Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 30. Dezember 1943

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
348

Das Wetter:

Morgens 4 Grad, starker Nebel, nass. Später 7 Grad Wärme.

Sterbefälle:

5,

Geburten:

2 /männl./

Festnahmen:

Diebstahl 1,

Verschiedenes 1

Bevölkerungsstand:

83.136.

Brand:

Am 30.12.1943 wurde die Feuerwehr um 2 Uhr 20 nach der Hohensteinerstrasse Ecke Kirchplatz alarmiert, wo ein Kabel der elektrischen Strassenbahnleitung in Brand geraten war. Die deutsche Feuerschutzpolizei, die an Ort und Stelle erschien, benachrichtigte die Stassenbahnbereitschaft in Litzmannstadt, welche nach ihrer Ankunft den Strom ausschaltete.

Tagesnachrichten.

Der Präses spricht

heute in der ehemaligen Kräftigungsküche, Hohensteinerstrasse 26.

Um 6 Uhr abends versammelten sich die Leiter der Ressorts und Abteilungen sowie die Arbeiter-Delegierten in diesem Saale. Die Einladungen zu dieser Versammlung wurden vom Baluter-Ring /Zentralbüro des Arbeits-Ressorts, Frau Burstin/ ausgegeben. Etwa vierhundert Personen waren anwesend. Auf dem Podium nahmen der Präses, A. Jakubowicz, Frl. Fuchs und der Vorsteher des Ordnungsdienstes, Rozenblat, platz1.

Der Präses eröffnete die Versammlung und gab die Tagesordnung bekannt:

1./ Probleme des Gesundheitswesens, besonders Typhus bekämpfung, worüber Dr. Stillermann von der Gesundheitsabteilung referieren wird,

2./ Inventuraufnahme2 in allen Ressorts und Abteilungen bezw. Richtlinien für die Sparmassnahmen im Papierverbrauch und die Vereinfachung der Buchhaltungen, worüber Herr Mieczyslaw Rozenblat vom FUKR sprechen wird,

3./ Die Frage der Langarbeiterzuschläge,

4./ Allgemeine Fragen, über die der Präses selbst zu sprechen beabsichtigt.

Sodann erteilte der Präses das Wort Herrn Dr. Stillermann.

Der Redner befasste sich ausführlich mit allen Massnahmen, die im Zusammenhange mit der Flecktyphusgefahr stehen.

Die grösste Gefahr – so führte Dr. Stillermann aus – liegt natürlich in der Uebertragung durch Läuse. Dementsprechend muss der Reinhaltung der Einwohner des Gettos sowie der Arbeitsstätten grösste Aufmerksamkeit zugewendet3 werden. Er gab den Leitern genaue Instruktionen und empfahl im Interesse der Gesundheit des Gettos höchste Energieanwendung gegenüber der Lässigkeit der verantwortlichen Organe.

Dr. Stillermann betonte die Notwendigkeit der gruppenweisen Führung der Belegschaften in die Badeanstalten und besprach sodann die Notwendigkeit der Quarantaine von Familien, in denen sich Typhusfälle ereigneten. In Zusammenarbeit mit der Sanitätspolizei müssen alle Massnahmen getroffen werden, um einer Ausweitung der Epidemie zu begegnen. Er verlangte von Aerzten und Sanitätspersonal in den Ressorts strengeste Durchführung aller hygienischen Massnahmen. Dasselbe gilt für die Friseure und Friseusen, die sich weniger der Kosmetik als dem Kampf gegen die Läuse zu widmen hätten.

Dr. Stillermann gab weiters bekannt, dass eine Anzahl von Rayonskontrolleuren eingeführt werden wird, die wieder von zwei Oberkontrolleuren überwacht werden sollen; dass eine weitere Badeanstalt eingerichtet werden und für die Reinigung der Leibwäsche der Bevölkerung gesorgt werden wird. Die Leistungen der Wäschereien werden gesteigert werden. Die hygienische Fürsorge für die Belegschaften in den Ressorts wird sich in drei Kategorien, je nach der besonderen Anfälligkeit der Ressorts, gestalten. Ressorts, in welchen die Arbeiter einer besonderen Verunreinigung ausgesetzt sind, werden in erster Linie berücksichtigt. Den Seifenmangel im Getto wird die Gesundheitsabteilung durch erhöhte Zuteilung von Seifenpulver aus der Wäscherei Grawe bekämpfen.

