsbetrieb für die Strohschuherzeugung zu arbeiten.

Metall-Abteilung III:

Zum technischen Leiter des Betriebes wurde Ing. Szatan nominiert. Derselbe Szatan, den die Getto-Verwaltung strafweise im Metall II abgesetzt und als Arbeiter in die Metall-Abteilung I beordert hatte. Er ist also nunmehr wieder rehabilitiert.7

Gesundheitswesen.

Der Krankenstand im Infektionsspital an der Matrosenstrasse 74 betrug am 29.2.44 270 Kranke. Neu eingeliefert wurden am 14. und 15.2.44. 5 Patienten aus dem sogenannten Polen lager mit Fleckfieber. Vom 15. bis 28.2.44. incl. wurden 15 jüdische Fälle eingeliefert u.zw. 2 Fälle Fleckfieber, 4 Fälle Bauchtyphus, die übrigen Lungentuberkulose.

Seit 1.3.44 befinden sich im Spital keine Kinder mehr aus dem Polen lager. Sämtliche Kinder haben das Spital gesund entlassen8 und es ist kein einziger Todesfall zu verzeichnen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Bauchtyphus, 2 Paratyphus, 8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 7 Lungentuberkulose, 1 Lungenabscess, 1 Lungenembolie, 1 Herzschwäche, 1 Bauchtyphus.

1

Die Einweisung eingerechnet, beträgt der Bevölkerungsstand 79681.

2

HK, LK**, JK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Die für den auswärtigen Arbeitseinsatz“.

3

neuerdings, hier in der Bedeutung ‚erneut, wiederum‘; österr. Von einer früheren Kommission der deutschen Luftschutzbehörde berichtet etwa die Tageschronik vom 7. Februar 1944 (Eintrag „Kommission im Getto“).

4

Am 8. März 1944 schreibt der Polizeipräsident in seiner Eigenschaft als örtlicher Luftschutzleiter an die Gettoverwaltung betreffend „Freigabe der Kirche im Getto (Hohensteiner Str.) für Zwecke der Feuerschutzpolizei: Auf Grund eines mit Herrn Regierungsrat Dr. Meyer in seiner Eigenschaft als Sachbearbeiter für Kirchenangelegenheiten beim Herrn Reichsstatthalter in Posen geführten Telefongespräches zwecks Freigabe des Glockenturmes und eines Teiles des Kirchenschiffes der obengenannten Kirche für die Unterbringung von Feuerlöschschläuchen hat Herr Dr. Meyer die Freigabe des erforderlichen Raumes genehmigt. Die Orgel wird an den Hoheitsträger der Partei, Herrn Kreisleiter Knaup, zur weiteren Verwendung im Sinne der Feiergestaltung der Partei abgegeben“ (APŁ, GV 31346, Bl.45). Von einer Besichtigung der Kirche am Kirchplatz – angeblich „eine L.S.-Wart-Angelegenheit“ – berichtet die Tageschronik vom 21. Juni 1944 (Eintrag „Eine Kommission“).

5

HK, LK**, JK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „aus Litzmannstadt“.

6

HK: „(Taubstumm)“ von Hand hinzugefügt.

7

Alter Szatan hatte sich im Januar 1944 gegenüber Vertretern der Getto-Verwaltung über das Verhalten des Präses beschwert. Vgl. den Eintrag „Metall II“ in der Tageschronik vom 24. Januar 1944.

8

So in HK, LK**, JK**, JFK**.