Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 23. September 1943

Tageschronik Nr.: 
250
Podcast Icon

Das Wetter:

Tagesmittel 13-25 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

11

Geburten:

2 /1 maennlich, 1 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 5

Bevoelkerungsstand:

83.735

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Die neue Ration:

In den heutigen Abendstunden wurde schon etwas ueber die neue Ration bekannt. Sie wird Freitag um 9 Uhr vormittags publiziert werden u.z. gibt es 40 dkg Mehl und 20 dkg Roggenflocken, alles andere bleibt ziemlich unveraendert. Eine Ration ohne Kartoffel. Die Approvisations-Abteilung hat bis zur Stunde gezoegert, die Ration zu publizieren, weil sie immer noch gehofft hat, dass in der Zwischenzeit genuegend Kartoffel hereinkommen werden. Da dies noch immer nicht der Fall ist, blieb nichts uebrig, als die Ration so herauszubringen. Wenn nun morgen, Freitag, die Ration herauskommt und gleichzeitig ausgegeben werden wird, so wird natuerlich das bisschen an Kolonialwaren ein kurzes Dasein haben. Was sonst doch einigermassen auf die Rationsperiode verteilt wurde, wird fuer einige Mahlzeiten in den ersten Tagen reichen und dann wieder der Hunger.

Kartoffel-Mieten:

Trotz der oben geschilderten verzweifelten Lage und obwohl keine Kartoffel ins Getto hereinkommen, gehen die Arbeiten bei der Anlegung der Kartoffel-Mieten in Marysin rasch von statten. Das Terrain fuer die Kartoffel-Mieten wird diesmal ausgedehnter sein als im Vorjahre. Augenblicklich werden die Arbeiten an der Siegfriedstrasse und Jagiellonska bis zur Gettogrenze durchgefuehrt. In den naechsten Tagen wird ein Zweiggeleise von der Station Radegast zu den neu angelegten Kartoffel-Mieten gelegt werden. Dies wird die direkte Heranfuehrung der Kartoffeln und Gemuese zu den Mieten ermoeglichen.

Illegale Preise:

Brot von 250 Mk vorgestern auf 265 Mk, Mehl von 175 Mk auf 185 Mk, Kartoffeln von 38 auf 42-45 Mk, Rote Rueben von 20 auf 25 Mk, Kohlrabi von 7 auf 9-10 Mk, Ressortsuppe 10-11.50 Mk.

Ressortnachrichten.

Betriebs-Verlegung:

In dieser Woche wird die Zweigstelle des Metall-Ressorts II an der Veit Stossstrasse 12 /Leitung Ing. Szipper/ liquidiert. Der Maschinenpark wird in das Metall-Ressort II, Hohensteinerstrasse56, ueberfuehrt.

Neue Leitung in der Schneiderei-Abteilung, Hanseatenstrasse 53:

Mit der Leitung der obigen Abteilung hat der Praeses den bisherigen Leiter des Teppich-Ressorts III, Bernhard Freund, betraut. Freund hat bis jetzt den Betrieb in der Muehlgasse 7 liquidiert.

Teppiche wieder aktuell:

Anfangs August d.J. sollten drei bestehende Teppich-Ressorts, da sie nicht als kriegswichtig gelten, liquidiert werden. Neue Auftraege aber ermoeglichten die Aufrechterhaltung der zwei Ressorts Garfinkel und Klugman.

Am 2. September kam ueberraschenderweise seitens der Litzmannstaedter Firma Eugen Althausen1 ein Auftrag um Auslieferung von kunstgewebten Teppichen im Werte von 100.000 Mk und wurde spaeter auf den ganzen Lagerbestand der beiden Ressorts ausgedehnt. Diese Auftragserteilung machte die Heranziehung weiterer Arbeitskraefte erforderlich. Von der liquidierten Abteilung Bernhard Freund wurden 468 Arbeiter der Teppich-Abteilung I / Garfinkel/ und 1000 neue Arbeiter der Teppich-Abteilung II / Klugman/ zugewiesen. Beide Abteilungen verfuegen ueber grosse Lager halbfertiger Waren.

Gesundheitswesen.

Medikamente und Injektionen:

In unseren Berichten tauchen oft Mitteilungen ueber die Errichtung von Injektionsverteilungsstellen auf. Nach der Liquidierung der Spezialstelle bei der Sonder-Abteilung hat bekanntlich der Praeses eine neue Verteilungsstelle fuer Injektionen, an der Dworska 1, eingerichtet.2 Ununterbrochen ist ein grosser Teil der Bevoelkerung auf der Jagd nach allen moeglichen Injektionen und all die lateinischen, oft schwierigen Bezeichnungen sind in den Sprachgebrauch des Alltags uebergegangen. Jedes Kind kennt Namen wie „Calcium3, Betabion4, Redoxon5, Campolon6, Hepatrat7, Tonophosphan8, Transpulnin9, Strychnin10“ u.v.a. Augenblicklich kommen alle diese Medikamente in verhaeltnismaessig geringen Mengen herein. Das beruehmte „Vigantol“ ist etwas billiger geworden. Man zahlt heute fuer 10 ccm 35 Mk. Hingegen ist Lebertran11 ausserordentlich teuer. Die Preissteigerung zeigt, wie sehr dieses Medikament, angesichts der steigenden Tuberkulose, gesucht wird. Die Preise aenderten sich wie folgt: Oktober 1941 – 60 Mk je Liter, Juli 1942 – 120 Mk, Jaenner 1943 – 300 Mk und September 1943 – 1500 Mk. Geringe Mengen davon sind in den wenigen Privatdrogerien12 fallweise erhaeltlich.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