Die Ausführungen Dr. Stillermanns zeigten deutlich den Ernst der Lage, und es ist zu hoffen, dass sich die verantwortlichen Stellen der schweren Pflichten gegenüber der Allgemeinheit bewusst werden. –

Als zweiter sprach Mieczyslaw Rozenblat über die Aenderungen im Buchhaltungssystem. Sämtliche Leiter hatten ein Merkblatt des FUKR erhalten, in welchem alle Fragen der Neuregelung erörtert sind.

Hierauf unterbrach der Präses die Tagesordnung. In der Pause liess er den Versammlungsteilnehmern einen Imbiss reichen, bestehend aus zwei Wurststullen.

Nach der Pause eröffnete der Präses den zweiten Teil der Tagesordnung mit einer kurzen Einleitung:

Wir haben – so sagte er – bis jetzt autonom gewirtschaftet. Nun aber geht alles auf Befehl der vorgesetzten Behörde. Ich habe mich nur bestrebt, unser Leben den spezifischen Bedingungen des Gettos anzupassen. Diese Aera ist vorbei. Wir werden uns daran gewöhnen müssen. Die erste Zeit wird natürlich sehr schwer sein. Vielleicht werde ich in einiger Zeit Wege finden, um die neuen uns auferlegten Härten abzuändern. Augenblicklich haben wir keinen Rat. Die Ernährung ist nun einmal aus der Kompetenz des Gettos genommen. Wir müssen uns aber sagen, dass wir schon schwerere Augenblicke erlebt haben, so werden wir auch das durchhalten: denn Not bricht Eisen! Sicher ist es heute sehr schwer zu leben, wenn man nicht satt ist. Bitter ist es für mich, all den Menschen, die die ganze Verantwortung tragen, nicht das geben zu können, was ihnen gebührt. Aber ich habe die sichere Hoffnung, dass man einen geraden /koscheren/ Weg finden wird, um auch hier Abhilfe zu schaffen. Es wird bestimmt der Augenblick kommen, wo ich den massgebenden Herren werde sagen können, dass der verantwortliche Leiter nur dann ruhig arbeiten kann, wenn er zu essen hat.

Es hat mir viel Schmerz verursacht, dass es so gekommen ist und dass es gerade die getroffen hat, die mir geholfen haben, unser Getto aufzubauen. Aber es ist Krieg, ich habe mich unterwerfen müssen. Wie immer aber wird man sich eines Tages am grünen Tisch über die Notwendigkeiten einigen, die nun einmal das Leben mit sich bringen.

Freilich wird jetzt das Bild im Getto ein anderes sein. Früher habe ich wenigstens für die Leiter, die den Behörden gegenüber die volle Verantwortung tragen, einigermassen sorgen können und auch ihre Familien waren versorgt. Früher kam Rumkowski in die Ressorts und verteilte Talone und Kolacjes an die Arbeiter, die es notwendig hatten. Man mag über die Kolacjes denken wie man will, ob sie besser oder schlechter waren, man mag sagen, dass die Talone unbedeutend waren, aber das war wenigstens da und ich hatte freie Hand. Wohl ist die Ration etwas, etwas besser. Es ist etwas mehr Mehl, mehr Zucker und anderes darin. Leider kann ich, was die Hauptnahrung des Gettos betrifft, die Kartoffeln, keine Hoffnung geben. An Kartoffeln haben wir nicht genug.

Und so habe ich an euch, die ihr hier versammelt seid, eine Bitte: Es ist die Pflicht eines jeden im Getto, der für andere zu sorgen hat, so schnell als möglich alle Formalitäten zu erledigen, die mit der Neuordnung zusammenhängen. Spätestens Freitag oder Samstag müssen die Listen der Schwer- und Langarbeiter am Baluter-Ring vorliegen, damit die Woche nicht verloren geht. Jedes Stückchen Brot oder Fett, das später ausgegeben wird, wäre ein empfindlicher Verlust für den Arbeiter, für das ganze Getto. Jeder von euch ist verantwortlich für die Gemeinschaft. Daher müssen die Aufstellungen sorgfältig und richtig gemacht sein, damit wir keinen Anstand4 haben und damit keine Verzögerung eintritt.

Ich hoffe, dass ihr eure Aufgabe verstehen werdet. Ihr habt heute Abend die Richtlinien der deutschen Behörde für die Aufstellung der Lang- und Schwerarbeiter erhalten und wir wollen nun an Hand dieser Listen die Angelegenheit genauer besprechen.

