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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 24. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
55

Das Wetter:

2 Grad Kälte, Frost.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

5

Festnahmen:

keine

Bevölkerungsstand:

79.668 /79.680 lt. Karten-Abtlg./

Tagesnachrichten.

1600 Arbeiter:

Das Getto steht noch immer im Zeichen der laufenden Aktion. Auch in der Nacht auf heute wurden Frauen aus den Betten geholt und in die Hohensteiner 26 eingeliefert. Es liegt noch immer keine genaue Uebersicht über den Stand im Zentralgefängnis vor.

Von den Versteckten meldet sich täglich nur ein sehr geringer Prozentsatz. Die Kommission zur Qualifizierung der auszusendenden Arbeiter amtiert weiter im Zentralgefängnis. Es ist anzunehmen, dass auch in der Nacht auf morgen weitere Frauenspersonen ausgehoben werden1. Da nun einmal die Möglichkeit besteht, 235 Frauen mitzusenden, erleichtert sich die Situation hinsichtlich der Männer, an denen ja das Getto tatsächlich Mangel hat.2 Wenn aber 235 Frauen ausgewählt werden sollen u.zw. nach verschiedenen Gesichtspunkten /Gesundheitszustand, Familienverhältnisse, Arbeitsverhältnis/, so muss natürlich der Kommission ein entsprechendes Auswahlreservoir zur Verfügung stehen. Daraus erklärt sich, dass wohl mindestens die drei- oder 4-fache Zahl von Frauen zunächst zur Auswahl bereitgestellt werden muss. Ein Termin für die Aussendung der 1600 Menschen steht, wie man sicher weiss, wohl schon fest, wird jedoch noch geheimgehalten. Inzwischen schreitet die Ausrüstung mit Bekleidung /Arbeitsanzüge und heiles Schuhwerk/ fort. Nach wie vor ist die Verpflegung der in Frage kommenden Personen gut, so dass man hofft, diese Leute in einem verhältnismässig guten Gesundheitszustande verabschieden zu können.

Pakete ins Getto:

Augenblicklich kommen durchschnittlich zirka 12 bis 15 Pakete täglich ins Getto. Diese Pakete gelangen durch die Judenpost auf den Baluter-Ring und von dort zur Sonderabteilung, wo die Ausfolgung an die Adressaten erfolgt. Es kommen aus verschiedenen Ländern Pakete herein. Bisher war die Praxis so: von den an Juden adressierten Paketen kam wohl ein Teil ins Getto, die Pakete wiesen jedoch weder Absender noch Empfänger auf, so dass die Leitung der Sonderabteilung dieses Gut nach eigenem Ermessen verwendete. Nunmehr hat vor einiger Zeit der Leiter der Sonderabteilung, M. Kligier, bei der Geheimen Staatspolizei durchgesetzt, dass die Pakete an die Adressaten ausgefolgt werden können, zu welchem Zwecke er sich die Angabe des Empfängers bei jedem Pakete erbat. So kommt es nun, dass also die Adressaten tatsächlich in den Besitz der Pakete gelangen. Fast alle Sendungen sind an Eingesiedelte gerichtet. Nebst Brot, Kartoffeln, Trockengemüse, Wurst kommen auch wertvolle Kolonialwaren wie Tee, Kaffee, Kakao, Olivenöl, Fleischkonserven etc. herein. Das Quantum ist /bei dem oberwähnten Durchschnittseingang/ sehr gering.

Approvisation.

Keine Aenderung. Heute kamen alles in allem 8.400 kg Kohlrüben und 10.000 kg Rettich herein. An Fleisch sind heute 2.300 kg und 1.130 kg Gekröse hereingekommen.

Kleiner Getto-Spiegel.

