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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 26. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
222

Das Wetter:

Frueh 19 Grad, bewoelkt, Mittag 30 Grad, die Sonne bricht durch, es wird wieder schoen.

Sterbefaelle:

6

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 6

Widerstand: 1

Bevoelkerungsstand:

84.036

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief still. Der Praeses ist wieder in bester Form und erscheint bald da, bald dort an den Brennpunkten des Gettos.

Doppelte Wohnungen:

Wir haben bereits berichtet, dass der Amtsleiter Biebow gelegentlich seines Besuches in Marysin, im Heim I, angeordnet hat, dass ihm eine Liste aller Personen vorzulegen ist, die ueber eine Sommerwohnung, also eine doppelte Wohnung, verfuegen. Diese Anordnung hat einige betroffene Personen gewissermassen in Schrecken versetzt, weshalb sie sich entschlossen haben, die Sommerwohnung aufzugeben und ins Getto-Zentrum zurueckzukehren.

Approvisation.

Wurst-Zuteilung:

Heute wurde eine Wurstzuteilung von 100 g Wurst auf Coupon Nr. 70 der Nahrungsmittelkarte veroeffentlicht. Diese Ration ist ab morgen, Freitag, den 27. August, einzuholen.

Neue Ration:

Ueber die neue Ration sind natuerlich wieder die wildesten Geruechte im Umlauf. Man erwartet auf Grund der reichlicheren Kartoffelzufuhr eine hoehere Kartoffelration. Nach wie vor herrscht Hunger im Getto, da es noch immer kein Gemuese gibt. Die minimalen Einfuhren von Kohlrabi, Rettich und Weisskohl ermoeglichen noch immer nicht eine nennenswerte Ausgabe einer allgemeinen Ration /siehe Waren-Eingangs-Meldungen/.

Waren-Eingang

vom 25. August 1943.

1./ Lebensmittel: 2400 kg Rettich, 1260 kg Sellerie, 7167 kg Kohlrabi, 33.350 kg Weisskohl, 67.310 kg Kartoffeln, 2404 kg Rapsoel, 1045 kg Pferdefleisch, 908 kg Rindfleisch Freib., 14 kg Hammelfleisch Freib., 34 kg Kalbfleisch Freib., 69 kg Schweinefleisch, 9510 kg Kartoffeln, 25.000 kg Salz.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 55 St. Eichenbohlen, 20.000 kg Eichenbretter, 10 kg Glutinleim1, 4730 kg Abfallholz, 3.160 kg Kieferschwamm2, 37.660 kg Kieferbretter, 1 St Linoleum, 2 St. Girandolen3, 104.060 kg Schnittholz, 3960 kg Eisendraht, 9700 kg Tarngewebe, 10.200 kg Holzkohlen.

Rattengift:

In der Liste der eingelaufenen Lebensmittel vom 18. ds. befand sich auch eine Post von 10.000 kg Karsan. Man zerbrach sich den Kopf, was das wohl fuer ein neuartiges Nahrungsmittel ist und man dachte an ein neues Ersatzmittel. Nun stellte sich heraus, dass es sich um ein Rattengift handelt. Also wenigstens ausreichende Nahrungsmittel fuer Ratten.

Reorganisation:

In der Approvisations-Abteilung wird noch immer ueber die Reorganisation der Lebensmittelverteilung beraten. Es liegt ein Antrag vor, alle Verteilungsstellen eines Rayons in einem Laden zu konzentrieren. Das wuerde naemlich bedeuten, dass nunmehr Brot, Kolonialwaren, Kleingemuese-Rationen, Fleisch, Wurst und Molkereierzeugnisse, kurz alles, was Rationenweise zur Ausgabe gelangt, in einem Laden, wohl mit verschiedenen Abteilungen, eingeholt werden koennte. Hoffentlich gelingt es der Approvisations-Abteilung, diesen Idealzustand herzustellen.

Ressortnachrichten.

Reduktion:

Im Zuge der Reduktion in verschiedenen Abteilungen duerfte auch bei der Sonder-Abteilung eine ziemlich einschneidende Reduktion vorgenommen werden, um auch von dort produktionsfaehige Kraefte freizubekommen.