Der Präses beauftragte sodann Fräulein Dora Fuchs, die Listen vorzulesen und zu erläutern. /Die Listen siehe Anhang./

Nachdem Frl. Fuchs geendet hatte, beantwortete der Präses alle Anfragen aus dem Plenum und wiederholte, worin die Zusatzration für die Lang- und Schwerarbeiter bestehen wird: pro Woche 60 dkg Brot, 2 dkg Fett, 10 dkg Fleisch. „Ich habe“ – so bemerkte er – „der Behörde den Vorschlag gemacht, uns für 40,000 Langarbeiter Zusatzrationen zu bewilligen, mit dem Bemerken, dass wir selbst einen entsprechenden Verteilungsschlüssel finden werden. Diesen Vorschlag hat die Behörde abgelehnt und verlangte genaue Listen im Sinne der hier vorliegenden Aktennotiz. Wo Unklarheiten bestehen, wird man am Baluter-Ring schon Rat wissen. Ist irgendeine Kategorie von Arbeitern ausgelassen, die nach Ansicht des betreffenden Leiters als Lang- oder Schwerarbeiter qualifiziert sind, so ist dies in den Ressortaufstellungen einfach zu verzeichnen und wir werden sehen, was sich machen lässt.“

Sodann besprach der Präses in seiner gewohnten Sprunghaftigkeit alle aktuellen Probleme des Gettos. Er nahm Bezug auf die Ausführungen Dr. Stillermanns bezüglich des neuen Spitals und ermahnte auch seinerseits die Leiter, im Bezug auf Hygiene ein verschärftes Regime einzuführen. Er kritisierte mit scharfen Worten das in den Ressorts herrschende Protektionssystem in Bezug auf die Aufräumerinnen, von denen er weiss, dass sie in Wirklichkeit nichts tun. Er wandte sich mit warnenden Worten an die Ressortaerzte und sagte, dass sie sich darauf beschränken, Befreiungen zu geben. „Der Arzt“, so meinte er, „müsse in einem höheren Sinne das ihm anvertraute Ressort betreuen und sich sozusagen als dessen Vater fühlen. Arbeitsbefreiungen dürfen wirklich nur im äussersten Notfall gegeben werden. Ich habe“, so sagte er, „auf der Strasse ein hübsches Mädchen aufgegriffen und sie gefragt, was sie um diese Zeit auf der Strasse tue. Sie verantwortete sich recht verlegen damit, dass sie vom Bürochef eine Befreiung erhalten hatte. Seit wann, so fragte ich, darf ein Bürochef Befreiungen geben?

Ich habe die Hanseatenstrasse gegenüber dem Baluter-Ring sperren müssen, um wenigstens an dieser Stelle den Strassenverkehr einzudämmen.

Es ist mir unbegreiflich, wieso noch immer soviel Leute auf den Strassen sind. Ich warne die Leiter und die Aerzte sowie alle für diesen Unfug verantwortlichen Personen vor den etwaigen Folgen dieses Zustandes. Ich verwarne noch einmal die Herren Wirte in den Ressorts, es ist nicht ihre Tätigkeit, dazu zu schauen, wieviel Suppen sie verkaufen können, sondern ihre Pflicht, wirklich Ordnung zu halten.

Ein besonderes Kapitel ist die Frage der etatisierten physischen Arbeiter. Ich habe seinerzeit, als ich die Beamten aus den Büros in die Produktion führen musste, die Schärfen mildern wollen und habe angeordnet, dass diese Leute ihr5 Etat behalten. Aber diese meine gute Absicht wurde missverstanden. Ich hebe hiermit diesen Modus auf und es gibt von heute an keine etatisierten physischen Arbeiter mehr. Sie müssen im Akkord arbeiten bezw. in der ersten Zeit im Taglohn.

Ich ermahne auch die Leiter, bei der Anforderung von Arbeitern gewissenhaft zu sein und nur das anzufordern, was sie wirklich brauchen. Ich fordere sie aber auch auf, sofort das Personal herauszugeben, das sie nicht brauchen. Macht endlich Schluss mit der Protektion!

Bei dieser Gelegenheit ermahne ich auch die hier anwesenden Vertreter der Approvisation, mit dem Leergut entsprechend sorgfältig umzugehen, denn dem Leergut gilt die besondere Aufmerksamkeit der Behörden.“

Zum Schluss seiner Ausführungen gab der Präses ein Resumée der Tagesordnung und endete mit der Ermahnung an die Leiter und alle anderen Einwohner des Gettos, sich gegenseitig in dieser schweren Zeit zu helfen.

Die heutige Veranstaltung machte einen ausgezeichneten Eindruck. Man hatte das Gefühl, in einer normalen, vorkriegsmässigen Versammlung zu sein, in einem anständigen Saal mit einer Estrade6, auf der ein Präsidium sass mit zwei Protokollführern /Frau Schifflinger-Jelin und ein Beamter vom Baluter-Ring/.

