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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 20. April 1944

Tageschronik Nr.: 
110
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Das Wetter:

Tagesmittel 9-14 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

18,

Geburten:

1 /w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

77.493

Brand:

Am 19.4.44 wurde die Feuerwehr um 19,12 Uhr nach dem Hause Richterstrasse 11/13 gerufen, wo aus einem geplatzten Kamin starke Rauchschwaden entstiegen. Die Bauabteilung wurde veranlasst, die notwendigen Reparaturarbeiten sofort vorzunehmen.

Tagesnachrichten.

Anbauflächen:

Das Getto beschäftigt sich augenblicklich fast ausschliesslich mit den Sorgen der Beschaffung einer kleinen Feldparzelle. Nachdem die Ressorts ihre Felder bereits zugewiesen erhalten haben, setzt der Kampf um die privaten, kleinen Parzellen ein. Das Getto bleibt sich doch immer gleich. Wiewohl der Präses den Gedanken einer gerechten Aufteilung in die Tat umzusetzen versuchte, herrscht selbstverständlich dieselbe Anarchie bzw. Protektionswirtschaft wie früher. Zunächst ist die Bevölkerung über eines erbittert: Man hat den Anrainern von kleineren Anbauflächen im Getto selbst oder am Gettorand die seit Gettobeginn bearbeiteten Stückchen Erde weggenommen und sie den Ressorts zugewiesen. Da doch die Arbeiter eines Ressorts nicht in unmittelbarer Nähe des Ressorts wohnen, wäre es natürlich logisch gewesen, den Ressorts geschlossene Stücke auf Marysin zu geben, wo eine gemeinsame Bearbeitung durch die Belegschaft zu erfolgen hätte. Ein Beispiel: Das einzige grössere Stück Feld im Gettoteil C Reiterstrasse-Zimmerstrasse wurde bebaut von den Bewohnern dieses Gettoteils. Weit und breit findet sich für diese kleinen Leute kein Stückchen Erde. Trotzdem hat A. Jakubowicz verfügt, dass dieses Stück dem Ressort Pucka 9 zugewiesen wird. Auf diesem Stückchen haben die Bewohner der umliegenden Häuser durch 4 Jahre gearbeitet, jeden Stein ausgegraben und allen Unrat weggetragen. Jeder liebte sein Stückchen Boden und war sicher im Besitz desselben. Mit einem Federstrich wurde es ihm genommen. Einer Fiktion zuliebe, denn die Ressortparzellen bleiben mehr oder weniger eine Fiktion. Wenn die Bewohner der Zimmerstrasse überhaupt irgendwo ein Stück bekommen werden, dann kann es nur sehr weit abseits liegen, vielleicht irgendwo auf Marysin. Rücksichtsloser kann wohl auch der bitterste Feind nicht vorgehen. Das Wirtschaftsamt gehorcht stupid der Anordnung eines Grossen und es tritt niemand auf, der die Interessen des kleinen Mannes vertreten würde.

An derselben Stelle haben sich ein paar alte Weiber, die am Polizei-Revier VI beschäftigt sind, durch die Protektion dieses Reviers die Randstücke geben lassen, worüber wir bereits geschrieben haben. Niemand unternahm es, dem Leiter des VI. Polizei-Reviers begreiflich zu machen, dass im Getto jetzt ein gerechtes Prinzip eingeführt wurde, jeden1 nur 15 qum zuzubilligen. Der kommandierende Offizier des Reviers hätte diesen Standpunkt zweifellos gewürdigt. Die sogenannten Vormänner der Kripo, also die jüdischen Vertrauensleute der deutschen Kriminalpolizei,2 haben selbstverständlich auch heuer mit den „Pleizes“ der Kripo ihre grossen Stücke zurückerhalten. Alle Bonzen3 des Gettos haben auf allen möglichen Umwegen ihre grossen Stücke wiederbekommen.

Es lohnt sich nicht die Namen aufzuzählen, das Getto bleibt immer der Sumpf, in dem es allmählich selbst untergeht.

Am heutigen Tage erschien eine Bekanntmachung des Präses bezüglich der Anbauflächen mit folgendem Wortlaut:

BEKANNTMACHUNG.

Betr.: Bearbeitung von Feldern und sonstigen Anbauflächen.

Es wird hierdurch darauf hingewiesen, dass

sämtliche Felder und sonstige Anbauflächen,

die den Betrieben und der übrigen Gettobevölkerung zur Bearbeitung zugewiesen wurden, bis spätestens

einschliesslich 3. Mai 1944

bearbeitet sein müssen.

Nach diesem Termin werden die nicht bearbeiteten Felder sowie sonstigen Anbauflächen zugunsten der Gemeinde beschlagnahmt.

Litzmannstadt-Getto, den 20.4.44.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.4

Approvisation.

