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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 27. Juli 1944

Tageschronik Nr.: 
208
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Das Wetter:

Tagesmittel 19-34 Grad, sonnig, in den Morgenstunden kühl, dann heiss.

Sterbefälle:1

Geburten:2

Festnahmen:3

Bevölkerungsstand:

69,296

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Eine Kommission vom Rüstungskommando, Berlin, besichtigte heute das Getto und besuchte einige Betriebe.

Der Präses ist ausserordentlich agil und hält verschiedene Beratungen mit führenden Persönlichkeiten des Gettos.

Tabak, Freiverkauf:

Der Präses hat die Tabakabteilung beauftragt, Tabak, das Päckchen zu 10 Gramm, zum Preise von Mk 25.- im freien Verkauf abzugeben. Es handelt sich hier um eine fiskalische Massnahme, um möglichst viel Bargeld einzuziehen.

Approvisation.

In der Approvisation ist eine wesentliche Besserung, vor allem was die Gemüsezuteilung betrifft, zu verzeichnen. Hauptsächlich natürlich kommt wie bisher Weisskohl in grossen Mengen ein.

Vom 24. bis zum 26.7. einschl. kamen: 528,870 kg Weisskohl, 56,109 kg Kohlrabi, 68,551 kg Möhren /mit Laub/, ausserdem kamen Wirsingkohl, Rettich, Porree und Zwiebeln zusammen 3,610 kg.

Berücksichtigt man, dass jetzt auch schon die Anbauflächen des Gettos etwas Frischgemüse liefern, so ist die allgemeine Lage, was Frischgemüse betrifft, durchaus gut. Die Hauptnahrung des Gettos ist allerdings das Kraut. Diese einseitige Ernährung wirkt sich auf den Gesundheitszustand keinesfalls günstig aus. Leider ist die Kartoffelzufuhr sehr gering. Während dieser 3 genannten Tage kamen nur /am 24.7./ 10,620 kg Frühkartoffeln herein.

In Kreisen der Approvisation ist man besorgt wegen der Verknappung der Mehlvorräte. Wenn nicht spätestens Freitag, Samstag wieder Mehl im üblichen Ausmass hereinkommt, würde die Lage äusserst bedenklich werden.

An Fleisch erhielt das Getto an diesen 3 Tagen: 9,861 kg.

Die Verteilungsstellen sind ab heute wieder ab 7 Uhr morgens bis 19 Uhr geöffnet. In erster Linie handelt es sich darum, die Krautausgabe nach Möglichkeit zu beschleunigen. Auf den Gemüseplätzen liegen ganze Halden von Kraut, die Gefahr laufen zu verderben. Die Bevölkerung steht diesem Segen ziemlich ratlos gegenüber. Ein rascher Konsum ist nicht möglich, denn wie wir bereits gesagt haben, ist auch das Einlegen ein schwieriges Problem, denn es fehlt an Tonnen oder sonstigen Gefässen. Soviel Kraut hat das Getto nie gesehen bzw. hat jemals ein Mensch gegessen.

Ressortnachrichten.

Die Korsett- und Büstenhalternäherei /Gonik/

erhielt den Auftrag, die vorhandene noch nicht fertiggestellte Ware versandbereit zu machen. Der reichsdeutsche Auftraggeber zieht seine Gettobestände ins Reich zurück.

Kleider- und Wäscheabteilung

hat einen weiteren Auftrag erhalten, alle nicht Gettoeigenen4 Spezialmaschinen den Auftraggebern zur Verfügung zu stellen. Auch diese Maschinen werden abtransportiert.

Schäfteabteilung:

Auch diese Abteilung hat den Auftrag erhalten, die nicht Gettoeigenen Spezialmaschinen zurückzugeben.5

Kleiner Getto-Spiegel.

Aepfelchen, wohin rollst Du?

/Siehe Tagesbericht vom 8. Juli 1944./

Wir haben geglaubt, dass die Geschichte der Familie abgeschlossen ist. Das Glück war den drei Menschen hold, die Aussiedlung wurde unterbrochen, der Vater kehrte aus dem Spital zurück. Das Getto hat sich, so scheint es, mit diesen drei Menschen ausgesöhnt. Sie haben viel mitgemacht und wir glaubten sie schon in Sicherheit. Aber das Getto ist grausam, es hält seine Opfer fest in seinen faulenden Zähnen.

Der übermässig hochaufgeschossene, geistig begabte Knabe ist heute im Spital gestorben. Er ist einer eitrigen Darmverschlingung nach der Operation erlegen. Der Kaufpreis, den er in den ersten Tagen heisshungrig verschlungen haben musste, hat ihn getötet. So reichlichen Nahrungszuschuss hat der zarte Organismus nicht mehr vertragen. Ein hoffnungsvolles Menschenleben weniger, ein unglückliches Elternpaar mehr.

Der Vater musste zurückkommen, um Frau und Kind aussiedlungsfertig im Zentralgefängnis anzutreffen. Er blieb zurück; der Sohn ist gegangen, einen anderen weiteren Weg, auf dem es keine Rückkehr mehr gibt, er ist gegangen den Irrweg des Gettos!

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:6

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:7

1

HK, NYK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.

2

HK, NYK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.

3

HK, NYK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.

4

So in HK, NYK*, JFK*. In JK* fehlt der Eintrag.

5

Jakub Hiller berichtet an diesem 27. Juli 1944 über eine ganz andere Art von „Ressortnachrichten“. Er schreibt, dass die Menschen regelrecht in ihre Ressorts gestürmt seien, um Neuigkeiten zu hören, die man sich dort untereinander weitererzählt habe. Hoffnungsfroh notiert er: „Und die Lage verbessert sich für uns Getto-Juden, das fühlen wir in der Luft, die Luft bringt – wie eine Taube – die fröhliche Ansage, dass sich der Tag unserer Befreiung nähert“ (AŻIH, 302/10, Bl. 104; übers. aus dem Jidd.).

6

HK, NYK*, JFK*: Keine Angabe. In JK* fehlt der Eintrag.

7

HK, NYK*, JFK*: Keine Angabe. In JK* fehlt der Eintrag.