Die Liste /Aktennotiz betreffend Lang-, Schwer- und Nachtarbeiterzulage/ wurde von der deutschen Kommission ausgearbeitet und zwar im Sinne der im Reich geltenden Normen. Eine Abschrift dieser Aktennotiz mit den Bemerkungen liegt dem heutigen Tagesberichte bei.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 1 Bauchtyphus,

10 Flecktyphus, 1 Keuchhusten, 2 Tuberkulose.

[Beilage]7

Akten-Notiz

betr. Lang-, Schwer- und Nachtarbeiterzulage.

Langarbeiter  =  55 Arbeitsstunden in 6 Werktagen.

Schwerarbeiter  =  48 Arbeitsstunden in 6 Werktagen.

Nachtarbeiter  =  48 Arbeitsstunden in 6 Werktagen.

Die Lang- und Schwerarbeiterzulage erfolgt wöchentlich, die Nachtarbeiterzulage erfolgt jede zweite Woche.

Schneidereien: Langarbeiter: Hand- und Fuss-Nähmaschinen-Arbeiter an schweren Maschinen. Bügler, Knopflochmaschinen, Ausputzer an schweren Uniformstücken /verriegeln/.
  Nachtarbeiter: Arbeiter an mechanisch arbeitenden Maschinen, Näherinnen, Arbeiterinnen an leichten Maschinen /Nähmaschinen/.
Gerberei: Schwerarbeiter: Arbeiter an der Falzmaschine, Stossmaschine, Einweichfässer, Walkfässer, Glanzmaschine, Trockenanlage.
Schuhmacher: Langarbeiter: Alle Arbeiter mit Ausnahme d. Ausputzer.
Tischlereien: Langarbeiter: Alle Arbeiter.
Strohschuh: Langarbeiter: Strohschuhnäher,
  Nachtarbeiter: Flechterinnen und andere.
Mützen: Langarbeiter: Hand- und Fussnähmaschinen-Arbeiter an schweren Nähmaschinen.
Steppdecken: Langarbeiter: Alle Arbeiter.
Hutabteilung: Langarbeiter: Alle Arbeiter mit Ausnahme d. Garniererinnen.
Textil-Fabrikation: Langarbeiter: Färber, Weber, Selfaktorenarbeiter8
  Schwerarbeiter: Krempelputzer, Reisser, Wolfarbeiter, Ballenöffner.
Strickerei: Langarbeiter: Handstrickmaschinen, Büglerinnen.
Teppich: Langarbeiter: Teppichknüpfer.
Metall: Langarbeiter: Schweisser, Werkzeugmacher, Dreher, Schlosser, Stanzer, Bohrer, Hobler.
  Schwerarbeiter: Alle Schmiede und Giesser, Härter i.d. Werkzeugmacherei.
Elektrotechn. Abteilung: Langarbeiter: Elektrotechniker, soweit sie nicht nur Leitungen legen, sondern auch mit dem Wechseln und Wickeln von Motoren usw. beschäftigt sind.
Sortierungs- und Verwertungsstellen f. Abfälle:
Sortierungs- u. Verwertungsstellen d. aus den Landbezirken angefallenen Güter
Langarbeiter: Alle Sortierer.
Nähmaschinen-Reparatur: Langarbeiter: Alle Mechaniker /keine Feinmechaniker u. Uhrmacher/.
Nägelfabrik: Langarbeiter: Arbeiter an den Grob- und Feinzugmaschinen.
  Schwerarbeiter: Beizer u. Arbeiter an den Glühöfen.
Kürschnerei: Langarbeiter: /Auch die Pelzfärber./
Federn- u. Daunensortierung: Langarbeiter: Alle Reiniger und Sortierer.
Holzwolle-Fabr.: Langarbeiter: Zuschneider an der Säge.
Bedienung f. d. Maschine.
Abnahme der Holzwolle,
Packen der Ballen usw.
Chem. Reinigung-und Waschanstalt: Langarbeiter: Uniformsortierer, Arbeiter an den Waschtrommeln.
  Schwerarbeiter: Handwäscherinnen, Arbeiter in der Trockenanlage, Zentrifugenarbeiter.
Bürsten- und Pinselabtlg.: Langarbeiter: Alle Arbeiter bei der unmittelbaren Bürsten- u. Pinselproduktion.
Gummi-Abtlg.: Langarbeiter: Langarbeiter, die direkt am Gummi arbeiten.
  Schwerarbeiter: Nur Vulkaniseure9.
Papiererzeugnisabtlg.: Langarbeiter: Die Arbeiter, die an den grossen Klotzbodenbeuteln10 beschäftigt sind.
Leder- und Sattler: Langarbeiter: Stanzer, Vorrichter, Ausputzer, Lederfalzer, Handnäher.
  Schwerarbeiter: Lederzuschneider.
Hausschuhabtlg.: Langarbeiter: Zuschneider, Näherinnen, Dämpfer.
Handschuh- und Strumpf-Abtlg.: Langarbeiter: Formierer, Arbeiter an Handstrickmaschinen.
Chem. Abfallverwertung: Langarbeiter: Alle Arbeiter bei der unmittelbaren Produktion.
Bauabteilung: Langarbeiter: Maurer, Klempner, Maler, Glaser.
  Schwerarbeiter: Träger, Zubringer.
Dachpappe-Fabrik: Langarbeiter: Alle Produktionsarbeiter.
  Schwerarbeiter: Maschinenarbeiter.
Wasser- und Dampf: Langarbeiter: Alle Arbeiter.
Trennabteilung: Langarbeiter: Arbeiter, die mit dem Trennen der Ware beschäftigt sind.
  Schwerarbeiter: Arbeiter, die die Beschlagteile heraustrennen und schlagen /5-Kg-Hammer/.
Zuschneiderei: Langarbeiter: alle Arbeiter.
Heizer: Langarbeiter: Soweit sie täglich 3 to. verheizen und die Kohlen selbst zutragen,
oder: 4,5 to. täglich verheizen und die Kohlen nicht selbst zutragen.
Transportabteilung: Langarbeiter: Alle Transportarbeiter und Fuhrleute, sowie Strassenbahnarbeiter, soweit diese bei den Transporten mitarbeiten /Droschkenkutscher nicht/.
Bäckerei: Langarbeiter: Alle beim Backen beschäftigten Arbeiter.
  Schwerarbeiter: Die speziell am Ofen Beschäftigten.
Fäkalien- und Müll: Schwerarbeiter: Alle.
Lederzuschneider: Schwerarbeiter: Alle.
Pflasterarbeiter: Schwerarbeiter: Nur Großpflasterarbeiter.

