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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 2. September 1943

Tageschronik Nr.: 
229
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Das Wetter:

Tagesmittel 15-20 Grad, bewoelkt.

Sterbefaelle:

7

Geburten:

3/1 maennlich, 2 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevoelkerungsstand:

83.904

Tagesnachrichten.

Die Aussiedlungsaktion:

In der Nacht auf den 2. wurde die Aktion der Aussiedlung auf Arbeit ausserhalb des Gettos fortgesetzt. Zur Richtigstellung von Geruechten bemerken wir, dass aus dem Krankenhaus I / Richterstr. / keine Patienten zur Aussiedlung ausgemustert wurden. Da die Aktion schlagartig erfolgte und man in der Nacht keine Uebersicht ueber die Vorgaenge hatte, verbreitete sich im Getto die Nachricht, dass sowohl aus dem Infektionsspital, als auch im Spital Richterstrasse zahlreiche Patienten ausgehoben wurden. Diese Nachricht brachte die Angehoerigen der Kranken auf die Beine, um zu versuchen ihre Patienten aus dem Spital noch rechtzeitig zu retten. Tatsaechlich gelang es einer betraechtlichen Anzahl solcher Kranker, das Spital an der Richterstrasse zu verlassen. Das vollzog sich aehnlich den Ereignissen am gleichen Tage des Vorjahres. Die Patienten verliessen, ohne Erledigung der sonst ueblichen Formalitaeten, fluchtartig das Krankenhaus und als das Krankenpersonal fruehmorgens den Dienst antrat, herrschte vollkommene Desorientierung. Das Personal erteilte auf Anfragen falsche Informationen, da es ja selbst nicht wusste, was sich abgespielt hatte, ob die Patienten abgeholt wurden oder selbst davon gelaufen waren. Tatsaechlich wurde nur aus dem Infektionsspital an der Dworska eine Guppe von Patienten u.z. unheilbare Tuberkulose faelle und einige Geisteskranke entfernt.1

Approvisation.

Leider spitzt sich die Lage wieder zu. Es ist absolut kein Gemuese da. Die letzte Kartoffelration von 6 kg wird wohl schon verzehrt sein. Es ist absolut nicht abzusehen, ob und wann wieder hinreichende Gemuesezufuhren einlangen. Die Preise bei den Privatgaertnern steigen rapid. Kartoffeln kosten wieder 30-32 Mk.

Ressortnachrichten.

Abschlusspruefungen in der Tischlerei:

Sonntag, den 29. August 1943, fanden die Pruefungen der Kursteilnehmer der Tischlerei-Abteilungen statt. 42 jugendliche Kandidaten waren in der II. Abteilung zur Pruefung angetreten. Den Vorsitz fuehrte Mosze Caro, Leiter der Umschichtungsabteilung, mit dem Leiter Tabaksblat. Vom FUKR waren anwesend Ing. H. Garbarski, Ing. Caryski und Ing. J. Mandelman. Die Pruefungskommission bestand aus den beiden Leitern, Kommissar Terteltaub und Gersztonowicz, und Herrn Lenczner, ferner aus den Meistern und Instruktoren bei den Tischlerei-Betrieben I und II. Anwesend war ferner der fruehere Leiter und Organisator der Tischlerei-Betriebe, Bernhard Freund. Geprueft wurden folgende Gegenstaende: Holzlehre und allgemeine Fachthemen, praktische Tischlerei und Theorie, Arbeits-Systeme und Arbeits-Phasen, Poliererei, Leimerei und einschlaegige Materiallehre, Furnierlehre, Lackiererei, Werkzeuglehre, allgemeine Maschinenlehre und Tischlereimaschinen, technisches Zeichnen, Fachberechnungen und Elementarlehre. Saemtliche Kandidaten bestanden die Pruefung mit sehr gutem Erfolg. Nach Abschluss der Pruefungen erhielten die Kursteilnehmer ein Zusatzmittagessen bestehend aus Tschulent und Gemuese /Siehe Spezialreferat ueber die Pruefungen/.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

9 Bauchtyphus, 3 Tuberkulose.

[Beilage]

