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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 21. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
278
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Das Wetter:

Tagesmittel 15-26 Grad, sonnig, warm.

Sterbefaelle:

6

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

83.551

Tagesnachrichten.

Heute Erew Simchat-Thora;1 das religioese Leben im Getto ist diesmal etwas bewegter als im Vorjahre. In vielen Stuben versammelten sich Minjanim, um das Fest der Thorafreude zu begehen. Es gibt im Getto noch vielfach Sforim2. Auch die Jugend hat sich in verschiedenen Minjanim an diesem Fest beteiligt. Man sieht, dass das Getto doch verhaeltnismässig freier atmet und dass sich dies sofort in einem Aufleben der religiösen Tradition äussert.

Approvisation.

Stabile Lage in der Einfuhr. Allmählich macht sich bemerkbar, dass die letzte Kartoffelration schon vor dem Termin verbraucht ist. Wenn die Chronik in den letzten Tagen nicht von Hunger sprechen musste, so liegt das eben daran, dass die 10 kg Kartoffeln über die Lage hinweggeholfen haben. Viele Leute aber konnten mangels anderer Lebensmittel nicht gut terminmässig wirtschaften. Es ist aber zu hoffen, dass sich die Lage diesmal nicht mehr so zuspitzen wird, da ja der Praeses angesichts der regelmässigen Kartoffelzufuhren bessere Möglichkeiten zu einer elastischen Bewirtschaftung haben wird.

Die Talone:

Heute wurden die diversen Talone publiziert. Es erhielten:

B.L.Ph.
  • 150 g Marmel.
  • 200 g Zucker br.
  • 150 g Erbsen
  • 200 g saure Gurken
  • 2 kg Kartoffeln
  • ½ Dos. S Konserve
  • 100 St Zigaretten pro Fam.
  • insgesamt Mk. 19.--
BI. BII.
  • 150 g Marm.
  • 200 g Zucker braun
  • 200 g Erbsen
  • 200 g saure Gurken
  • 3 kg Kartoffeln
  • ½ kg Fleisch
  • Mk. 4.10
BIII. Polizei
  • 150 g Marmelade
  • 200 g Zucker braun
  • 200 g Erbsen
  • 200 g saure Gurken
  • 3 kg Kartoffeln
  • ½ Dose B.W.
  • Mk. 4.60
Schwerarbeiter CP
  • 150 g Marmelade
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 200 g saure Gurken
  • 4 kg Kartoffeln
  • ½ Dose B.W.
  • Mk 5.10
Fäkalisten
  • 150 g Marmelade
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 200 g saure Gurken
  • 4 kg Kartoffeln
  • ½ Dose B.W.
  • 2 kg Briketts
  • 40 St Zigaretten
  • Mk 11.30
Mistführer
  • 150 g Marmelade
  • 200 g Zucker br.
  • 200 g Erbsen
  • 200 g saure Gurken
  • 3 kg Kartoffeln
  • ½ Dose B.W.
  • 2 kg Briketts
  • Mk. 4.80

Ressortnachrichten.

Wäschereien:

Die Gettowaeschereien haben jetzt sehr viel zu tun, da doch die Bevoelkerung infolge des grossen Mangels an Heizmaterial zu Hause nicht waschen kann. Die Wäscherei, Hohensteinerstrasse 68, nimmt taeglich bis 500 Pakete zu 20 Stueck entgegen. Die Wäscherei Mickiewicza nimmt täglich bis 300 Pakete und die Wäscherei Reigergasse bis 200 Pakete täglich entgegen. Die Arbeiter der Wäschereien bekommen weder Kolatie und auch sehr wenig Zusatzsuppen. Die schwerarbeitenden Frauen bekommen auch nur 4-5 Zusatzsuppen wöchentlich. Auf ihre diesbezügliche Eingabe erwiderte FUKR, dass sie nicht mehr geben könne,3 da es sich doch nur um eine interne Arbeit für das Getto handelt.

Schuhmacher arbeiten fuers Getto:

Da die Schuhmacherbetriebe in der letzten Zeit mangels Rohmaterial schwächer beschäftigt sind, hat der Praeses diese Betriebe etwas intensiver für den Gettobedarf eingesetzt, das heisst, dass diese Schustereien jetzt stark mit Reparatur für den Privatbedarf des Gettos beschäftigt sind.

Unfall im Metall-Ressort II:

Am 20. ds.M. ereignete sich in der Mittagsstunde im Metall-Ressort II, Hohensteinerstrasse 56, ein Unfall, der zum Glück nicht sehr ernste Folgen nach sich zog. Als man eine aus Sachsen angekommene Maschine für die Metall-Abteilung vom Auto in die Maschinenhalle schaffen wollte, erwies sich diese Maschine als zu schwer, so dass man sie ohne besondere Transportmittel nicht vom Wagen zu heben vermochte. Man half sich dabei mit dem bereitstehenden Gerüst zur Brunnenbohrung, indem man die Maschine mit Hilfe dieses Gerüstes vom Auto über den Hof bis zur Maschinenhalle brachte. Dabei ereignete sich infolge allzu rascher Verschiebung der Zugketten ein Unfall. Die Maschine fiel aus einer Höhe von 6 m zu Boden. Gleichzeitig stürzte auch das Hebegerüst auf die Türe der Maschinenhalle und auf die elektrische Leitung. Zum Glück hatte einer der Arbeiter die Geistesgegenwart, den Strom auszuschalten und die Türe zuzuschlagen, sodass ein grösseres Unglueck durch den Einsturz der Leitungsdrähte auf die Arbeiter vermieden werden konnte. Auch ist durch das besonnene Eingreifen dieses Mannes die Entstehung eines Brandes verhindert worden. Die beiden Männer, welche auf der Maschine arbeiteten, kamen mit leichten Verletzungen davon.

Fuersorgewesen.

Hilfskomittee:

Auch die Küchenabteilung hat, wie dies in andern Ressorts und Abteilungen üblich ist, ein eigenes Hilfskomittee gegründet, mit Frl. Cytrinowna und Herrn Flasch an der Spitze. Die Abteilung hat über 3000 Beamte und Arbeiter und jeder davon gibt von jeder Ration 1 dkg Mehl, 1 dkg Zucker und 1 Kartoffel. Jeder Kranke erhielt diesmal einen Talon von 20 dkg Mehl, 20 dkg Zucker von diesen gesammelten Lebensmitteln.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

11 Bauchtyphus, 1 Keuchhusten, 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

3 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 2 Herzkrankheiten.

1

Erew (hebr. ‚Abend‘) Simchat Tora bezeichnet den Vorabend des Festes Simchat Tora.

2

Sforim ist der jiddische Ausdruck für hebr. sfarim ‚Bücher‘; bezeichnet werden damit religiöse Bücher.

3

So in HK, LK*, JFK*.