Bemerkungen:

Kontrolleure, Büroangestellte, andere geistige Arbeiter, Wächter, Nachtwächter, Boten und Portiers kommen für Lang-, Nacht- und Schwerarbeiterzulagen nicht in Betracht.

Nachtarbeiter

müssen mindestens in der täglichen 8-stündigen Arbeitszeit 4 Stunden des nachts arbeiten /d.h. mindestens von 20 Uhr-24 Uhr, während die anderen Arbeitsstunden vor 20 Uhr liegen können/.

Langarbeit:

Von den in jeder Woche zu leistenden 55-Arbeitsstunden müssen mindestens 36 Stunden bei der als Langarbeit anerkannten Beschäftigung verbracht werden, während die restlichen 19 Stunden bei anderer Beschäftigung zugebracht werden können.

Die Leiter der Fabriken müssen schnellstens Berufsgruppenlisten einreichen z.B.:

Metall-Abteilung I: so und soviel Schweisser
  Giesser
  Schmiede
  Stanzer
  Bohrer
Dreher
         u.s.w. u.s.w.

2. Beispiel:

Schneidereien: so und soviel Nähmaschinenarbeiter mit Hand- oder Fussantrieb an schweren Maschinen
  Nähmaschinenarbeiter mit Hand- oder Fussantrieb an leichten Maschinen
  Handknopflochnäher
  Maschinenknopflochnäher
  Ausputzer
  Bügler
         u.s.w. u.s.w.

Genau so müssen die Aufstellungen von jeder einzelnen Fabrik aussehen, d.h. jeder Arbeitsgang ist genau zu spezifizieren und für jede Arbeitsart die Gesamtsumme anzugeben.

Veränderungen in der Zahl der einzelnen Arbeitsarten müssen regelmässig wöchentlich gemeldet werden. Die Lohnlisten müssen den Nachweis erbringen, dass die geforderte und bestätigte Arbeitsstundenzahl bei den einzelnen Arbeitern eingehalten worden ist.

Instrukteure, Meister und Gruppenführer sind in die Zahl der entsprechenden Fachleute einzusetzen. Z.B. der Meister oder Instrukteur in der Schmiede muss in die Zahl der angegebenen Schmiedearbeiter mit enthalten sein.11

- den 28.Dezember 1943.

Auszug aus den Bestimmungen
für Lebensmittelzulagen für gewerbliche Arbeiter.

