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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 30. September 1943

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Tageschronik Nr.: 
257

Das Wetter:

Tagesmittel 11-15 Grad, bewoelkt, zeitweise Regen.

Sterbefaelle:

8

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Ausweisungen:

9 /am 27.9.1943 nach ausserhalb des Gettos/

Bevoelkerungsstand:

83.694

Tagesnachrichten.

Der Praeses hat heute am ersten Neujahrsfeiertag nicht amtiert. Er empfing lediglich seine naechsten Mitarbeiter, die ihm zu Rosch-haschanah ihre Glueckwuensche ueberbrachten. Es heisst, dass der Praeses aus diesem Anlass Talone gegeben hat.

Feststunde in der Approvisations-Abteilung:

Am heutigen Nachmittag fand in der Approvisations-Abteilung eine kleine Feier statt. Die Leitung ueberreichte dem Praeses ein Album der Approvisations-Abteilung, wobei Reingold eine Ansprache hielt. In seiner Antwort fuehrte der Praeses aus, dass er schon fuer die naechsten Tage eine allgemeine Besserung der Approvisationslage erwarte.

Der Praeses besuchte zu Fuss einige Ressorts und Abteilungen und beglueckwuenschte die Anwesenden zum Neuen Jahr.

Am Erew Rosch-haschanah1 ereignete sich in einem Holzgebaeude an der Hamburgerstrasse 18 ein Unfall. Im 1. Stock brach der Fussboden durch, sodass einige gerade anwesende Personen abstuerzten. Da der Einsturz aus geringer Hoehe erfolgte, sind keine Opfer zu beklagen.

Approvisation.

Noch immer keine wesentliche Aenderung der Lage. Die Kartoffeleinfuhr bessert sich allmaehlich, sodass man auf eine neue Ration hoffen kann.

Kassierung der B III und CP Talone:

Der Praeses teilte gestern abends der Talon-Abteilung mit, dass er alle laufenden B III und CP Talone sistieren wolle und statt dessen Kraeftigungsmittage /14 je Monat/ vorsehe. In dieser Dekade erhielten bereits die Tischlereien, Metall-Ressorts und Strohschuh-Ressorts statt der laufenden Talons die Kolacje und in der naechsten Dekade sollen alle anderen Ressorts daran kommen u.z. so, dass bis zum 20. Oktober saemtliche Talons B III und CP liquidiert werden sollen.

Gemuese ueber Radegast:

Seit laengerer Zeit kamen heute 5 Waggons Gemuese ueber Radegast herein, hauptsaechlich Mohrrueben, sodass eine solche Ration erwartet werden kann.

Butter-Zuteilung:

Die Sensation des Tages ist die Ausgabe von 50 g Butter pro Person fuer den Betrag von Mk 0.50 auf Coupon Nr. 68 der Nahrungsmittelkarte. Es ist dies seit Monaten die erste Butterzuteilung fuer die Bevoelkerung.

Ressortnachrichten.

Der Leiter Winograd verhaftet:

In der Kleinmoebelfabrik, Bazarna, gab es eine aeusserst peinliche Sensation. Der Leiter Winograd wurde auf dem2 Baluter-Ring berufen, wo Amtsleiter Biebow seine Festnahme auf die Dauer von 4 Wochen verfuegte. Winograd wurde sofort ins Zentral-Gefaengnis ueberfuehrt. Die Getto-Verwaltung hatte naemlich von verschiedenen Seiten /von Kunden, aber auch von Parteistellen/ Beschwerden ueber mangelhafte Lieferungen erhalten. U.A. beschwerte sich eine Stelle ueber aeusserst mangelhafte Qualitaet der in diesen Betrieben hergestellten Kinderbetten. Ausserdem habe sich eine deutsche Frau an einer gelieferten Waschrumpel die Haende verletzt. Da Winograd fuer seinen Betrieb verantwortlich ist, griff der Amtsleiter zu der oberwaehnten drakonischen Massnahme. Winograd hat bei seinem Verhoer am Baluter-Ring die Schuld auf sich genommen. Er steht im Zentral-Gefaengnis zur Disposition des Amtsleiters. Man hofft, dass dieser Vorfall keine weitere schwere Folge haben wird. Winograd gilt als einer der tuechtigsten und verlaesslichsten Ressortleiter. Er hat vielleicht den Fehler gemacht, auch die technische Seite des Betriebes auf sich zu nehmen, obwohl er kein Fachmann ist.

