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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 25. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
145
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Das Wetter:

Tagesmittel 9-12 Grad, es regnet.

Sterbefälle:

15,

Geburten:

3 /1 m., 2 w./

Festnahmen:

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

76.937

Tagesnachrichten.

Der Präses für die Waisenkinder:

Anlässlich der Schewuoth-Feiertage1 gab der Präses an die adoptierten und alleinstehenden Waisenkinder Talone aus, u.zw. 35 dkg Mehl, 10 dkg Roggengrütze, 10 dkg Zucker, braun, 10 dkg Brotaufstrich, 5 dkg Marmelade.

Die Hoffnung der Bevölkerung auf eine Schewuoth-Ration wird sich nicht erfüllen. Auch die Masse der Talonbezieher hat keine Aussicht auf eine Sonderzuteilung, wenn auch der Präses an einige wenige Personen solche Feiertagstalone gegeben hat.

Einige Gettopferde und Fuhrwerke werden nach der Stadt gebracht, das wird die Transportschwierigkeiten des Gettos noch mehr erhöhen. Die dem Getto zugewiesenen Traktoren sind voll beschäftigt und arbeiten fast Tag und Nacht. Da sämtliche Fuhrwerke für den Transport von Waren nach und von den Betrieben benützt werden, stehen für die Lebensmittelzufuhr zu den Läden und Bäckereien Fuhrwerke nur nach 17 Uhr zur Verfügung.

Approvisation.

Heute kam erstmalig wieder ein grösseres Quantum Kartoffeln herein u.zw. 54.760 kg. Das ganze Getto ist aufgeregt. Wenn man ein paar Kartoffelwagen durch die Stadt rollen sieht, schwillt das Herz der Passanten und es geht von Mund zu Mund: „Eine Menge Kartoffeln rollt an.“ In Wirklichkeit reicht das alles nicht für eine Ration. Es handelt sich hier um die Kartoffelzuteilung für den Monat Juni, die schon jetzt im Mai anrollt. Diese Kartoffeln müssen ebenfalls den Küchen zugeführt werden, die ja buchstäblich nichts mehr zu kochen haben.

Es kamen ferner 4.140 kg konserv. Rote Beete und ebensoviel Petersilie. Ferner 3.500 kg Fleisch.

Ressortnachrichten.

Die Korsettbetriebe haben alle Aufträge ausgeführt und stehen unmittelbar vor dem Stillstand.

Kleiner Getto-Spiegel.

Pakete:

Die Zahl der Paketempfänger steigt von Tag zu Tag. Ungefähr 400 Personen erhalten jetzt Lebensmittelsendungen über die Sonderabteilung. Fast jeden zweiten Tag werden diese Sendungen durch den Leiter der Sonderabteilung, M. Kliger, ausgefolgt. Die Wirkung dieser Tatsache ist eine mehrfache: Zunächst werden die Empfänger, hauptsächlich Prager, von allen andern beneidet. Es ist eine Art neuer Aristokratie im entstehen begriffen. Wird einer durch die Sonder ins Ressort verständigt, dass er ein Paket erhalten hat, so kann er die süsssaueren Gratulationen im Ressort entgegennehmen und kann mit Sicherheit damit rechnen, dass er bei der Zuteilung eines Umlauftalons nicht mehr berücksichtigt wird. Der Paketempfänger ist darüber empört, denn er sagt sich, dass doch seine Arbeit im Ressort nichts zu tun habe mit dem privaten Paketempfang. Aber das ist eine Rechtsauffassung, die das Gettoleben aufgehoben hat. Er ist doch in Wirklichkeit besser gestellt, wenn er regelmässig Pakete erhält und es ist begreiflich, dass man ihn bei der Ausgabe der Umlauftalone nicht berücksichtigt. Aber er will es nicht verstehen und es gibt Erbitterung. Das Verhältnis zwischen solchen Eingesiedelten und der bodenständigen Bevölkerung verschlimmert sich dadurch. Aber noch eine andere Wirkung ist zu verzeichnen: Bisher hat sich der Eingesiedelten der Prager Dr. Oskar Singer angenommen, dem es doch hie und da gelang, seinen Landsleuten wie auch sonstigen Eingesiedelten zu helfen. Jetzt aber, da die Pakete in grösserem Ausmasse einlangen, ist ihm das nicht mehr möglich. Die Eingesiedelten, die keine Pakete erhalten, sehen sich nun einer Verschlimmerung ihrer Lage gegenüber. Dr. Singer bemühte sich von den Pragern kleine Brotabgaben durchzusetzen. In mehreren Besprechungen wurde diese Frage erörtert. Bisher aber versagen die Prager auf der ganzen Linie.2 Es kann nicht geleugnet werden, dass die Eingesiedelten in vieler Hinsicht schlimmer daran waren bzw. sind als die bodenständige Bevölkerung und dass sie jetzt, wo sie3 endlich Hilfe erhalten, glauben, alles nachholen zu müssen. Aber es ist keineswegs entschuldbar, dass sie keine Spur von Solidarität aufbringen. Die Bemühungen, in der Richtung einer regelmässigen Brotabgabe, gehen nichtsdestoweniger weiter. Vielleicht wird es doch gelingen, die Paketempfänger zu einer gemeinschaftlichen Aktion zusammenzuschliessen.4

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

10 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 2 Herzkrankheiten, 1 Selbstmord.

