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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 27. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
117

Das Wetter:

Tagesmittel 8-18 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

13,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

77.397

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Für heute wurde eine grössere Kommission im Getto erwartet. Der O.D. hatte strikten Auftrag, jeden Passantenverkehr zu unterbinden, auch Leute mit Passierscheinen nicht auf den Strassen zu dulden. Diese grosse Kommission wurde in den Vormittagstunden erwartet, traf aber nicht ein. Es kamen lediglich zwei Herren, die in Begleitung des Amtsleiters Biebow das Baugelände Radegast und die Metall-Abteilg. I besichtigten.

Talone:

Das Tagesgespräch des Gettos ist noch immer die neue Talonordnung. Die Kategorie 3, d.i. Einzeltalone an Stelle der früheren B I und B III, wurden bereits geregelt, und werden im neuen R-Laden an der Steinmetzgasse ausgefolgt. Obwohl der Andrang zu diesem Laden sehr gross ist, erfolgt die Abfertigung, dank der grosszügigen Organisation, sehr flott. Die Inhaber der ehemaligen B I-Zuteilungen erhielten durch ihre Abteilungen die Verständigung. Die Zuteilungen für den ehemaligen Beirat erwartet man nicht vor Sonntag. Sobald alle Talone feststehen, werden wir eine Uebersicht des Umfanges jeder Kategorie geben.

Anbauflächen:

Der Kampf um die Anbauflächen geht weiter. Die Lage der kleinen Leute ist trostlos. Ueberflüssig etwas zu unseren Ausführungen zu diesem Thema hinzuzufügen.

Approvisation.

In der Zeit vom 25.4. bis zum heutigen Tage erhielt das Getto an Kartoffeln 38.790 kg, Rote Beete 16.700 kg und 24.250 kg konserv. Kohlrüben. Am 25.4. kam erstmalig wieder ein Quantum von 810 kg Quark, am 26. kamen 2.370 kg, sodass sich das Getto wieder auf eine kleine Ration freuen darf. An Fleisch kam am 25. nichts, am 26. 3.100 kg und am 27. 1.620 kg, zusammen 4.720 kg. Sonstige Lebensmittel wie üblich.

Quark-Zuteilung:

Tatsächlich erfolgt heute schon die Ausgabe von Quark u.zw.:

Ab Donnerstag, den 27.4.44, werden an alle in den zuständigen Milchverteilungsstellen auf Coupon Nr. 48 der Nahrungsmittelkarte

  • 125 Gramm Quark pro Kopf für den Betrag von Mk. 0.50

herausgegeben.

Kohlen-Zuteilung:

Ab Montag, den 1. Mai 1944, werden an alle auf Coupon Nr. 70 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 1.6.44 bis zum 30.6.44 einschliesslich

  • 8 kg Kohlen pro Kopf für den Betrag von Mk 3.-

herausgegeben. Die Ausgabe erfolgt lt. Verteilungsplan.

Kleiner Getto-Spiegel.

Die Saison hat begonnen:

Die Getto-Landwirte sind angetreten. Die letzten Apriltage sind noch immer recht kalt, aber die Angst vor dem Hunger jagt die Menschen zur Arbeit. Die „Landgüter“ bestehen oft nur aus 30 qum. Wo noch vor einigen Tagen ein Holzhaus gestanden ist, das von der Kohlenabteilung zur Brennholzgewinnung abgetragen worden war, werden die Ziegelreste, Steine und Unrat entfernt und der hoffnungsfrohe Inhaber dieser „Działka“ beginnt mit Spaten und Brecheisen den Boden zu bearbeiten. Es gibt viele Gettowunder. Das Sprichwort: Im Getto geht alles – wird sich aber doch nicht immer und überall bewahrheiten. An und für sich ist der Boden im Stadtinnern, überhaupt der des Gettos, recht sandig, aber dort wo Häuser gestanden sind, wird es diesmal keine Wunder geben, denn auf Schutt und Asche werden nicht einmal armselige Buraki wachsen, von edlerem Gemüse garnicht zu reden. Man weiss nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man so einem ausgemergelten Juden zusieht, wie er verzweifelt mit seinem Brecheisen den widerspenstigen, erbarmungslosen Boden bearbeitet, den noch vor kurzer Zeit eine elende Proletarierbaracke gedeckt hat. Aber der Jude will leben, er will den Boden bezwingen. Vielleicht gibt es doch ein Wunder?

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 10 Tuberkulose

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 6 Lungentuberkulose, 5 Herzkrankheiten, 1 Lungenentzündung, 1 Gebärmutterkrebs.