Nach Beginn des Krieges wurde durch die Verordnung vom 16. September 1939 die Gewährung von Sonderzulagen an Schwerarbeiter grundsätzlich geregelt. Der hierdurch geschaffene Kreis der Zulageempfänger wurde sodann durch eine weitere Verordnung vom 19. November 1939 auf Arbeitergruppen erweitert, die wegen überdurchschnittlicher Arbeitsleistung infolge langer Arbeitszeit, wegen langer Wege zur Arbeitsstätte und im Hinblick auf Nachtarbeit eine besondere Berücksichtigung erfordern.

Als Arbeiter im Sinne dieser Bestimmungen gelten grundsätzlich nur Arbeiter im üblichen Sinne, also Gefolgschaftsmitglieder, die körperliche Arbeit verrichten. Gefolgschaftsmitglieder, die /z.B. viele Angestellte/ durch lange Arbeitszeiten erheblich in Anspruch genommen werden, können daher keine Zulagen erhalten, wenn die ausschlaggebende Voraussetzung der körperlichen Arbeit nicht vorliegt.

In verschiedenen Erlassen des Reichsarbeitsministers ist grundsätzlich festgelegt worden, dass für die Anerkennung als Schwerarbeiter die objektive Leistung eine Arbeit von gewisser Schwere vorausgesetzt werden muss. Eine subjektive Anerkennung bestimmter Gefolgschaftsmitglieder, bei denen besondere Verhältnisse vorliegen, ist nicht möglich, denn das würde die Anerkennung der „relativen“ Schwerarbeit bedeuten, die bei versehrten, alten und schwächlichen Personen häufig angewendet werden müsste. Eine solche Möglichkeit der subjektiven Anerkennung würde die zur Entscheidung berufenen Gewerbeaufsichtsämter jeder festen Richtlinie für die Entscheidung der Anträge berauben und vor praktisch unlösbare Aufgaben stellen.

Der Kreis der zulageberechtigten Personen wird in drei Hauptgruppen unterteilt, und zwar

  1. Schwerarbeiter
  2. Langarbeiter
  3. Nachtarbeiter



Schwerarbeiter.

Als Schwerarbeiter gilt, wer dauernd schwere, d.h. überdurchschnittliche körperliche Arbeit zu leisten hat. Wer nur stundenweise oder an einzelnen Tagen schwere Arbeit leistet oder bei seiner Arbeit nur eine körperliche Arbeitskraft aufzuwenden braucht, die über das in der Regel von gewerblichen Arbeitern zu leistende Mass nicht hinausgeht, ist kein Schwerarbeiter.

Ferner gelten als Schwerarbeiter diejenigen Gefolgschaftsmitglieder, die dauernd durchschnittliche Arbeit unter erschwerenden Arbeitsbedingungen zu leisten haben, z.B. Arbeiten bei grosser Hitze, bei grosser Staubentwicklung, mit angelegtem Atemschutzgerät oder unter Einwirkung von gesundheitsschädlichen Stoffen. Wer nur vorübergehend solche Arbeiten ausführt, ist kein Schwerarbeiter.

Die Gewährung der Zulage an Schwerarbeiter ist grundsätzlich daran gebunden, dass von den Gefolgschaftsmitgliedern, für die solche Zulagen beantragt werden, regelmässig mindestens die normale 8-stündige Arbeitszeit geleistet, also insgesamt mindestens 48 Stunden ausschliesslich der Pausen wöchentlich gearbeitet wird. Bei durchgehenden Betrieben, die in drei Schichten zu 8 Stunden arbeiten, brauchen die Pausen bei der Berechnung der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit nicht berücksichtigt zu werden.

Lang- und Nachtarbeiter-Zulagen.

Lang- und Nachtarbeiterzulagen sind ebenfalls an die Leistung körperlicher Arbeit gebunden. Hier müssen also von vornherein diejenigen Gefolgschaftsmitglieder ausscheiden, die keine körperliche Arbeit im üblichen Sinne verrichten. Auch wenn sie versicherungsrechtlich als Arbeiter gelten. Andererseits können auch Angestellte als Lang- oder Nachtarbeiter anerkannt werden, wenn ihre Tätigkeit in der Verrichtung körperlicher Arbeit im üblichen Sinne besteht.

Für die Gewährung einer Langarbeiterzulage ist Voraussetzung die Leistung durchschnittlicher körperlicher Arbeit, wie sie etwa der Arbeit des Tischlers, Drehers, Schlossers u.s.w. entspricht. Der Leistung durchschnittlicher körperlicher Arbeit ist die Verrichtung leichter körperlicher Arbeit unter erschwerenden Arbeitsbedingungen, z.B. unter grosser Hitze, starker Kälte, erheblicher Staubentwicklung oder während Nacht12 gleichgestellt. Gefolgschaftsmitglieder, die nur leichte körperliche Arbeit unter normalen Arbeitsbedingungen ausführen, können in der Regel als Langarbeiter nicht anerkannt werden. Dagegen ist es möglich, diesen Gefolgschaftsmitgliedern bei Vorliegen der sonstigen Voraussetzungen Nachtarbeiterzulagen zu bewilligen, d.h., wenn sie mindestens 4 Stunden in der Nacht /etwa von 20-24 Uhr/ arbeiten. Die übrigen Arbeitsstunden könnten vor 20 Uhr verrichtet werden.