1

Schawuot, das Fest der Erstlingsfrüchte, folgt 50 Tage nach Pessach. Zu diesem Zeitpunkt findet in Israel die Weizenernte statt. In der Diaspora werden in Anlehnung daran Synagogen und Häuser mit Blumen und Früchten geschmückt. Zudem erinnert Schawuot an den Empfang der Zehn Gebote am Berg Sinai. Gläubige studieren an diesem Tag bis in die Nacht hinein die Tora. Traditionell wird Milch und Honig zu diesem Fest gereicht. Vgl. de Vries 2003 S. 145-150; Schoeps 2000, S. 739.

2

HK: Am Rand des Eintrags – etwa ab Höhe der namentlichen Erwähnung Oskar Singers – von Hand eine eckige Klammer hinzugefügt.

3

HK, LK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „jetzt“.

4

Oskar Singer engagierte sich in der Frage der solidarischen Verteilung der so nötigen Lebensmittelpakete. Den folgenden Dialog verfasste er am 18.06.1944 unter dem Titel „Krankenhilfe für Eingesiedelte. Brot-Bulletin Nr. 6“:
„Miloš: Was will eigentlich der Dr. S. von uns! Pakete sind doch eine Privatsache; wie kann er sich unterstehen...
Arnošt: Nur keine Aufregung. Er zwingt doch keinen. Miloš: Er zwingt mich aber doch!
Arnošt: Wieso, du hast doch nichts gegeben!
Miloš: Das stimmt, aber zwingen tut er mich doch. Moralisch!
Arnošt: Was heisst moralisch? Moralisch fühlst du dich also gezwungen, aber praktisch gibst du nicht, wie ist das?
Miloš: Weil ich ein Prinzip habe.
Arnošt: Was für ein Prinzip?
Miloš: Nichts zu geben. Mir hat auch niemand was gegeben.
Arnošt: Wieso denn? Ich weiss genau, dass du durch Dr. S....
Miloš: Das hat doch nichts damit zu tun. Hat er mir aus seiner Tasche gegeben?
Arnošt: Nein, aber mit seinen Füssen ist er gelaufen und mit seinen Plejzes hat er es durchgesetzt.
Miloš: Was geht mich das an. Warum macht er das? Wer hat ihn gezwungen? Warum hilft er?
Arnošt: Wahrscheinlich aus Prinzip.
Miloš: Mein Prinzip ist gesünder. Es lässt sich nicht ausnutzen.
Arnošt: Aber doch fühlst du dich moralisch gezwungen. –
Miloš: Was heisst moralisch gezwungen? Theoretisch, natürlich. Es ärgert mich. Es ist doch ein Eingriff in mein Privatleben und das ist mir doch das Heiligste, was ich habe.
Arnošt: Und worin besteht dieses Heiligste, wenn ich fragen darf?
Miloš: In dem Recht, mich gegen einen moralischen Zwang wehren zu dürfen!
Arnošt: Aber das tust du doch mit Hilfe deines Prinzips.
Miloš: Ja, aber deswegen hört doch der moralische Zwang nicht auf, und das ist doch gemein von diesem Dr. S.
Arnošt: Und leidest du sehr darunter?
Miloš: Leiden? Das wäre übertrieben, ich ärgere mich nur. Am liebsten möchte ich dem S. die Fresse einschlagen, weil er mein ganzes Privatleben vergiftet hat.
Arnošt: Die Sache ist so: Du bist krank. Leidest noch an einer Psychose. Geh hin, gib deine 10 dkg Brot je Paket ab und der moralische Druck hört von selbst auf. Kaum wirst du geopfert haben, so wirst du selbst anfangen auf andere moralisch zu drücken – und warum soll sich nicht auch der Andere ärgern. – Also werde gesund durch Anständigkeit. Dir wird es helfen und Andere wird es retten.
Miloš: Aber mein Prinzip!
Arnošt: Dein Prinzip ist nur der schwindelhafte Vorwand deiner zweiten [See]le. Lass dich nicht beschwindeln. Sei ein anständiger Mensch!“ (APŁ, 278/1099, Bl. 302). Vgl. Feuchert 2004a, S. 246-252.