Fuersorgewesen.

Die Neuregulierung in der Arbeiterfuersorge:

Wie wir bereits berichtet haben,3 hat der FUKR eine Neuregulierung der Arbeiterfuersorge herausgegeben. Wir haben diese Kundmachung im Wortlaut unter dem 13.9.1943 gebracht. Wir haben weiters unter dem 21.9.1943 gemeldet, dass eine Sitzung des FUKR mit den Aerzten stattfinden sollte, in welcher die Aerzte genaue Weisungen erhalten sollten. Diese Sitzung hat nun am Freitag, den 24.9.1943, stattgefunden. Die Aerzte sprachen sich im Allgemeinen gegen diese Regelung aus, weil auch sie eine Demoralisierung der Arbeiterschaft befuerchten. In der gemeinsamen Besprechung wurden nun gewisse Richtlinien ausgegeben. Die Befreiung von Ressortarbeitern soll nur in schweren Faellen bewilligt werden, mit anderen Worten, der kranke Arbeiter hat nur dann Anspruch auf die in der Bekanntmachung angefuehrten Benefizien, wenn er wirklich schwer krank bzw. bettlaegerig ist.

Auf unsere Anfrage bei einem Rayonsarzt erfahren wir, dass von ihm selbst in schweren Faellen etwa 10 Befreiungen pro Tag ausgegeben werden. Da ungefaehr 100 Aerzte einen aehnlichen Durchschnitt aufweisen, ergibt das pro Monat 300 Befreiungen pro Arzt oder 30.000 Befreiungen pro Monat. Eine Konsequenz, die zur voelligen Stilllegung aller Betriebe fuehren muesste.

Kinderfuersorge fuer den Winter:

Am 28. September fand unter dem Vorsitz des Praeses beim FUKR eine Besprechung statt, die sich mit der aktuellen Frage der Beschuhung und Bekleidung fuer den Winter beschaeftigte. Es wurde zunaechst zur Kenntnis gebracht, dass die Gettoverwaltung fuer die Beduerfnisse des Gettos 40.000 Paar Holzschuhe freigegeben habe. Hier handelt es sich nicht um die Holzschuhe, welche im Sommer wie Sandalen getragen werden, sondern um Schuhe mit Holzsohlen, wobei der Oberteil aus wasserdichtem Leinen besteht und zwischen Oberteil und Sohle einen festen Lederstreifen aufweist.

Bis Ende Oktober werden 20.000 Paar zur Verfuegung stehen, davon 6000 Paar fuer Jugendliche. Der Praeses hat verfuegt, dass die Angabe der Bezugsberechtigten durch die Ressorts durchgefuehrt wird.

Der Praeses hat ferner fuer die adoptierten Jugendlichen 2000 Paar Schuhe /Altschuhe/ 2000 Maentel, 500 Muetzen, 2000 Trepki4 und 500 Paar Winterhausschuhe zur Verfuegung gestellt. Alle5 Kinder ohne Ausnahme erhalten zum Winter Kleider, Waesche und Halstuecher. Weiters gelangen 2000 Stueck Bettzeug zur Ausgabe.

Das Material fuer diese Waren hat die Getto Verwaltung freigegeben. Die Waren selbst werden die einzelnen Ressorts ausfertigen.

