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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 3. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
34

Das Wetter:

Tagesmittel 8-10 Grad, es regnet.

Sterbefälle:

4

Geburten:

2 /weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 3

Selbstmord:

Am 2. 2. 1944 beging Ewigkeit Mariam, geb. 2. 5. 1884 in Łodz, wohnhaft Alexanderhofstr. 50, durch Erhängen Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Ausweisungen:

25 Mann /zur Arbeit außerhalb des Gettos/.

Bevölkerungsstand:

79.8142 /lt. Polizeibericht/.

Tagesnachrichten.

Baluter-Ring:

Infolge der Übersiedlung des Zentral-Sekretariats vom Baluter-Ring ist auch das Verbleiben der in den Gebäuden Hanseatenstr. 25-27 untergebrachten Abteilungen unsicher. Es heisst, dass nur die FUKA verbleiben wird, Gesundheits- und Sanitäts-Abteilung jedoch nach Kirchplatz 4 umziehen soll. Das Wohnungsamt sucht Räume für die Abteilungen: Zentralbuchhaltung, Fürsorge für Jugendliche und Abteilung für Neu-Eingesiedelte. Bezüglich des Sekretariat Wołkowna, der Informations-Abteilung und der Injektionsverteilungsstelle ist die Frage noch offen. Hingegen dürften das Präsidial-Sekretariat /Ing. Cigielman/ und Wachstube der Sonder-Abteilung verbleiben.

Aus dem Objekt Hanseatenstr. 23 wird die Gemüse-Abteilung ausziehen.

Instrumenten-Sammelstelle:

Gestern besuchte der Beamte der Getto-Verwaltung, Herr Tscharnulla, mit A. Jakubowicz die Sammelstelle für Musikinstrumente an der Hanseatenstr. 32 und den Klavier-Sammelpunkt am Gemüseplatz, Wołborska3 /Rauchg./ 8.

Alarm-Sirene:

Vor dem Gebäude an der Hamburgerstr. 13 neben der I. Rettungsbereitschaft wurde eine Alarm-Sirene angebracht u.zw. für L.S.-Wart- und Brandmeldezwecke.

Approvisation.

Sehr geringe Gemüsemengen rollen ein. Gestern kamen 3000 kg Kartoffeln, heute 4.520 kg. Zur Deckung der ausgeschriebenen Rettich-Ration kamen gestern 7555 kg Rettich und heute 5740 kg. Aber diese Ware ist zum grössten Teile minderwertig, bezw. verfault, was zumeist von aussen nicht sichtbar ist. Gestern sind 3000 kg Quark hereingekommen, so dass eine kleine Quarkration gedeckt sein wird /siehe unten/. Sonstige Lebensmitteleinfuhr kontingentmässig.

Quark und Gemüsesalatzuteilung:

Ab Freitag, den 4. Februar 1944, werden auf Coup. 19 der Nahrungsmittelkarte 60 g Quark und 150 g Gemüsesalat pro Kopf für den Betrag v. Mk. 0,50 ausgefolgt.

Ressortnachrichten

Neue Holzschuhe für das Getto:

Die Schuhmacherabteilung Iźbicki /Marysin/ arbeitet gegenwärtig auch für die Bekleidungsabteilung Bunin neue Holzschuhe.

Justizwesen.

Gerichtsaal:

In der Strafverhandlung gegen Weiskohl, Malier und andere /siehe Bericht vom 30.I.44 J.Z./4 wurde folgendes Urteil gefällt:

/Senat Byteńsky, Wojdyslawski, Binstok, Prokurator Nussbrecher/

Weiskohl Chaim 6 Monate Gefängnis und 200 Mk. Geldstrafe, im Falle der Nichteinbringlichkeit weitere 20 Tage Gefängnis,
Kawa und Kersz dasselbe Strafausmass,
Malier 500 Mk. Geldstrafe, bei Nichteinbringlichkeit 25 Tage Gefängnis,
Ajzenberg wurde von der Beschuldigung freigesprochen.
Calel erhielt 200 Mk. Geldstrafe oder 20 Tage Gefängnis.

Kleiner Getto-Spiegel.

Zeitgemässes Honorar:

Die Lage im Getto charakterisiert folgende Anekdote: Der Patient nach der Hausvisite: „Was bin ich schuldig, Herr Doktor?“ – Der Arzt: „Sie kennen doch die Taxe, zehn Mark.“ – Der Patient sucht, er hat kein Bargeld. Er legt dem Arzt eine Schachtel Zünder hin. Wortlos steckt der Arzt die Schachtel Streichhölzer ein. Der Patient: „Aber ich bekomme noch fünf Mark heraus.“ – Wortlos zahlt der Arzt dem Patienten die fünf Mark heraus.

Sanitätswesen.

Ansteckende Krankheiten: heute keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 1 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 1 Bauchdeckenphlegmone, 1 Leberzirrhose.

1

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „Januar“; von Hand korrigiert.

2

Rechnerisch ergibt sich ein Bevölkerungsstand von 79816.

3

So in HK, LK**, JFK*; statt Wolborska.

4

Der in jiddischer Sprache verfasste Gerichtsbericht von Józef Zelkowicz, datiert auf den 30. Januar 1944, ist im Archiv des YIVO-Instituts in New York erhalten (YIVO, RG 241/898). Unter dem Titel „Himmel und Erde und … Suppen (Eindrücke aus dem Gerichtssaal)“ berichtet Józef Zelkowicz über den in der Tageschronik genannten Prozess: „Das Echo vom ‚berühmt gewordenen‘ Garfinkel-Prozess ist noch nicht verklungen und schon ist die Öffentlichkeit durch einen zweiten ‚Suppen-Prozess‘ in Aufregung versetzt, der sich jetzt auf dem Gericht abspielt.“ Szulem Malier, der administrative Leiter des Schneider-Ressorts in der Froschgasse 13, und die übrigen Angeklagten waren beschuldigt, zu Lasten der übrigen Ressortarbeiter und der Küche jeweils zwei Mittagssuppen für sich in Anspruch genommen zu haben bzw. in die Ausgabe zusätzlicher Legitimationskarten für diese Mittage verwickelt gewesen zu sein. So soll der Angeklagte Chaim Hersh Weiskohl für die Mitangeklagten Meyer Kawa und Shlomo Kersz derartige Karten ausgestellt haben. Elazar Aizenberg, ehemaliger Leiter der Küche in der Hanseatenstr. 72, die für die Mittage in dem genannten Ressort zuständig war, und Izrael Calel, der ehemalige Wirtschafter der Küche, waren angeklagt, diese Unregelmäßigkeiten mit ermöglicht zu haben (vgl. ebd., Bl. 1f.; übers. aus dem Jidd).