Kursabschluss bei den Tischlern.2

Am 29. August 1943 fanden die Pruefungen im Fachkurs der Tischlerei statt. 42 hoffnungsfrohe Knaben sassen auf den Schulbaenken, die fuer diesen Zweck im Maschinensaal des 2. Stockwerkes der II. Tischlerei-Abteilung aufgestellt waren. Mit der im Getto ueblichen Verspaetung versammelte sich die Kommission, bestehend aus den Leitern der Schul-Abteilung, den Herren Karo und Tabaksblat, den Vertretern des FUKR, Ing. H. Gabarski, Ing. A. Czaryski, Ing. Mandelman und den Leitern des Ressorts Kommissar S. Terkeltaub, Izak Gersztonowicz und Izak Lenczner. Auch der ehemalige Leiter der Tischlereien, Bernhard Freund, war als Gast geladen. Die Pruefungskommission selbst setzte sich aus den Instruktoren und Meistern des Betriebes sowie den Damen Ing. Davidowicz und Fraeulein Grinberg zusammen. Der Leiter saemtlicher Kurse ist Ing. Wladimir Gawartin. Die Knaben haben den Kurs ein knappes halbes Jahr besucht und bei den folgenden Instruktoren folgende Disziplinen gehoert: Leiter Gersztonowicz: Holzlehre und allgemeine Fachthemen, M. Ohrenbuch und J. Weisbrod: praktische Tischlerei und Theorie, Nathan Ohrenbuch: Arbeitssysteme und Arbeitsphasen, B. Zilberman: Poliererei, Leimerei und einschlaegige Materiallehre, Sz. Nowak: praktische Tischlerei, G. Margulies: Furnierlehre, Jakobstadt: Lakiererei, Lewkowicz: Werkzeuglehre, M. Kantor und S. Zandberg: Allgemeine und Tischlerei-Maschinenlehre, Frau Ing. Davidowicz und Fraeulein Grinberg: Technisches Zeichnen, Ing. Garwartin: Fachberechnungen, Lehrer Zilbersztajn: Elementarlehre.

Die Kurse haben am 24.I.1943 begonnen. Die Resultate dieser kurzen Zeit waren geradezu verblueffend. Die knapp 16jaehrigen Jungens zeigten allgemeine Berufskenntnisse, wie sie wohl kaum irgendwo an Fortbildungskursen fuer Lehrlinge zusammengetragen werden konnten. Man muss verstehen, dass jeder einzelne Meister oder Instruktor sein Spezialwissen mit voller Hingabe den wissensdurstigen Knaben vermittelte, sodass jeder einzelne Junge sozusagen als Summe aller Kenntnisse vor die Kommission trat u.z. sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Alle Fragen der Kommissionsmitglieder, ja sogar laienmaessige Fragen des Vorsitzenden Karo wurden mit einer Leichtigkeit und Sicherheit beantwortet, die nicht nur die hohe Intelligenz der Knaben zeigte, sondern auch den hohen Grad der Hingabe an den Beruf. Die Arbeit, die hier geleistet wurde, ist, vom juedischen Standpunkt gesehen, unschaetzbar. Als der Praeses seinerzeit die Initiative zu diesen Kursen gab, konnte man bei weitem nicht alle Segnungen dieser Einrichtung vorhersehen3. Zunaechst ist von grundlegender Bedeutung, dass die Knaben in den verschiedenen Betrieben geistig nicht mehr verwahrlosen, sondern einem praktischen und geistigen Ziel nachgehen, dessen Erreichung fuer das kuenftige Leben von entscheidender Wichtigkeit ist. Man sieht, wie gluecklich diese Knaben sind, wieder Schueler sein zu koennen, nicht nur Kuli an der Maschine bei der Serien-Produktion. Die Knaben, die kaum ins Getto gekommen, nach kurzer Zeit Schulunterricht in allen Belangen des Lebens auf die Bahn und in den Kreis der Erwachsenen geworfen wurden, sassen wieder, hungrig nach Kenntnissen, auf der Schulbank und traten zurueck in die Atmosphaere der Schule, in die sie ja alle noch gehoeren. Schoene praezise Schlussarbeiten zeigen die praktischen Erfahrungen dieser Knaben und stolz erklaeren die Jungens vor der Kommission ihre Arbeiten. Alle 42 Kandidaten bestanden die Pruefungen mit ausgezeichnetem Erfolg. Nach Abschluss der Pruefungen sprach Mosze Karo einige Worte an die Prueflinge, er fuehrte aus: „Im Auftrage des Praeses haben wir zum Jahresbeginn die Kurse eroeffnet. Der heutige Tag ist uns allen eine Ueberraschung, so schoen sind die Resultate, die vor uns liegen. Der Dank hiefuer gebuehrt Euch selbst. Die erzielten Resultate sind auch eine Genugtuung fuer Euch selbst, fuer eure Ausdauer und Hingabe. Es hat sich gelohnt zu arbeiten. Den Kurs habt ihr wohl beendigt, nun aber faengt eure Aufgabe erst recht an. Das angesammelte theoretische und praktische Wissen ist durchaus nicht euer Privatkapital. Was ihr von euren Instruktoren und Meistern empfangen habt, muesst ihr nun als Gemeinschaftsgut richtig verwerten und verwalten, indem ihr es euren juengeren Arbeitsgenossen vermittelt. Nur so erfuellt ihr eure Pflichten gegen die juedische Gemeinschaft.“

Der Leiter Terkeltaub dankte sodann der Umschichtungs-Kommission fuer die verstaendnisvolle und aufopfernde Mitarbeit sowie den Meistern und Instruktoren fuer die geleistete Muehe und fuehrte aus, dass die Absolventen des Kurses nunmehr unter eigenen Gruppenfuehrern als geschlossene Gruppe in die Produktion eingereiht werden.