Die Aktion dauert an. Am 25. ds. fuehrte der Leiter des ArbeitsamtesSienicki die Musterung der Beamten der Talon-Abteilung durch. Auf dieser Liste befinden sich auch hoeher gestellte Beamte dieser Abteilung.

Leitungsaenderung in den Waeschereien:

Der bisherige Leiter der III. Reinigungs- und Waschanstalt, Richterstrasse 9, Goldkranz, wurde auf eine andere Stelle versetzt. Die Leitung dieser Waescherei uebernahm Birkenfeld, der bisherige Leiter der Kleiderreparaturwerkstaette, Kreuzstrasse 2.

Fuersorgewesen.

Erholungsheime:

Die Angelegenheit der Erholungsheime ist nun wieder aktuell. Wenigstens 3 Heime sollen binnen kuerzester Frist wieder eroeffnet werden. Doch steht es fest, dass nur die Schwerarbeiter an die Reihe kommen sollen. Hierueber haben wir bereits berichtet. Zusaetzlich wird in dieser Sache bekannt, dass es den Leitern ausdruecklich untersagt sein wird, Kandidaten aus der Leitung und dem Personal der Bueros zu beantragen.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Strafverhandlung gegen den Kassier Kempinski, wegen Defraudation.

/Verhandlungen vom 9., 10., 22.VIII.1943. Senat: Feygl, Bytenski, Prochownik, Prok.: Liske/.

An oberwaehnten Tagen wurde die Angelegenheit des ehemaligen Kassiers der Abteilung fuer die EingesiedeltenKempinski verhandelt, der beschuldigt wurde, den Betrag von 5.000.- Mk defraudiert zu haben. Der Anklage lag folgender Tatbestand zugrunde.

Kempinski, der vor dem Kriege 15 Jahre Kassier in verschiedenen Banken war und sich des besten Rufes erfreute, war zuletzt u.z. bis Mitte Dezember Kassier in der A.f.E.4 Am 5. Oktober v.J. ging er in die Hauptkasse, um folgende Transaktionen durchzufuehren: Die Behebung des Betrages von Mk. 720.40 auf Grund eines Schecks der Zentralbuchhaltung, der Behebung des Betrages von 5.000.- Mk auf Grund einer Bedarfsmeldung der A.f.E. und die Einzahlung des Betrages von Mk. 3.158.94 auf Grund eines Auftrages der Zentralbuchhaltung.Kempinski begab sich zum Leiter der HauptkassaH. Ser, der ihm alle 3 Transaktionen paraphierte, sodann in die Liquidatur, wo er die Assignaten ueber den Empfang von Mk 720.40 und Mk 5.000.- unterschrieb, und sodann zum Einzahlungs- resp. Auszahlungsschalter der Hauptkassa. 2 Tage spaeter ging Kempinski auf Urlaub ins Heim und uebergab die Kassa seinem Vertreter H. Ing. Lindenfeld. Nach Rueckkehr aus dem Heim uebernahm Kempinski die Kassa wieder und leitete sie bis Mitte Dezember 1942, d.i. zur Zeit, wo er aus der A.f.E. ausschied und in die Waescherei Holzstrasse ueberging. Im Jaenner 1943 machte die Zentralbuchhaltung eine Kontrolle der Kontis saemtlicher Ressorts und Abteilungen und dabei stellte es sich heraus, dass lt. Aufstellung der Zentralbuchhaltung das Konto der A.f.E. einen Stand von Mk 8.060.- aufweist, waehrend dieses Konto lt. Aufstellung der A.f.E. Mk 3.060.- betrug. Es stellte sich weiters heraus, dass im Kassabuch der A.f.E. der Eingang von Mk 5.000.-, ueber dessen Auszahlung die Hauptkassa die Zentralbuchhaltung verstaendigt hatte, nicht gebucht worden war. Man stand zunaechst vor einem Raetsel, spaeter richtete sich der Verdacht gegen Kempinski, der von allem Anfang eine Defraudation in Abrede stellte und behauptete, sich an nichts erinnern zu koennen.