Für die Gewährung von Lang- und Nachtarbeiterzulagen ist neben der Erfüllung der sonstigen Bestimmungen Voraussetzung, dass die durchschnittliche körperliche Arbeit oder die leichte körperliche Arbeit unter erschwerenden Arbeitsbedingungen dauernd oder doch überwiegend, mindestens aber während 36 Stunden der Woche verrichtet wird. Dies gilt insbesondere auch für die Gewährung von Zulagen an Meister, Polierer u.s.w.

Langarbeiterzulagen:

Neben der grundsätzlichen Voraussetzung einer durchschnittlichen körperlichen Arbeit oder einer leichten körperlichen Arbeit unter erschwerenden Umständen ist die Gewährung von Langarbeiterzulagen an bestimmte zeitliche Voraussetzungen gebunden.

Männliche Arbeiter müssen in der Woche, d.h. an den 6 Werktagen, ausschliesslich der Pausen mindestens 55 Stunden tätig sein. Wenn in dem Betriebe ausserdem noch am Sonntag gearbeitet werden muss, so kann diese Arbeit bei der Berechnung der zeitlichen Voraussetzungen im allgemeinen nicht berücksichtigt werden. Solche Sonntagsarbeit kann nur dann in die 55 Stunden eingerechnet werden, wenn der seltene Fall vorliegt, dass der Sonntag anstelle eines dafür freigehaltenen Werktags tritt.

Frauen und Jugendliche müssen eine regelmässige Arbeitszeit von 52 ½ Stunden ausschliesslich der Pausen haben. Weibliche Gefolgschaftsmitglieder, die einen Haushalt zu versorgen haben, sind bei Freigabe eines Waschtages oder wegen anderer dringender Arbeiten, wenn sonst im Betriebe oder in der Betriebsabteilung die vorgeschriebene Mindestwochenarbeitszeit erreicht wird, die Zulagen zu belassen, auch wenn sie infolge der Freigabe des Tages für Hausarbeiten für ihre Person die Mindestwochenarbeitszeit von 52 ½ Stunden nicht erreichen. Die Vergünstigung steht ihnen aber nur zu, wenn in zwei Wochen höchstens ein Arbeitstag freigegeben wird.

Wiederholt ist die Frage gestellt worden, ob bei einer wesentlich über 55 Stunden in der Woche hinausgehenden Arbeitszeit eine Höherstufung der Gefolgschaftsmitglieder in der Zuerkennung von Lebensmittelzulagen möglich ist. Solche Arbeiter können jedoch lediglich die normale Langarbeiterzulage erhalten, da die Dringlichkeit eines Auftrages und eine sich daraus ergebende, sehr lange Arbeitszeit für die Bewilligung der Lang- und Schwerarbeiterzulagen grundsätzlich ohne Belang ist. Für kriegswichtige Betriebe besteht aber in solchen Fällen unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit von Sonderzuweisungen an die Werkküchen.

Zulagekarten für Nachtarbeiter.

Zulagekarten an Nachtarbeiter werden dann gewährt, wenn mindestens 4 Stunden der Nachtarbeit in der Zeit von 20 Uhr bis 6 Uhr verrichtet werden, die Nachtarbeit ein Teil einer normalen Arbeitsschicht von mindestens 8 Stunden ist, mindestens drei Arbeitsschichten wöchentlich zu leisten sind und mindestens leichte körperliche Arbeit verrichtet wird. Der Verrichtung leichter körperlicher Arbeit ist es gleichzusetzen, wenn nachts beschäftigte Gefolgschaftsmitglieder bei ihrer Tätigkeit durch besonders ungünstige Betriebseinflüsse, z.B. durch grosse Hitze, durch Ausführung ausgedehnter Kontrollgänge /mindestens 20 km je Arbeitsschicht/ körperlich dauernd beansprucht werden.

Zulagekarten für Nachtarbeiter stehen nur für die Wochen zu, in denen Nachtarbeit geleistet wird. Nachtarbeiter, die ausschließlich Nachtschichten haben, ohne in Tagschichten zu wechseln, haben in jeder Woche Anspruch auf die Nachtarbeiterzulage.