Zwei Knaben dankten dann der Leitung und den Meistern. Bei einem besonderen Pruefungs-Tschulent blieben dann noch Schueler und Kommission zwanglos zusammen.4

1

HK, LKV/a**, JFK*: Nachfolgend von Hand gestrichen „Nachdem also in der Nacht auf den 1. insgesamt 225 Personen ueber Radegast ausgesiedelt worden waren, ging dann in der Nacht auf den 2. ein weiterer Transport von 100 Personen aus dem Zentral-Gefaengnisab.

2

HK, LK**, JFK**: Jeweils rechts und links der Überschrift von Hand hinzugefügt „2.9.43“ / „Tageschr. 229“. Nur HK: Ergänzend von Hand hinzugefügt „Beilage“.

3

HK, LK**, JFK**: Ursprünglich „vorsehen“; von Hand korrigiert.

4

Die beschriebenen Fachkurse (vgl. dazu auch die Anmerkung zur Rubrik „Ressortnachrichten“ in der Tageschronik vom 22. April 1943) waren für die Jugendlichen von sehr großer Bedeutung. Nach fünfstündiger Arbeitszeit folgte der Unterricht. Dieser war teilweise speziell auf ihren jeweiligen Arbeitsplatz zugeschnitten, die Lehrer unterrichteten die Schüler aber auch in Sachfächern und in Jiddisch. Vgl. den Bericht von Eliasz Tabaksblat, der als einer der Leiter der „Umschichtungskommission“ maßgeblich an der Gestaltung dieser Kurse beteiligt war (AŻIH, 301/2847, Bl. 10f.); weiter den Bericht eines unbekannten Verfassers, datiert 8.4.1943, über jugendliche Arbeiter in der „Elektrotechnischen Abteilung“ und deren Ausbildung in den genannten Kursen (Trunk 2006, S. 193f.); außerdem Jasni 1966, S. 309-316. Am Ende der Kurse standen Abschlussprüfungen mit schriftlichen, mündlichen und praktischen Prüfungen (vgl. Poznański 2002, S. 133f.; Jasni 1966, 316f.). Zu den Abschlussprüfungen vgl. die Beilage zur Tageschronik vom 2. September 1943 („Kursabschluss bei den Tischlern“). Über eine Abschlussfeier berichtet die Tageschronik vom 11. September 1943 (Eintrag „Pruefung in der Mechaniker- und Naehmaschinenreparatur-Abteilung“). Eliasz Tabaksblat schreibt in seinem Erinnerungsbericht: „Die Jugend ging gerne und mit Eifer in diese Schulen, denn diese waren der einzige Ort, wo sie sich unter ihresgleichen fühlten, wo sie einige Stunden ohne Sorgen verbrachten“ (AŻIH, 301/2847, Bl. 11; übers. aus dem Poln.). In den Dokumenten des „Bund“, die im YIVO-Institut in New York überliefert sind, hat sich ein Heft mit Texten erhalten, die Jugendliche im „Papierressort“ 1943 über den Schulunterricht in ihrem Ressort verfasst haben. Sie spiegeln in eindrucksvoller Weise die Bedeutung wider, die die Jugendlichen dem Lernen beimaßen. So gibt es z.B. einen kurzen Aufsatz von K. Weintraub mit dem Titel „Unsere kleine Schule“, in dem er schreibt: „In unserem grauen, traurigen Leben haben wir wenig Freude. Was denn auch? Schulen haben wir nicht, lernen können wir nicht und wir müssen, jetzt in unseren schönsten Jahren, in den Ressorts sitzen. Am Anfang hatten wir noch Schulen, aber wir konnten nicht bewerten, was das bedeutete. Erst später, als sie geschlossen wurden, die einzigen Wissensquellen, fühlten wir, was wir verloren haben. Und so haben wir uns ohne Schulen durch zwei Jahre gequält. Bis der Tag kam, an dem am schwarzen Horizont unseres Lebens ein goldener Schimmer aufblitzte. Das ist unsere kleine Schule! Die einzige Freude in unserem monotonen und schweren Unglück. Damals haben die Leiter unseres Ressorts begonnen sich zu bemühen, dass wir, die Jugendlichen des Papierressorts die Möglichkeiten haben zu lernen. Na, und die Bemühungen waren nicht umsonst. Am 6.7. war die Eröffnung unserer erträumten, geliebten kleinen Schule. Wieviel Freude in unseren Herzen ist, wenn wir es aussprechen: Unsere kleine Schule, unsere geliebte kleine Schule. Wir haben Angst, dass das ein Traum ist […]“ (YIVO, RG 1400, MG 7-7, o.Pag.; übers. aus dem Poln.). – Eine andere Form des Unterrichts in den Ressorts, ebenfalls 1943 initiiert, beschreibt Hanna (Chana) Kinstler in ihren Erinnerungen: Sie selbst organisierte und unterrichtete in ihrem Ressort verschiedene Gruppen von Kindern und Jugendlichen (YVA, RG O-3/3601, B. 7f.).