In demselben Sinne verteidigte sich Kempinski bei der Hauptverhandlung und fuegte nur hinzu, er habe, wie er hypothetisch annehme, am kritischen Tage das Geld aus dem Grunde nicht abgehoben, weil er sich zu lange in der Hauptkasse im Gespraech mit H. Ser aufgehalten hatte und in Anbetracht des Umstandes, dass er noch viel herumzulaufen hatte, mit soviel Geld nicht herumgehen wollte, er duerfte daher beschlossen haben, die Mk 5.000.- erst tags darauf zu beheben. Darauf habe er dann vergessen, vielleicht habe er die Assignate verloren. Von den einvernommenen Zeugen schloss H. Ser die Moeglichkeit, ein anderer habe den Betrag von Mk 5.000.- behoben, aus, die Kassierin vom Auszahlungsschalter erinnerte sich genau, dem Angeklagten den Betrag von Mk 5.000.- ausgefolgt zu haben. Entlastungszeugen stellten dem Angeklagten das beste Zeugnis aus, die Buchsachverstaendigen kritisierten die Buchfuehrung der Hauptkassa und kamen zum Schluss, dass dieselbe dermassen von den allgemeinen gueltigen Prinzipien einer geordneten Buchfuehrung abweiche, dass sie Machinationen verschiedenster Art nicht ausschliesse.

Der Angeklagte wurde freigesprochen. In der Begruendung hob der Vorsitzende hervor, das Gericht habe trotz des zum Teil sehr belastenden Materials nicht mit einem Schuldspruch vorgehen koennen. Die Aussagen des H. Ser und der Kassierin muessen mit Reserve beurteilt werden, dass die gegenstaendliche Sache in eine Zeit hereinspielt, als auf bisher unaufgeklaerte Weise ein gefaelschter Scheck ueber Mk 28.000.- in der Hauptkassa honoriert wurde, die Hauptkassa deshalb aus der gegenstaendlichen Sache eine Prestigefrage machte und die Aussagen der erwaehnten Zeugen zwar subjektiv richtig, objektiv aber gefaerbt sein koennen. Das Gericht konnte nicht glauben, dass ein Kassier mit so langer Praxis eine so plumpe Defraudation durchfuehren koennte, wo er die verschiedensten Moeglichkeiten zur Vertuschung seiner Tat hatte. Laut Ansicht des Gerichtes konnte sowohl der Angeklagte als auch jemand anderer den Betrag von Mk 5.000.- behoben haben und deshalb wurde der Angeklagte aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Hauptverhandlung 25.VIII.1943, Motyl, Schwebel.

Kausen: 4, Delikte: 3 Diebstahl, 1 Betrug.
Erledigung: Urteile: 3, davon freisprechend: 0, vertagt: 1
Strafen:
  • Fuer Diebstahl von ca 8 kg Kartoffel – 2 Wochen Haft,
  • Fuer systematischen Diebstahl von Kartoffeln aus Kueche – 1 Monat Gefaengnis,
  • Fuer Fundverheimlichung eines gefundenen Holztalons – 20 Mk Geldstrafe,
  • Fuer Ausfuellung dieses Talons mit den Nummern seiner Lebensmittelkarte und Behebung des Holzes – 2 Wochen Haft.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

9 Bauchtyphus, 1 Fleckfieber, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

1 Lungentuberkulose, 1 Typhus, 1 Krebs, 1 Rippenfellentzuendung, 1 chronische Darmentzuendung, 1 Herzmuskelschwaeche.

1

Glutinleim beruht auf dem Grundstoff Glutin (Gelatine), der aus Tierknochen und -häuten gewonnen wird.

2

Kieferschwamm: Es handelt sich um ein qualitativ minderwertiges Schnittholz, gefertigt aus Stämmen, die vom parasitären Pilz Trametes pini befallen sind.

3

Girandolen: Wandleuchter mit einem als Hintergrund angebrachten Streuungsspiegel; zu frz. girandole ‚Lichtdekor, Wandleuchter‘.

4

Die Abkürzung „A.f.E.“ steht für „Abteilung für Eingesiedelte“.