Gefolgschaftsmitglieder, die in zwei-wöchentlichem Schichtwechsel regelmässig arbeiten, können in jeder zweiten Woche die Nachtarbeiterzulage erhalten. Wenn sie dagegen in drei- oder vier-wöchentlichem Schichtwechsel arbeiten, so steht ihnen in jeder vierten Woche die Nachtarbeiterzulagekarte zu.

Wenn Nachtarbeiter durchschnittliche körperliche Arbeit verrichten, können sie bei Vorliegen der zeitlichen Voraussetzungen während der Tages- oder Spätschichten die Langarbeiterzulage erhalten. Bei Nachtarbeitern, die nur leichte körperliche Arbeit verrichten, ist diese Möglichkeit nicht gegeben, sodass sie in der Tages- oder Spätschicht nicht berücksichtigt werden können.

Antragstellung.

Anträge auf Gewährung von Zulagen für Lang-, Schwer- und Nachtarbeiter sind grundsätzlich durch den Betriebsführer zu stellen. Die Antragstellung durch die einzelnen Gefolgschaftsmitglieder ist unzulässig und führt zur Rückgabe des Antrages an den Betriebsführer.

Die Anträge sind grundsätzlich in vierfacher Ausfertigung vorzulegen, damit die Betriebe eine Ausfertigung als Unterlage zurückerhalten können, aus der zu ersehen ist, welche Gefolgschaftsmitglieder anerkannt oder abgelehnt worden sind.

Der Betriebsführer ist für die gewissenhafte Ausfüllung der Anträge verantwortlich und hat die Richtigkeit der Angaben durch seine Unterschrift zu bestätigen. Er kann die Unterzeichnung einem zeichnungsberechtigten Vertreter übertragen. Wenn die Anträge falsche Angaben enthalten, die der Betriebsführer oder sein Vertreter mit ihrer Unterschrift bestätigt haben, so kann der Verantwortliche strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Die Bezeichnung wie: Dreher, Tischler, Schlosser, Schweisser, Klempner, Maurer, Zimmerer usw. genügen im allgemeinen,13 um die Voraussetzung der durchschnittlichen körperlichen Arbeit als gegeben anzusehen. Dagegen sind Bezeichnungen wie: Arbeiter oder Hilfsarbeiter nicht ausreichend, da hieraus nicht zu ersehen ist, welche Arbeiten das betreffende Gefolgschaftsmitglied tatsächlich verrichtet. Wenn erschwerende Arbeitsbedingungen vorliegen, so sind diese genau zu beschreiben. Z.B. starke Staubentwicklung, grosse Hitze, Arbeiten mit Atemschutzgerät u.s.w.

Bei Transportarbeiten ist die Gesamtmenge in kg., welche je Tag und Person bewegt wird, anzugeben, damit festgestellt werden kann, ob Schwer- oder Langarbeiterzulage gewährt werden kann. Aus dem gleichen Grunde muss für Kesselheizer angegeben werden, ob der Kessel Handbeschickung hat oder ob die Heizer die Kohlen selbst herankarren müssen. Ferner muss mitgeteilt werden, wieviel Tonnen Kohle jeder Heizer täglich verheizt.

1

LKV/b: „statt“.

2

LKV/b: „Inventaraufnahme“.

3

LKV/b: Ursprünglich „zugewiesen“.

4

Anstand ‚Schwierigkeiten, Ärger‘; österr.

5

So in HK, LKV/a*, JFK*. In LKV/b fehlt der betreffende Teil des Textes.

6

Estrade ‚erhöhter Teil des Fußbodens, Podium‘; aus frz. estrade, span. estrado.

7

Aktennotiz zusammen mit dem „Auszug aus den Bestimmungen für Lebensmittelzulagen für gewerbliche Arbeiter“ nur in LK; im Staatsarchiv Łódź unter der Signatur APŁ, 278/141, Bl. 113-119.

8

Selfaktor ‚Spinnmaschine mit einem hin- und herfahrendem Wagen, auf dem sich Spindeln drehen‘; aus engl. self-actor.

9

Vulkaniseure ‚auf die Herstellung und Verarbeitung von Gummi spezialisierte Facharbeiter‘; zu vulkanisieren ‚Rohkautschuk mit Hilfe bestimmter Chemikalien zu Gummi verarbeiten; Gegenstände aus Gummi reparieren‘; zu engl. to vulcanize, eigentl. ‚dem Feuer aussetzen‘.

10

Klotzbodenbeutel sind Versandtaschen aus Papier (sog. Musterbeutel) mit seitlichen Falten und festem Boden.

11

So in LK.

12

So in LK.

13

So in LK.