Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 29. Juni 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
180

Das Wetter:

Tagesmittel 20-34 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

13,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Diebstahl: 1,

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

76,289

Brand:

Am 28.6.44 wurde die Feuerwehr um 21,46 Uhr zu dem Hause Talweg 10 alarmiert, wo starker Funkenflug aus einem Kamin festgestellt wurde. Die Kamine wurden gefegt.

Selbstmordversuch:

Am 29.6.44 versuchte die Dwojra Tenenbaum, geb. 1912 in Tomaszow, durch Sprung aus dem III. Stockwerke ihres Wohnhauses Holzstr. 33 Selbstmord zu verüben. Die Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Die Aussiedlungsmaschine arbeitet präzise. Nichts hat sich geändert, wenn auch Gerüchte hin und wieder durch die Stadt schwirren, dass die Aussiedlung unterbrochen werden soll. Ueberall das gleiche Bild. Durch die Strassen ziehen zu allen Stunden des Tages bepackte Menschen, die sich mühselig zu dem Sammelpunkt begeben, andere wieder, die ihre letzten Habseligkeiten zur Zentraleinkaufstelle tragen oder sie auf der Strasse zum Kauf anbieten.

Trotz allem herrscht Ruhe im Getto. Eine Ruhe, die schon an Apathie grenzt.

Verschärfte Luftschutz-Vorkehrungen:

Der Präses erliess das folgende Rundschreiben:

Rundschreiben

an alle Betriebe und Abteilungen.

Es wird nochmals allen Leitern der Betriebe und Abteilungen in Erinnerung gebracht, dass:

  1. in den Räumen der Betriebe und Abteilungen unbedingt Sand und Wasser in genügenden Mengen vorhanden sein muss. Der derzeitige Vorrat an Sand und Wasser ist, wie in dem Schreiben des Herrn Oberbürgermeisters von Litzmannstadt Nr. 9142 vom 26. Juni 1944 erwähnt, nicht ausreichend.
  2. die Betriebe und Abteilungen mit Feuerschutzgeräten versehen sein müssen, die im Bedarfsfalle sofort verwendet werden können
  3. die Betriebe der Belegschaft die nächstliegenden Felder und Plätze anzuweisen haben, wo dieselben im Falle eines Fliegeralarms Schutz finden können
  4. in Betrieben, in denen sich Splitterschutzgräben befinden, sind dieselben im ersten Falle für den Werkluftschutz vorgesehen, anderenfalls hat sich der Werkluftschutz auf das nächstliegende Feld zu begeben, wobei jede Geländevertiefung, Sandgruben u.s.w. auszunutzen sind.

Litzmannstadt-Getto, den 29.6.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aeltese der Juden in Litzmannstadt1

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung der Lage. Der Einlauf ist unzureichend, das Getto hungert. 3370 kg Kartoffeln kamen für die Küchen und insgesamt 19,200 kg Frischgemüse /Kohlrabi, Salat und Mairettich/.

An Fleisch kamen 3,700 kg herein.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 7 Tuberkulose, 2 Bauchtyphus.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Hirnhautentzündung, 3 Herzkrankheiten, 1 Gehirnentzündung, 1 Tetanie2.

1

Das Rundschreiben wird vollständig wiedergegeben. Anders als im Chroniktext wird „nächstliegende“ im Rundschreiben auseinander geschrieben („nächst liegende“) Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 78: Rundschreiben an alle Betriebe und Abteilungen [betr. Feuerschutz], 29.6.1944.

2

Tetanie: Anfallartig auftretende Krämpfe, für die eine schnelle flache Atmung und Pfötchenstellung der Hände und Füße typisch sind. Durch eine schnelle Atmung wird sehr viel CO² abgeatmet, das den primären Atemantrieb darstellt, so dass es vorstellbar ist, dass eine Tetanie zum Tod durch Atemstillstand führen kann. Tetanien sind außerdem bei Rachitis (Knochenerweichung durch Vitamin-D-Mangel) möglich, da auch hier Calcium aus den Knochen freigesetzt wird.