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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 20. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
201

Das Wetter:

Tagesmittel 28-35 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

14,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

70,117

Ausweisung:

700 Personen /IX. Transport zur Arbeit ausserhalb d. Gettos/

Tagesnachrichten.

Der Präses setzt seine Umschichtungsaktion auch heute fort.

Aenderung am Baluter-Ring?

Der Amtsleiter Biebow hat heute folgende Anordnungen getroffen: mit Rücksicht darauf, dass sich, seiner Ansicht nach, soviele Leiter von Betrieben im Büro von A. Jakubowicz bewegen und dieser in der Hauptsache ihm zur Verfügung stehe, wird den Leitern der Betriebe verboten, den Baluter-Ring zu betreten.

Herr Jakubowicz wurde beauftragt, ein Büro gegenüber dem Baluter Ring zu beziehen und die Stunden bekanntzugeben, zu denen er dort die Leiter empfangen wird. Sonst habe er am Baluter-Ring wie bisher zu amtieren.

Auch alles überflüssige Personal des Zentralbüros der Arbeits-Ressorts, wie z.B. die Buchhaltung, ist vom Baluter-Ring zu entfernen und dem zweiten Büro Jakubowicz anzugliedern. Ausserdem wurde angeordnet, dass auch sonst niemand den Baluter Ring zu betreten habe, der dort nicht dringend gebraucht wird.

Man behauptet, dass der Grund hiefür in dem Bestreben zu suchen sei, den Kontakt der Juden mit Ariern auf ein Minimum zu beschränken.

Remanent in den Apotheken:

Die Inventur in den Apotheken, die über deutschen Auftrag erfolgte, hat den Zweck festzustellen, ob gewisse Medikamente verfügbar wären.

Approvisation.

Die Zufuhr von Weisskohl hält auch heute an. Die Bevölkerung verträgt die jetzt gebotenen Krautsuppen sehr schlecht. Ausserdem fehlt es ja an den notwendigen Zutaten, vor allem an Mehl, um eine einigermassen nahrhafte Mahlzeit aus dem Kraut herstellen zu können.

Neue Kraut-Ration:

Eine weitere Ration von

  • 5 kg Kraut wurde heute ausgeschrieben.

Schwarzhandelspreise:

Brot /2kg/ 750 Mk, Mehl 500 Mk je kg, Zucker 850 Mk kg, Ressortsuppe /bestehend aus 40 dkg Kraut und 2 dkg Grütze/ 5-7 Mk.

Kleiner Getto-Spiegel.

Gettohumor:

Im Zusammenhange mit dem Tode des Neurologen Dr. Klozenberg wird im Getto ein Scherz kolportiert: Am meisten betroffen ist Boruch Praszkier, denn Dr. Klozenberg war der einzige Mensch im Getto, der ihm immer bestätigt hätte, dass er geistig normal sei. Jetzt nebbich1 muss er riskieren, auch offiziell meschugge2 zu bleiben.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 2 Lungenkrankheiten, 3 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung, 1 Halsphlegmone.

1

nebbich ‚nun, wenn schon, was macht das schon‘; jidd.

2

meschugge ‚verrückt, nicht bei Verstand‘; jidd.