Der Chronist hat Geburtstag.3

Ich erwähne das nicht etwa, weil das ein historischer Gettotag ist oder weil man sich angesichts so vieler Sterbetage über den wiedererlebten Geburtstag freut. Weder das eine noch das andere verdient in dem aufgewühlten Ozean des Jammers auch nur ein Wort der Erwähnung. Ich könnte, was ich hier zu sagen habe, auch von Herrn Ypsilon erzählen, aber hier soll ich ja nicht novellistische Talente beweisen, sondern das Gesicht des Tages nachzeichnen. Mein Geburtstag war immer für meine Familie4 und meine Freunde ein Anlass, mich verwöhnten Menschen noch mehr an die Schönheiten eines gutbürgerlichen Lebens zu ketten. Und das geschah auch heute, an dem dritten Geburtstag, den ich als Eingesiedelter im Getto erleben darf. Und wie ich an diesem besonderen Tage verwöhnt wurde, will ich kurz berichten, nicht ohne zu bemerken, dass ausser meiner Familie und zwei älteren Damen, die bei mir leben, niemand von dem Ereignis Kenntnis hatte. Und wie alles im Getto drehte sich auch diese Feier nur um das Menu. Es gab ein gemeinsames Geburtstagsessen für uns alle 7 Personen und für mich separat gab es einen besonderen Schmaus. Der Tisch war besonders feierlich gedeckt. Da wir keine Tischtücher aus Prag mitgebracht haben, bekamen wir alle eine Papierserviette, ein unvorstellbarer Luxus im Getto. Die Suppe bestand aus etwas Roggengrütze und zur Feier des Tages wurden drei Kartoffeln hineingerieben, der höchste Trick zur Verdickung einer Wassersuppe. Etwas Paprika und gedörrter Porree gaben Farbe und Geschmack. Der zweite Gang: Babka aus Kartoffelschalen. Das ist schon was Besonderes. Ohne hohe Küchenprotektion kann man sich einen solchen Leckerbissen nicht schaffen. Und dann muss man wissen, in welcher Küche die Kartoffeln mit einfachem Messer oder mit Kartoffelschäl-Messer geschält werden. Das ist ein grosser Unterschied. Dort sind sie dick und hier bestehen sie nur noch aus hauchdünnen Vitaminen. /Es hat im Getto ein paar Aerzte gegeben, die allen Ernstes den Juden einreden wollten, die Schalen enthielten Vitamine, man solle daher gegen Knochenerweichung Schalen fressen.5/ Kurzum, meine Frau hat, weiss der Himmel auf welchem Protektionswege, die Schalen erbeutet – oder vielleicht zu 70 Mk das kg gekauft – ein Geburtstagskind darf nicht fragen. Diese Babka wurde also in der Tschulentbäckerei so gründlich gebacken, dass sie eigentlich nur noch aus Rinde bestand. Das hat einen sehr grossen Vorteil: Die Zähne kriegen was zu beissen und der Gaumen erfährt von ihnen nicht, wie sie schmecken. Schalen, in der Fleischmühle gemahlen, mit Kaffeeersatz und etwas Mehl – das ganze sieht dann aus wie ein deformiertes Brikett-Stück. Dieser dunkle Felsen auf meinem Teller ist übergossen mit einer Crème. Wie macht man Crème? Man nehme etwas Zucker, etwas „Kaffeepulver“ und einen Teelöffel Mehl. Das Ganze rühre man mit einer Tasse Wasser an, koche den Brei, lasse ihn erkalten und dann schlage man die Masse mit der Schaumrute6. So entsteht eine dunkelbraune süsse Crème. Sie schmeckt haargenau wie eine Mokkacrème – das Haar der Länge nach gemessen, denn unsere Geschmacksnerven sind längst gelähmt oder haben das Gedächtnis verloren. Mit kräftigen Kunstgriffen brechen wir die Felsblöcke. Alle sind begeistert und dankbar erinnert man sich an die Menschen in Pearl Bucks „China-Roman“ Die gute Erde, an die ebenso unschuldigen Kulis, die Erde essen müssen.7 Man soll sich nicht beklagen und soll an das echte China denken, wir leben doch nur in einer europäischen Nachahmung. Aus!

Das war das Geburtstagmenu. Dann kamen die Geschenke! Meine Kinder8 haben sich ein paar Suppen abgespart und für den Erlös 10 dkg Zucker gekauft. Meine Schwester9 stellte sich mit 50 Zigaretten ein, noblen, schleichgehandelten. Ein kleines Vermögen mussten sie gekostet haben. Die beiden Damen überreichten mir ein winziges Etui mit unbekanntem Inhalt. Ich wollte schon eine unwillige Bemerkung machen, so verpackt man doch Schmuckstücke aus Gold und Silber – und das muss doch jetzt alles abgegeben werden. Gespannt entfalte ich das winzige Papierchen und es kamen zum Vorschein: vier Zündsteine für mein Feuerzeug. Ich war gerührt, konnte aber einen milden Vorwurf wegen der Geldausgabe nicht unterdrücken. Vier Zündsteine! Rätselhaft, wo die Frauen diese Juwelen aufgestöbert haben. Sie müssen monatelang gesammelt haben, bis diese vier seltenen Steine beisammen waren. Und meine Frau schenkte mir eine – Träne. Nun, die Nerven versagen manchmal in Shanghai- Litzmannstadt. Kannst du, später Leser, ausrechnen, wieviel Stunden sie gebraucht haben mag, um die Kartoffelschalen für die „Babka“, meinen Geburtstagskuchen, durchzuklauben10?

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Ruhr.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 4 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 2 Herzkrankheiten, 1 Frühgeburt, 1 Totgeburt.

1

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „sollen“.

2

Männer waren im Getto Litzmannstadt von Anfang an zahlenmäßig unterrepräsentiert. Vgl. den Eintrag ‚Auffallend ist die wachsende Anzahl der Frauen‘ in den ‚Gerüchten‘ vom 22. Juli 1941.

3

Oskar Singer, der Verfasser des Eintrags „Der Chronist hat Geburtstag“, wurde am 24. Februar 1944 51 Jahre alt. Vgl. Feuchert 2004a, S. 170.

4

Mit „meine Familie“ sind Dr. Oskar Singer, Margarethe Singer (Ehefrau), Ilse Singer (Tochter) und Ervin Singer (Sohn) gemeint.

5

Im Gegensatz zur sehr dünnen Schale der gekochten Kartoffel enthalten die relativ dicken Schalen von rohen Kartoffeln tatsächlich sehr viel Vitamin C, das eine vorbeugende Wirkung gegen Skorbut aufweist. Knochenerweichung (Osteomalazie) steht jedoch in Zusammenhang mit einer Mangelversorgung an Vitamin D.

6

Schaumrute ‚Schneebesen‘; wie Schneerute eine regionale österr. Variante.

7

Pearl S. Buck veröffentlichte zwischen 1931 und 1935 ihre Trilogie „The House of Earth“. Ihr bekanntester Roman, „The Good Earth“ („Die gute Erde“), erschien 1933 in deutscher Übersetzung. Buck erhielt 1938 den Nobelpreis für Literatur.

8

Ilse und Ervin Singer lebten mit ihren Eltern Oskar und Margarete Singer im Getto.

9

Oskar Singers Schwester war Else Brieger.

10

durchklauben, zu klauben ‚(brauchbare Stücke) aussondern, aussortieren‘; regional.