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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 22. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
173

Das Wetter:

Tagesmittel 19-30 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

26,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.401

Selbstmordversuch:

Am 21.6.1944 versuchte die Sachs Gerti, geb. 22.8.1905 in Brünn, durch Einnahme eines Schlafmittels Selbstmord zu begehen. Die Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

Der Präses befindet sich noch immer in Spitalspflege.

Ausreise:1

Das Getto steht ganz unter dem Eindruck des Aderlasses, der ihm jetzt bevorsteht. Man glaubt allgemein, dass es sich jetzt um den Beginn einer allmählichen Liquidierung des Gettos handle und man befürchtet, dass nach Absolvierung der vorgesehenen Transporte, vielleicht nach kurzer Unterbrechung, eine weitere Evakuierung vor sich gehen wird. Gegen diese Annahme spricht der Umstand, dass die Gettoverwaltung nach wie vor Aufträge für die Ressorts hereinnimmt und dass man bestrebt ist, die wichtigen Ressorts durch die Aussiedlung in ihrer Produktion nicht zu stören.

Abtrennung von weiteren Gettoteilen:

Heute fand am Baluter-Ring eine Besprechung zwischen Vertreter der Gettoverwaltung und einigen jüdischen Abteilungsleitern statt. Gegenstand der Besprechung war die Frage, unter welchen Umständen gewisse Partien des Gettos abgetrennt und der Stadt einverleibt werden könnten. Es handelt sich um die Wohnblocks an der Hamburgerstrasse, Am Bach, Holzstrasse, Altmarkt und Rauchgasse. Bei Kassierung dieses Teiles des Gettos würde eine Umsiedlung von ungefähr 10.000 Juden in andere Teile des Gettos notwendig sein. Im Zusammenhang damit nahm auch der Leiter des Wohnungsamtes Wolfowicz an der Besprechung teil. Ing. Gutman soll ein entsprechendes Gutachten über dieses Projekt ausarbeiten.2

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

In der Nacht auf heute wurden durch weitere Polizeistreifen Personen sichergestellt und ins Zentralgefängnis gebracht. Es handelt sich zunächst um die Sicherung des Kontingents für den 2. grösseren Transport, der voraussichtlich Montag, den 26. ds.Mts., abgehen soll.

Gestern wurden ca 600 Menschen für den 1. Transport bestimmt. Es heisst, dass ca 50 Menschen hievon, separat über Baluter-Ring, zum Torfstechen abgehen sollen. Alle Reisefertigen erhielten heute 1 Brot, 25 dkg Wurst, 25 dkg Zucker und 25 dkg Margarine.

Allmählich erfolgt die Deblockierung der Lebensmittelkarten von Personen, die die Aufforderung erhielten, von der Kommission jedoch befreit wurden. Der Vorgang ist ziemlich kompliziert. Die Listen aus dem Zentralgefängnis gehen zunächst an die Kartenstelle, die zufolge ihrer Mitarbeit an der Aktion von der Stellung eines Kontingents befreit ist, und an die Approvisationsabteilung, wo sich sämtliche Register befinden. Dort werden die Eintragungen vorgenommen u.zw. unter Kontrolle der Sonderabteilung, die die Listen ebenfalls erhält. Die im Laufe des Tages erfolgten Deblockierungen werden dann den Verteilungsläden bekanntgegeben bzw. ersehen diese aus den Registerbüchern, ob die betreffende Person frei ist oder nicht. Antworten der Kommission erfolgen nicht. Die Deblockierung im Laden ist die günstige Antwort.

Approvisation.

Heute besonders schlecht. Kartoffeln keine und an Frischgemüse alles in allem 10,500 kg. Ausserdem kamen heute 7.100 kg Sauerkohl. An Fleisch kam ca 3,000 kg.

Kohlen-Ration:

Heute wurde die neue Kohlenration publiziert:

Betr.: Brennmaterialien-Zuteilung.

Ab Sonnabend, den 24.6.1944, werden an alle auf Coupon Nr. 62 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 1.7.44 bis 31.7.44 einschl.

  • 8 kg Briketts pro Kopf für den Betrag von Mk 3.-

herausgegeben. Die Verteilung erfolgt lt. Plan.

Litzmannstadt-Getto, den 22.6.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.

Kleiner Getto-Spiegel.