Heute wieder nur konserv. Rote Beete 6.000 kg, hingegen 12.000 kg Kartoffeln. Wieder keine Aussicht auf eine kleine Kartoffelration, denn dieses Quantum kommt natürlich nur für ein paar Küchen in Frage. Besser ist es mit Fleisch, es kamen 2.550 kg. In der Liste des Waren-Eingangs fällt heute das grössere Roggenmehlquantum auf 104.500 kg.

Soziale Fürsorge.

Das ehemalige Sekretariat Wołkowna:

Sehr im Argen liegt es momentan mit der sozialen Fürsorge. Seit der Präses das Büro für Bittschriften und Beschwerden /Wołkowna/ aufgelassen hat, ist die soziale Fürsorge vollkommen desorganisiert. Jeden Sonntag finden sich zwar die ehemaligen Angestellten des Sekretariats zusammen und empfangen einige Leute, denen es mit Aufwand der letzten physischen Kräfte gelungen ist, sich bis zu einer der Geldauszahlenden5 Damen durchzuschlagen. Die Zustände dort sind katastrophal und skandalös. Die Damen arbeiten wohl nur einen Tag. Sie bearbeiten die ihnen übergebenen Listen der Ressorts und diese erhalten sodann einen Scheck auf die Hauptkassa. Listen von kleineren Gruppen, wie dies früher gehandhabt wurde, sollen per Post erledigt werden. Sollen! Sie werden aber nicht! Von einer Liste mit 150 Beantragten wurden beispielsweise über Auftrag von Frl. Wołk, die dieses Chaos vom Krankenbett aus leitet, bzw. nicht aus der Hand lässt, 20 Personen erledigt und diese erhalten das Geld auch nicht durch die Hauptkassa, die ihrerseits wieder auf dem Geld sitzt. Das Prinzip der Beamtenschaft des Sekretariats ist: Das Chaos muss sichtbar sein, der Präses soll auf diese Weise gezwungen werden, das Büro zu rekonstruieren. Dass er das im Augenblick nicht kann, das ist diesen Beamten, vor allem den dort arbeitenden Frauen, vollkommen gleichgültig. Sie wollen zurück auf ihre bisherigen Posten, auf den Thron, von dem aus sie, zwar im Namen des Präses, aber doch der Form nach von sich aus, Wohltaten erwiesen. Nicht das innere Bedürfnis, der aufrichtige Wille zu helfen, veranlasst das Personal an dem einen Sonntag zusammenzukommen, sondern die Spekulation auf die Wiederherstellung, auf die „restitutio in integrum“6. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die soziale Hilfe in der nächsten Zeit aussehen wird, wenn der offensichtliche Erpressungsversuch am Präses misslingt.

Die Frauen werden auf den freien Sonntag schliesslich nicht verzichten wollen, wenn der oben geschilderte Versuch misslingen sollte.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

13 Lungentuberkulose, 2 Lungenentzündung, 1 Herzschlag, 1 Gehirntuberkel /Tumor/ 7, 1 Gebärmuttervorfall.

Nachtrag zur Approvisation.

Fleischkonserven-Zuteilung für die gesamte Bevölkerung des Gettos.

Ab Donnerstag, den 20. April 1944, wird an alle in den für sie zuständigen Fleischläden auf Coupon Nr. 42 der Nahrungsmittelkarte

1/2 Dose Fleischkonserven pro Kopf

für den Betrag von Mk. 1.50

zur Verteilung gebracht.

Litzmannstadt-G., den 20.4.1944

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Die Aufdeckung verschiedener „Verbrechen“ im Getto gelang teilweise über Denunziationen jüdischer Spitzel bei der deutschen Kriminalpolizei. Vgl. die Anmerkung zum Eintrag ‚Illegale Überschreitung der Gettogrenze‘ in der Tageschronik vom 4. März 1941.

3

Bonze ‚jemand, der die Vorteile seiner Stellung genießt; höherer, dem Volk entfremdeter Funktionär‘; aus frz. bonze, über port. bonzo aus jap. bōzu.

4

Mit Ausnahme des Wortes „den“ bei der abschließenden Datumsangabe (in der Originalbekanntmachung abgekürzt „d.“) wird der Wortlaut der Bekanntmachung vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 42: Rumkowski, Bekanntmachung / Betr.: Bearbeitung von Feldern und sonstigen Anbauflächen, 20.4.1944.

5

So in HK, LK*, JFK*.

6

restitutio in integrum ‚gerichtliche Aufhebung einer zum Nachteil des Betroffenen erfolgten Entscheidung aus Gründen der Billigkeit‘; zu lat. integer ‚unversehrt‘; fachspr.

7

Tuberkel ‚knötchenförmiger Geschwulst, besonders bei Tuberkulose ‘; aus lat. tūberculum ‚Höckerchen‘.