Sobald die Gegenstaende fertig sind, werden sie an die vom Praeses im heurigen Sommer errichtete „Bekleidungsabteilung fuer Jugendliche“6, Hanseatenstrasse 25, geliefert und von hier aus direkt den Kindern eingehaendigt werden. Damit ist ein wichtiger Schritt in der Durchfuehrung des Programms „Kinderfuersorge“ getan.

Kleiner Gettospiegel.

Tiere im Getto:

Die Idylle auf dem Wiesengrund laengs der Siegfriedstrasse und Roberta hat ihren Reiz verloren. Nicht allein deshalb, weil der Herbst die satten Farben ausgeloescht hat und die Natur fuer den Winter vorbereitet hat. Vornehmlich aus dem Grunde, weil die Ziegen und Schafe von dort verschwunden sind. Zuverlaessigen Gewaehrsmaennern zufolge sind diese Tiere von der Gettoverwaltung angefordert und in die Stadt gebracht worden, sie werden geschlachtet und dem Konsum zugefuehrt.

Auch die schoenen fetten Kuehe sind seit einigen Tagen nicht mehr zu sehen. Ob sie das Schicksal der Ziegen und Schafe geteilt haben, ist ungewiss. Jedenfalls haben sie die Weidefreiheit verloren.7

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

6 Bauchtyphus, 3 Tuberkulose

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:8

1

Mit „Erew Rosch-haschanah“ ist der Vorabend des jüdischen Neujahrsfestes gemeint.

2

So in HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**.

3

Vgl. den Eintrag „Neuregelung der Arbeiterfuersorge“ in der Tageschronik vom 13. September 1943.

4

Trepki sind Holzschuhe. Vgl. den Eintrag „Neue Bekleidungsabteilung“ in der Tageschronik vom 21. September 1942.

5

LKV/a**: Nachfolgend von Hand hinzugefügt „diese“. HK: Am Rand die polnischsprachige Anmerkung ‚In II. Kopie mit Füller: diese.‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

6

LKV/a**: Am Ende des Eintrags von Hand hinzugefügt „Fürsorgeabtlg.“. HK: Am Rand die polnischsprachige Anmerkung ‚In II. Kopie mit Tinte hinzugefügt: (Fürsorge.Abtlg.)‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

7

Über Tiere im Getto ist wenig bekannt. Die Tageschronik vom 16. April 1942 (Eintrag ‚18 Ochsen‘) berichtet, dass – nach Abtransport von 18 Ochsen – 16 Ochsen und 90 Pferde im Getto verblieben. Aus der Tageschronik vom 9. November 1942 (Eintrag „Neue Schmiede“) geht hervor, dass sich zu jenem Zeitpunkt 106 Pferde und 17 Kühe im Getto befanden. Oskar Singer erwähnt die „paar elenden Zugpferde im Getto, die an den Fingern abzuzählenden Kühe und Ziegen, die wenigen vierbeinigen Ochsen“ (Singer 2002, S. 98). Über die Katzen des Gettos berichtet ausführlich die Tageschronik vom 15. Januar 1944 (Rubrik „Kleiner Gettospiegel“). Ein bürokratisches Kuriosum stellt der amtliche Schriftverkehr zwischen der „Sonderabteilung“ und der Kriminalpolizei um einen auf dem Grundstück Hohensteinerstr. 94 aufgefundenen herrenlosen Hund dar, der seinem rechtmäßigen Eigentümer Johann Behnke „gegen Empfangsbescheinigung zurückerstattet“ wird (Archiv der Arbeitsstelle Holocaustliteratur: Schreiben M. Kligier an die Staatliche Kriminalpolizei Sonderkommando Getto, 19.11.1943; Vermerk Gettokommissariat, 26.11.1943).

8

HK, LKV/a**, JFK**: Keine Angabe. Zum Monat September 1943 vgl. auch Oskar Rosenfelds Monatsübersicht „Das Gesicht des Gettos. September 1943“ (Supplemente, Bd. 5).