Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 28. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
285
Podcast Icon

Das Wetter:

Tagesmittel 11-13 Grad, bewölkt, kalt.

Sterbefälle:

7

Geburten:

1 /männlich/.

Festnahmen:

Verschiedenes 5

Bevölkerungsstand:

83,503.

Tagesnachrichten.

Neue Wachstube für die Sonderabteilung:

Der Präses hat für die Sonderabteilung, die jetzt bei der O.D.-Wache am Baluter-Ring Dienst macht, eine separate Wachstube einrichten lassen. Ein Teil des Präsidialsekretariates Ing. Ziegelman wurde an die Wachstube angegliedert. Dafür erhielt das Büro Ziegelman einen entsprechenden Raum, der bisher vom Sekretariat Wołkówna verwendet wurde. In dieser Wachstube wird nun ein ständiger Dienst der Sonderabteilung eingerichtet werden. Von dort aus werden die wichtigsten Punkte, Gemüseplatz, Kohlenplatz, Kolonialwarenabteilung, unter ständiger Kontrolle stehen.

Tschulent-Bäckereien

Gestern sollten 4 neue Tschulentbäckereien eröffnet werden. Der Präses hat jedoch mit Rücksicht auf den gegenwärtigen katastrophalen Brennmaterialmangel die Eröffnung inhibiert. Diese Verfügung wird die Bevölkerung umso empfindlicher treffen, als gerade jetzt angesichts der Holzsperre der Ausweg über die Tschulentbäckerei ein kleiner Rettungsanker war. Wir haben ja berichtet,1 dass seit Beginn der Holzsperre die Gasküchen2 eine erhöhte Frequenz aufzuweisen haben. Dasselbe gilt natürlich auch für die Tschulentbäckereien. Man muss berücksichtigen, dass, um einen Topf Kartoffel zu kochen, mindestens 1-1 1/2 kg Holz gebraucht werden. Das ist nach den heutigen Freihandelspreisen /eine Ration wurde lange nicht ausgegeben/ 3-4 Mk. Die Gebühr für einen Topf Tschulent hingegen ist 50 Pfennig bis 1 Mark.

Approvisation.

Die Lage ist unverändert kritisch, da die Behörden auf dem Standpunkt stehen, dass die Belieferung des Gettos mit Kartoffeln kontingentgemäss erfolgt sei und für die nächste Zeit demnach keine nennenswerten Zufuhren zu erwarten sind. Das Getto treibt, wie gesagt, wieder einer bösen Hungerkatastrophe entgegen, die in diesem Winter umso schwerer sein wird, als auch die Brennmaterialfrage noch nicht gelöst ist.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Berufungsverhandlung vom 21.10.43. Feigl, Flatto, Wojdysławski, Prok. Kitz. Causen 2, Delikte: Diebstahl 1, Betrug 1.

Heute wurde die Sache der Jugendlichen XY verhandelt, die im Mai d.J., zusammen mit dem inzwischen ausgesiedelten Szundraj Dawid3, eine erhebliche Menge Kartoffeln am Gemüseplatz Hanseaten 1-3 entwendet haben. Alle 3 waren auf diesem Gemüseplatz beschäftigt. Szundraj war Wägemeister, X arbeitete beim Zählen der abgegebenen Assignate, Y stand beim Ausgang und nahm die Assignate der Konsumenten ab. X entwendete eine Anzahl durchrissener Assignate, während Szundraj dem X und Y bei der Abnahme der Kartoffeln deren Assignate nicht durch,4 sondern knüllte sie nur zusammen. Beim Verlassen des Platzes gaben dann X und Y die entwendeten Assignate ab und verwendeten die zerknüllten solange wieder als die Anzahl der entwendeten Assignate reichte.5 In der ersten Instanz wurden alle drei Angeklagten zu je zwei Monaten Gefängnis unbedingt verurteilt. Die Berufung war nur gegen das Strafausmass gerichtet. In der Berufungsverhandlung wiesen die Angeklagten nach, dass sie die Handlung begangen haben, um ihre schwer lungenkranken Eltern, bezw. Schwester zu retten. Durch diesen Umstand, sowie durch das jugendliche Alter der Angeklagten – sie sind erst 16, bezw. 17 Jahre alt und machten übrigens den besten Eindruck – liess sich der Berufungssenat bewegen, den Angeklagten eine Bewährungsfrist von je 6 Monaten zu gewähren.

Die zweite Sache wurde vertagt.

Kleiner Getto-Spiegel.

