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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 23. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
341
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Das Wetter:

Tagesmittel plus 3 Grad, es schneit.

Sterbefälle:

3,

Geburten:

1 /weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes 2,

Diebstahl 1.

Bevölkerungsstand:

83,174.

Tagesnachrichten.

Die ersten Patienten, etwa 100, wurden bereits ins Spital an der Matrosengasse aus dem Polen lager überführt. Der jüdische Ordnungsdienst haftet für die Isolierung des Spitals. Die Aerzte und das Hilfspersonal stehen unter Quarantäne.

Der Präses hat die Gesundheits-Abteilung beauftragt, das Heim an der Gnesenerstrasse sofort für Spitalzwecke einzurichten.

Talone:

Der Präses begab sich um etwa 6 Uhr 30 in den FUKR, wo er in einer längeren Sitzung – bis in die späten Nachtstunden – die neuen Talonlisten aufstellen liess. Grundsätzlich sollen alle jene Personen, die bisher im Genusse der Zuteilungen waren, auch weiterhin die Talone erhalten. Schon tags zuvor haben die Abteilungen und Ressorts ein Rundschreiben erhalten mit der Aufforderung, die Liste unverzüglich beim FUKR einzureichen und zwar sowohl diejenigen namhaft zu machen, die bisher im Besitze eines Talons waren, und eine Liste mit neuen Anträgen. Diese Listen wurden genauest geprüft und es verlautet, dass ausser dem ehemaligen Beirat-Talon zirka 9000 Zuteilungen an Instruktore und Arbeiter, Referenten etc. ausgegeben werden sollen. Es handelt sich um ein Provisorium für die laufende Dekade und soll für diese Dekade grundsätzlich je ein Mitglied der Familie die Zuteilung /Beirat/ erhalten. Für die nächste Dekade dürfte jedoch eine Neuregelung platzgreifen, über deren Charakter vorläufig noch nichts verlautet. Die ehemaligen Beiratsgeniesser erhalten diesmal also auch nur eine Zuteilung mit dem Unterschied, dass sie ausserdem noch 10 Deka Schmalz bekommen.

Die Zuteilung besteht aus: 15 dkg Marmelade, 20 dkg weissem Zucker, 20 dkg Mehl, 20 dkg Erbsen, 30 dkg Fleisch, 3 kg Kartoffeln, 1 Dose Muschelkonserven – und für den Beirat noch 10 Deka Schmalz.

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung.

Ressortnachrichten.

Radiolampen-Produktion.

Die Produktion von Telefunken-Röhren wurde aufgelassen. Die Maschinen wurden aus dem Getto wieder abtransportiert, weil die Produktion an einem anderen Orte des Reiches konzentriert wurde.2

Kleiner Getto-Spiegel.

Es ist Winter:

Der fünfte Kriegswinter in Polen, der vierte im Getto ...

Die Menschen tauschen Erinnerungen aus, die meistens in den Ruf ausgehen: „Ja, damals! ...“.

Damals war es anders, besser. Die Erinnerung vergoldet die Vergangenheit. Im vierten Gettowinter drängen sich dieselben Sorgen auf wie – damals! Die Hauptsorge: das Heizmaterial. Die meisten Gettobewohner erklären, dass sie noch lieber hungern als frieren. Frieren – sagen sie – ist eine bittere Sache. Darum lieber das Notwendigste gegen Heizmaterial eintauschen als frieren.

1 kg Holz kostet 3 M, 1 kg Brikett 5 M, Kohle ist nicht einmal im Schwarzhandel aufzutreiben. Hiebei muss berücksichtigt werden, dass die meisten Haushalte sich mit einem Herd begnügen müssen, der als Koch- und Heizinstrument zu funktionieren hat. Dadurch ergibt sich eine Vereinfachung der Wirtschaft.

Man sieht zu jeder Tageszeit Menschen – Männer, Frauen, Kinder, Greise –, die in Säcken und Bündeln verschiedene Stangen, Latten, Balken, Bretter, Fensterrahmen, zerbrochene Stühle oder Schrankteile tragen. All das ist – Holz! Das Wort „Holz“ spricht sich leicht aus, aber aus dem morschen Zeug, das man beim Häuserabbruch gewinnt, Holz machen, Brennholz – das ist keine so leichte Sache.

3 kg Holz – war die Ration für den Monat Dezember. Auf das Getto umgerechnet bedeutet das dreimal 80,000 oder rund 250,000 kg Holz. Dazu kommen noch als Erbschaft des Monates November für ein paar tausend Bevorzugte je 10 kg Dachpappe. Die morschen Latten und die geteerte Dachpappe stammen von den Giebelhäusern, die an allen Ecken und Enden des Gettos abgetragen wurden. Aber selbst dort, wo diese Häuser noch stehen, blicken sie aus dunkeln Fensterhöhlen und mit dachlosen Häuptern zum öden Winterhimmel hinauf.

Die Not verschlingt alles: erfrorene Kartoffeln, faulende Steckrüben, übelriechende Salatka – und die Türen, Fenster und Dächer ganzer Häuserzeilen wandern in die kleinen Eisenöfchen, welche in den frostigen Stuben von 80,000 Gettobürgern stehen ...

Sanitätswesen.3

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 1 Bauchtyphus, 3 TBC.

1

HK, LKV**, JFK**: Irrtümlich „23.XII.1944“; nur in LK korrigiert zu „23.XII.1943“.

2

Es ist nicht ganz klar, wohin die Maschinen aus dem Getto Litzmannstadt zu diesem Zeitpunkt gebracht wurden. In Litzmannstadt selbst produzierten auch polnische Zwangsarbeiter für „Telefunken“; diese wurden im Jahre 1944 mitsamt ihren Produktionsstätten nach Ulm verlegt. Vgl. Kräutler 2006, S. 55. Möglicherweise war die Produktion im Getto eine Art Zweigstelle der Produktion in der Stadt und die Maschinen wurden zu dieser Zeit schon gebraucht.

3

HK, LKV**: Rubrik „Sanitätswesen“ mit anderer Schreibmaschine; wohl nachträglich hinzugefügt.