11 Bauchtyphus, 1 Flecktyphus, 1 Ruhr, 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:13

1

Der Schriftverkehr mit der Firma Eugen Althausen, Textilgroßhandel, Adolf- Hitler-Str. 80, Litzmannstadt, bzw. ein Bestand von Rechnungen und Lieferscheinen ist in den Akten der Gettoverwaltung erhalten. Das Getto lieferte dieser Firma Bekleidung, aber auch Hüte, Skimützen und Lederwaren (APŁ, GV 30743). Teppiche hatte die Firma bereits im Oktober 1941 aus dem Getto bezogen; so schrieb Eugen Althausen am 6. Oktober 1941 an die Gettoverwaltung: „Auf unsere geführte Unterhaltung hin kaufe ich die anfallende Produktion von Kunstteppichen in allen Größen zum Quadratmeterpreis von RM 27.- und Webteppichen von allen Größen und Farben als auch Läufer zum Quadratmeterpreis von RM 14.-. Die Lieferungen sollen wöchentlich erfolgen, Zahlungsbedingungen: Nettokasse“ (ebd., Bl. 93). Bis 1944 konnten kleinere private Firmen oft nur über die Großhandelsfirma Eugen Althausen Waren beziehen, die im Getto gefertigt worden waren (vgl. zahlreiche Schreiben in GV 30729-30732).

2

Die Tageschronik vom 12. September 1943 (Rubrik „Fuersorgewesen“) berichtete über die neue Verteilungsstelle für Injektionen.

3

Calcium ist im menschlichen Organismus für die Bildung von Knochen und Zähnen, für die Muskel- und Nerventätigkeit, für die Blutgerinnung und die Abwehr von Entzündungen und Allergien notwendig. Viele Gettobewohner litten an Calciummangel, da ihnen einerseits die Calcium-Hauptlieferanten – Milch und Milchprodukte – nur ungenügend zur Verfügung standen und das für die Calciumaufnahme grundlegende Vitamin D ebenfalls nur spärlich vorhanden war.

4

„Betabion“ ist ein noch heute im Handel befindliches Präparat zur Vorbeugung bzw. Behandlung von Vitamin-B1-Mangelzuständen.

5

„Redoxon“ ist ein Vitamin C-Präparat der Firma Bayer, das noch heute im Handel erhältlich ist.

6

„Camplolon forte“. „Campolon“, ein Markenname der Bayer AG, ist ein blutbildendes Mittel auf der Grundlage von B 12-Vitaminen. Bei den Gettobewohnern ist ein entsprechender Vitaminmangel überaus wahrscheinlich, da die Hauptlieferanten wie Fleisch, Eier und Milch nur in minimalen Mengen zur Verfügung standen. Campolon wird häufig bei Magenschleimhautentzündungen (Gastritis) injiziert.

7

„Hepatrat“: Ein Lebertranextrakt, das als allgemeines Stärkungsmittel bei Unterernährung verabreicht wurde.

8

„Tonophosphan“ ist der Markenname der Firmen Hoechst und Bayer für ein Medikament, das zur Muskelstimulanz bei psychischen und physischen Erschöpfungszuständen, Anämie und Hypotonie verschrieben wurde.

9

Gemeint ist „Transpulmin“, seit 1925 ein Produkt des Chemiewerkes Homburg, das heute vor allem als Balsam verwendet wird. Damals enthielt die Injektionslösung die ätherischen Öle Eukalyptusöl, Campher und Menthol und wurde bei schwerer Bronchitis und Lungenentzündung verabreicht.

10

Strychnin ist ein Alkaloid der Brechnuss (Strychnos nux vomica), das früher zur Stimulierung von Muskeln, des Kreislaufs, der Atmung und des Nervensystems verabreicht wurde.

11

Lebertran (lat. Oleum jecoris aselli ) ist ein gelbliches Öl, das aus der Leber von Walen, Kabeljaus, Dorschen oder Schellfischen gewonnen wird. Innerlich angewendet dient es aufgrund seines hohen Gehalts an Jod, Phosphor, Vitamin A und D vor allem zur Stärkung und wird dementsprechend besonders bei Kinderkrankheiten, Unterernährung oder zur Vorbeugung gegen Rachitis eingenommen. Äußerlich angewendet dient Lebertran als Wundsalbe.

12

Die Nennung der „Privatdrogerien“ belegt, dass es trotz der Bemühungen des Judenältesten, alles in seine Verwaltung einzugliedern, während der gesamten Existenz des Gettos private Geschäfte gab.

13

HK, LK*, JFK*: Keine Angabe.