Die Leiden des Rauchers im Getto:

Von dem Augenblick an, da der Verkauf jugoslawischer Zigaretten und anschliessend daran der Kleinverkauf im Tabakladen eingestellt wurde, stand der Raucher vor einer schwierigen Situation. Die Eingänge an Rauchwaren gingen ständig zurück, sodass mit einer günstigen Aenderung der Lage bis auf weiteres nicht gerechnet werden konnte.

Dem Raucher standen nunmehr nur die sogenannten „Belgischen“ Zigaretten mit ihren phantastischen Namen zur Verfügung. Der Durchschnittskonsument hatte sich an diese Sorten bereits gewöhnt, aber der Raucher, der höhere Ansprüche stellt, wollte sich damit nicht abfinden. Er suchte nach einem Ausweg.

Diesem Umstande trug der Schleichhandel Rechnung. Er verstand es, sich geringe Mengen der aus dem legalen Handel verschwundenen jugoslawischen Zigaretten zu verschaffen und warf6 sie sukzessive auf den Markt. Die fertigen jugoslawischen Zigaretten /Bragava und Drava/ kosten im freien Verkehr, also beim Händler, 80 Pfennig bis 1 Mark, die gestopfte Zigarette – Originalpreis 10 Pf. – 20 bis 25 Pfg pro Stück. Diese Zigaretten werden sowohl auf der Strasse /zusammen mit Saccharin und Toffi-Bonbons/ als auch in verschiedenen Kramläden verkauft.

Die offiziellen Tabakläden verfügen nur über die belgischen Zigaretten zum Preise von 15 Pfg und über die speziell für diese Verkaufsstellen hergestellten gestopften Zigaretten zu 7,5 Pfg. pro Stück. Da diese letzteren Zigaretten sehr begehrt sind, weil sie immerhin etwas echten Tabak enthalten und die Gefahr allzuraschen Abverkaufes besteht, werden sie seitens der Ladenbesitzer jeweils erst am Nachmittag, knapp vor Schluss der Betriebsstätten ausgegeben. Dadurch ist auch den Arbeitern Gelegenheit gegeben, sich mit einem Tagesquantum – eine Portion zu 1 Mk. 50 besteht aus 10 Gestopften und 5 Belgischen – einzudecken. Tagtäglich staut sich vor den Tabakläden eine grosse Menge von Reflektanten7 hierauf.

Vorläufig ist eine Besserung der Lage auch hier nicht zu erwarten. Mit der Verschlechterung der Approvisation wächst das Rauchbedürfnis. Es soll so der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben werden.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 1 Paratyphus, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 2 Herzmuskelschwäche.9

1

Vgl. etwa den Eintrag „Staerkere Frequenz in den Gaskuechen“ in der Tageschronik vom 17. September 1943.

2

HK, LK**, JFK*: „die Gasküchen“ jeweils von Hand hinzugefügt.

3

Am 1. September 1943 wurden Arbeiter aus dem Getto ausgesiedelt; das Ziel ist auf der betreffenden Liste nicht angegeben. Eventuell handelt es sich bei dem dort angegebenen Dawid Szumiraj, geb. 1924 in Litzmannstadt, um den in der Tageschronik genannten Dawid Szundraj (APŁ, 278/1223, Bl. 94).

4

So in HK, LK**, JFK*.

5

Offenbar wurden bei der Kartoffelausgabe von X und Y zwei übereinander gelegte Assignaten abgegeben: Zuoberst der „zerknüllte“, für alle sichtbar unversehrte, welcher beiden jeweils heimlich wieder zurückgereicht wurde; darunter der bereits entwertete und von X entwendete Schein, den der Aufseher ablegen konnte. So stimmte – für den Fall einer Überprüfung – die ausgegebene Menge an Rationen mit den entwerteten Scheinen überein, solange der länger zurückliegende Diebstahl der entwerteten Assignaten nicht bemerkt wurde.

6

„warf“ nur in LK**; dort aus ursprünglich „war“ von Hand korrigiert. HK, JFK*: „war“.

7

Reflektanten ‚Bewerber, Interessenten‘; zu lat. (animum) reflektere ‚seine Gedanken auf etwas hinwenden‘.

8

HK, JFK*, LK**: „O.R.“ von Hand hinzugefügt.

9

Die Aufzählung der Todesursachen ergibt 8. In der Rubrik „Sterbefälle“ der vorliegenden Tageschronik war von 7 Verstorbenen die Rede.