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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 23. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
83

Das Wetter:

2 Grad, Frost.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

3 /2 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.791

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Das Getto wurde heute von einer grossen L.S.-Wart-Kommission /ca 40 Herren/ besichtigt. Fast alle wichtigen Betriebe wurden besucht.

Der Präses hatte eine Unterredung mit dem Amtsleiter Biebow. Im Verlauf des Gesprächs verpflichtete sich der Aelteste zur Beistellung der erforderlichen physischen Arbeiter für künftige Aufgaben. Dadurch gelangt der Präses wieder in die Lage, die Umschichtung selbst vorzunehmen, was natürlich für die Bevölkerung des Gettos von nicht abzuschätzendem Vorteil ist, da ja der Präses in aller Ruhe die Eignung der Menschen zu gewissen Arbeiten selbst überprüfen kann. Man verspricht sich von dieser wichtigen Aenderung der Lage vor allem auch einen Wandel in der Situation auf Radegast.1

Betrieb Baugelände Radegast:

Herr Seifert / Getto-Verwaltung/ richtete in Radegast eine Ueberwachung der Arbeiten durch eine Gruppe von O.D.-Männern der Sonderabteilung an.2 Ueber seine Veranlassung dirigierte Amtsleiter Biebow den O.D.-Wachtmeister Bruder, von der Sonderabteilung, mit 5 O.D.-Männern nach Radegast. Diese Leute werden draussen ständig Dienst machen und sozusagen den Betrieb kommissarisch überwachen. Bruder ist mit seinen Leuten bereits in Radegast eingetroffen und übernahm sofort die Geschäfte. O.D.-Wachtmeister Bruder ist sowohl dem Amtsleiter Biebow als auch Herrn Seifert persönlich bekannt, da er seinerzeit Judenältester in Wielun war, wo er sich das besondere Vertrauen erworben hat.3

Approvisation.

Es trafen heute an Gemüse je ca 13.000 kg Rote Beete und Möhren ein.

An Fleisch erhielt das Getto heute ca 2.500 kg.

Die Schwarzhandelspreise ohne Aenderung. Rote Rüben kosten heute bereits 150 Mk das kg.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 10 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 3 Herzkrankheiten, 1 Unbekannt.

1

HK, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Der Präses hat offiziell die Leitung des Arbeitsamtes übernommen und haftet so der Getto-Verwaltung für eine reibungslose Beistellung der angeforderten Arbeiter. Nach all dem, was das Getto in den letzten Tagen mitgemacht hat, atmet es auf.“ Der Abschnitt wird am 25. März 1944 in die Tageschronik aufgenommen.

2

So in HK, JK*, JFK*.

3

Lajb Bruder wurde später im „Aufräumkommando“ nach der Auflösung des Gettos der neue Vorsitzende des „Ordnungsdienstes“ und des „Ältestenrates“. Vgl. Löw 2006a, S. 486.