Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 27. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
27
Podcast Icon

Das Wetter:

5 Grad Wärme, nass.

Sterbefälle:

10,

Geburten:

2 /weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes 1

Bevölkerungsstand:

82,933

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Zu verzeichnen ist, dass heute wenigstens etwas Fleisch ins Getto kam u.zw. 1331 kg Rindfleisch und 336 kg Pferdefleisch. – An Gemüse hingegen kamen nur 2950 kg Rettich. Die Einfuhr von Kolonialware ist kontingentmässig.

Reorganisation der Mittagsausgabe:

Es liegt nunmehr das Rundschreiben Nr. 185 der Küchen-Abteilung vor, durch welches die Ressorts und Abteilungen über den neuen Modus der Suppenausgabe informiert werden. Das neue System tritt mit 1. Februar 1944 in Kraft. Die wichtigsten Punkte sind:

  1. Sämtliche Ressorts und Abteilungen geben der Küchen-Abteilung den genauen Evidenzstand per 22. Januar an. Für jeden in der Evidenz Figurierenden erhält der Betrieb eine Mittags-Stammkarte und zwei Kontrollkarten, die mit der gleichen Nummer versehen sind.
  2. Am 1. Feber 44 erhält jeder Arbeiter von seinem Betrieb seine Stammkarte. Die zur Abnahme des Mittags berechtigenden Kontrollkarten erhält der Betreffende wie bisher. Jedem ab 1. Februar 44 neu zugewiesenen Arbeiter stellt das Arbeitsamt gegen Vorweisung der Stammkarte die beiden Kontrollkarten aus.
  3. Die Ausgabe der Suppen erfolgt gegen Vorlage der Stamm- und Kontrollkarte /die Kontrollkarten werden wie bisher eingezogen und nach Abgabe der Suppe dem Betrieb zurückgestellt/.
  4. Wenn ein Arbeiter entlassen wird, so wird sein Kontrollkartenkomplett von der Arbeitsstelle eingezogen und im Betrieb aufbewahrt. Die Stammkarte hingegen muss stets im Besitze des Inhabers bleiben, damit er sie, wo immer er sich auch befindet / Krankenhaus, Gefängnis, etc./, vorweisen kann. Im Todesfall muss die Stammkarte zusammen mit den andern Lebensmittelkarten im Standesamt abgeliefert werden.

Schliesslich erfolgt noch die Regelung der Mittagsausgabe für die sogenannten Delegierten.

– In Punkt 7 wird die Abnahme der Zusatzmittage reguliert.

Die neue Serie der Mittags-Stammkarten enthält eine Rubrik „Z“, die an der Arbeitsstelle mit einem kleinen Z-Stempel versehen wird. Zusätze werden demnach auch nur gegen Vorlage der Stammkarte honoriert.

In Punkt 8 wird bestimmt, dass die Suppen ausschliesslich am Tage der Gültigkeit abgenommen werden müssen.

Das neue System wurde mit der Fach- und Kontrollabteilung vereinbart. – Das Original-Rundschreiben wird dem Archiv einverleibt.1

Gleichzeitig wird mit Rundschreiben Nr. 186 den Leitern aller Werkküchen eine genaue Information erteilt. Auch dieses Rundschreiben wird dem Archiv einverleibt.

Ressortnachrichten.

Neues Kinder-Ressort:

Ein neues Kinder-Ressort für Handarbeiten wird an der Marisynska 71 eingerichtet. Administrative Leiterin wird Frau Landau Stefanie, der fachmännische Leiter wird erst bestimmt werden.

Man hört, man spricht ...

... dass mit der nächsten Ration Kartoffeln, Mohrrüben und Rettiche ausgegeben werden. Dieses hartnäckige Gerücht hat nur Unterlagen hinsichtlich der Möhren und Rettiche.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 10 Flecktyphus.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 2 Lungentuberkulose, 4 Herzklappenentzündung, 2 Tbc-Gehirnhautentzündung, 1 Lungenentzündung, 1 Gemütsleiden.

1

Das Rundschreiben Nr. 185 wird in der Tageschronik, wie erwähnt, nur auszugsweise und nicht in genauem Wortlaut wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/173, Bl. 259-261: Kuechen-Abteilung, Rundschreiben Nr. 185, 19.1.1944.