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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 30. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
90

Das Wetter:

1 Grad, Frost, trocken.

Sterbefälle:

10,

Geburten:

3 /2 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.720

Selbstmorde:

Am 29.3.1944 wurde der Wajsbrod Rubin, geb. 28.1.1924 in Łodz, wohnhaft Sulzfelderstr. 11, auf dem Hofe dieses Gebäudes tot aufgefunden. Es wird vermutet, dass derselbe in selbstmörderischer Absicht vom I. Stock in den Hof sprang, wobei er einen Schädelbasisbruch davontrug, an dessen Folgen derselbe starb. Am 29.3.1944 verübte der Risenberg Chaim, geb. 15.3.1882 in Staczowicz, wohnhaft Holzstrasse 34, durch Erhängen Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse von Belang. Im Getto herrscht Ruhe.

Approvisation.

Noch immer keine Aenderung der Lage, wenn auch heute wieder kleine Gemüsemengen eingelaufen sind, u.zw. 3.600 kg Kartoffeln, 6.370 kg Rote Beete, 7.450 kg kons. Rote Beete und 1.700 kg kons. Kohlrüben. An Fleisch kamen 1200 kg.

Saccharin:

Am heutigen Tage ist überraschenderweise der Saccharinpreis rapid gefallen. Während bisher in den letzten 4 Wochen für 1 Tablette 1 Mk bezahlt wurde, werden nunmehr 8 Tabletten für 5 Mk verkauft. Dieser Preissturz hängt damit zusammen, dass für die nächste Zeit eine Ration von 50 Tabletten pro Kopf erwartet wird. Der niedrigste Saccharinpreis war im November 1942 zu verzeichnen, damals wurden 11 Stück um 1 Mk verkauft.1

Die Sonder-Abteilung

erhielt von ihrer Leitung eine Zuteilung von 2 1/2 kg rote Rüben.

Der Brotumtausch

auf Mehl erfolgt neuerdings wieder durch die Talon-Abteilung im R-Laden. Das bedeutet eine wesentliche Erschwernis für die Bevölkerung, die es in den Verteilungsläden sehr einfach hatte. Es ist umso bedauerlicher, als schliesslich die Menschen nur die Zeit von 5 Uhr Nachmittag an zur Verfügung haben, um ihre Alltagssorgen zu erledigen. Warum diese Massnahme getroffen wurde, ist unbekannt. Zweifellos sind gewisse Unregelmässigkeiten vorgekommen. Der Umtausch von Brot auf Mehl kam besonders in der letzten Zeit in Schwung und ist die Ursache hiefür vielfältig. Der Hauptgrund aber ist der, dass die Menschen mit dem Mehl besser wirtschaften können, oder wenigstens glauben es zu können. Es handelt sich doch bei der Ernährung darum, möglichst grössere Quantitäten zu sich zu nehmen, um den Magen zu füllen. Das ist nur zu erzielen durch grössere Suppenquantitäten. Um eine nahrhafte Suppe herstellen zu können, braucht man Mehl für Einbrenn. Viele Leute nehmen morgens statt des Kaffees Suppen zu sich, um tagsüber leichter durchhalten zu können. Beim Brot besteht die Gefahr des leichteren Verschneidens und für wenig beherrschte Menschen die Gefahr eines rascheren Verbrauchs, so dass diese Leute oft 3-4 Tage überhaupt ohne Brot dastehen und dann auch keine Suppe zusätzlich haben. Nun ist, wie wir oben sagten, der Umtausch von Brot auf Mehl wieder einigermassen erschwert.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 10 Tuberkulose

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 8 Lungentuberkulose, 1 Herzmuskelentartung, 1 Rippenfellentzündung.

1

Der niedrigste in den Tageschroniken vom November 1942 verzeichnete Preis für Saccharin war 1 Mark für 10 Stück. Vgl. den Eintrag „Preise im Privathandel“ in der Tageschronik vom 25. November 1942.