„Zu spät.“

So vieles kommt im Getto zu spät. Kranke Menschen, geschwollen, Knochenentkalkt3 oder sonstwie siech, bemühen sich um verbesserte Nahrung, um Vigantol, um Tran. Ehe sie solch ein Heilmittel bekommen, sind sie rettungslos verloren. „Zu spät, nichts mehr zu machen“, sagt kopfschüttelnd der Arzt. Aber nicht nur auf der jüdischen Seite hat dies „Zu spät“ Geltung. Die Kripo fahndet nach einer 11-köpfigen Familie Szmulewicz.4 Sie klopft an die Tür, reisst die Tür auf, fragt den Insassen.

„Wohnt hier Szmulewicz?“

„Hat gewohnt. Jetzt bin ich hier, Dawid Botwin. Ich hab die Wohnung der Szmulewicz bezogen.“

„Mordko Szmulewicz?“ fragt der Beamte.

„Gestorben.“

„Szaja?“

„Gestorben.“

„Lajzer und Sure Szmulewicz?“

„Ausgesiedelt.“

„Jankel?“

„Hat sich zum Fenster heruntergestürzt. Tot.“

„Chawe Szmulewicz?“

„Ausgesiedelt.“

„Ein 15jähriger Mojsze Szmulewicz?“

„Am Draht erschossen.“

„Zwei Brüder Boruch und Hersz?“

„Auf der Flucht nach Warschau umgekommen.“

„Boruchs Sohn Josef?“

„Weiss nicht. Ist garnicht ins Getto hereingekommen.“

Die zwei Beamte5 blicken in der Stube umher. Ein armseliges Bild. Von der Familie Szmulewicz keine Spur. Elf Menschen ausgelöscht. Nichts zu machen.

Die Toten können nicht erzählen, wo sich gegebenenfalls ein „Päckel“ befindet. Wären die Herren früher gekommen, hätten sie vielleicht etwas von dem durch reichsgesetzliche Regelung beschlagnahmten jüdischen Vermögen6 aufgespürt.

Zu spät. Der Tod hat der Behörde ein Schnippchen geschlagen. Gegen den Tod ist sogar die schlagartigste Hand machtlos.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

13 Lungentuberkulose, 5 Tuberk. anderer Organe, 4 Lungenkrankheiten, 1 Nierenentzündung, 1 Alimentäre Vergiftung, 1 Herzschlag, 1 Leberkrankheit.

1

HK, LK*, JFK*: Ursprünglich „Zur Arbeit ausserhalb des Gettos“. Überschrift ersetzt.

2

Mit den Abbrucharbeiten war bereits im April 1944 begonnen worden (vgl. dazu auch den Eintrag „Teilabtrennung vom Getto“ in der Tageschronik vom 4. April 1944). Laut einer Übersicht „Bestand der Ziegel an der Abbruchstelle Holzstr. – Am Bach am 27.6.44“ waren zu diesem Zeitpunkt von dieser Abbruchstelle bereits 41000 Ziegel an die Gestapo geliefert worden (APŁ, GV 31303, Bl. 17).

3

So in HK, LK*, JFK*.

4

Zwar gibt es unter den Bewohnern des Gettos mehrere mit dem Namen Szmulewicz, doch kann eine Familie wie die hier beschriebene aus den Meldekarten nicht genau rekonstruiert werden. Möglicherweise handelt es sich um fiktive Personen.

5

So in HK, LK*, JFK*.

6

Oskar Rosenfeld bezieht sich hier allgemein auf die Enteignungsmaßnahmen, die mit „Arisierung jüdischen Besitzes“ überschrieben waren. Der Raub an der jüdischen Bevölkerung wurde in Deutschland etappenweise durch mehrere Gesetze und Verordnungen vorangetrieben. Die „rechtlichen“ Vorraussetzungen für die Beschlagnahmungen wurden durch die „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ (RGBl. I. 1938, S. 414f.), die „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens“ (RGBl. I, 1938, S. 1709) und eine diesbezügliche Anordnung vom 21.2.1939 (RGBl.. I, 1939, S. 282) geschaffen. Zur „Arisierung“ allgemein vgl. Stengel 2007, zur Beraubung der jüdischen Bevölkerung in Lodz nach dem Einmarsch der Deutschen Alberti 2006, S. 98-118.