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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 4. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
292

Das Wetter:

5-10 Grad, bewölkt, kalt.

Sterbefälle:

5,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes 2

Bevölkerungsstand:

83,464

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute in den Abendstunden neuerdings eine Konferenz abgehalten. Geladen waren dieselben Herren u.zw. Wolinsky, Lederman, Tabaksblatt, Bande, Lublinski und Chil. Bei der ersten Sitzung war als Experte für Küchenangelegenheiten auch der Leiter der Küchenabteilung, Kaufmann, anwesend, zur heutigen Sitzung war der Letztgenannte nicht geladen. Das Resultat dieser Sitzung ist noch unbekannt.

Die B-Zuteilungen wurden auch heute am 4.XI. nicht publiziert.

Die Zentralbuchhaltung

bleibt: Der Präses hat die ursprünglich vorgesehene Auflassung der Zentralbuchhaltung und deren Ersetzung durch eine Kontrolle durch das FUKR inhibiert, da sich herausgestellt hat, dass das Fach- und Kontroll-Referat der Aufgabe praktisch bezw. technisch nicht gewachsen wäre. Das Personal der Zentralbuchhaltung wird zum 1.I.44 erheblich reduziert werden.

Approvisation.

Die Lage ist unverändert schlecht. Mangelhafte Zufuhr, endlose Reihen an den Gemüseplätzen, wenn die rückständigen Rationen von Rettich ausgegeben werden. Die Lage spitzt sich von Stunde zu Stunde zu.

Mit Rücksicht auf die Panikstimmung in der Bevölkerung und die Besorgnis, ob die Ration ausgegeben werde oder nicht, wurde diesmal die Ration einen Tag früher publiziert als sonst. Sie lautet:

Ab Sonnabend, den 6. November, wird auf Coup. 77 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 8.XI.43 bis zum 21.XI.43 einschliesslich folgende Ration herausgegeben:

  • 400 g Roggenmehl
  • 50 g Flocken
  • 50 g Erbsen
  • 400 g Zucker, braun
  • 100 g Oel
  • 300 g Kaffeemischung
  • 500 g Marmelade
  • 400 g Salz
  • 100 g Senf
  • 130 g Suppenpulver
  • 100 g Salattunke
  • 10 g Natron
  • 250 g Waschsoda
  • 1 Stueck Seife
  • Diese Ration betraegt Mk 8.-

Jede Familie erhaelt ausserdem

  • 250 g Essig
  • 50 ″ Fruchttee
  • 1 Schachtel Streichhoelzer
  • fuer den Betrag von Mk 0.50

Ferner werden auf Coupon Nr. 37 Gemuesekarte fuer die Zeit vom 8.11.1943 bis zum 14.11.1943 einschliesslich /7 Tage/

  • 2 kg Kartoffeln pro Person
  • fuer den Betrag von Mk 1.-1

Fleisch- und Wurstzuteilung:

Ab Sonnabend, den 6.11.1943, werden auf Coupon Nr. 82 der Nahrungsmittelkarte

  • 200 g Wurst pro Person

und ab Dienstag, den 9.11.43, auf Coup. 71 der Nahrungsmittelkarte in den für sie zuständigen Fleischläden

  • 200 Gramm Fleisch pro Person

herausgegeben.

Betr. Magermilchpulver-Zuteilung:

Ab Sonnabend, den 6.11., werden allen auf Coup. 64 der Nahrungsmittelkarte in den für sie zuständigen Milchverteilungsstellen

  • 50 g Magermilchpulver pro Person

für den Betrag von Mk. 0.50 ausgefolgt.

Ressortnachrichten.

Metall II

hat einen grösseren Auftrag an Metallspielzeug erhalten, der bis Weihnachten ausgeführt werden muss. Im allgemeinen ist dieses Ressort nicht gut mit Aufträgen versorgt, doch ist zu hoffen, dass nach den Weihnachtsaufträgen weitere Aufträge eingehen werden.

Fürsorgewesen.

Der Präses hat die Konsumenten der Kräftigungsküchen in drei Kategorien eingeteilt und zwar je nach der Qualifikation als Schwerarbeiter und sonstige Arbeiter folgendermassen: 2 Wochen Konsumption2 – 2 Wochen Pause, 2 Wochen Konsumption – 4 Wochen Pause, 2 Wochen Konsumption – 8 Wochen Pause. Dies entspricht ungefähr dem Genuss der verschiedenen Talone der Kategorien B III und CP. Der Präses hat diese Aktion sozusagen abgeschlossen. Alle Umlauftalons der Kategorien CP und B III sind liquidiert.

Finanzwesen.

Heute erschien wieder ein Aufruf an die Gettobevölkerung betreffend die Ablieferung von Gold und sonstigen Wertgegenständen sowie Waren jeglicher Art. Die Kundmachung lautet:

AUFRUF an die Gettobevoelkerung

Betr.:

Ablieferung von Gold- und sonstigen Wertgegenstaenden

/wie: Brillanten usw./ sowie Valuta und Pelzen an die Bank, Bleicherweg 7, und Waren jeglicher Art an die Zentral-Einkaufstelle, Kirchplatz 4.

Nachdem sich das Getto z.Zt. in einer schweren finanziellen Lage befindet und eine Abhilfe zu Gunsten der allgemeinen Gettobevoelkerung unbedingt erforderlich ist, weise ich hierdurch nochmals ausdruecklich auf meine frueheren Aufforderungen hin, alle im Besitz der einzelnen Gettoeinwohner befindlichen Wertgegenstaende wie: Gold, Brillanten usw. sowie Valuta und Pelze an die Bank, Bleicherweg 7, und Waren jeglicher Art, an die Zentral-Einkaufstelle, Kirchplatz 4, abzuliefern.

Die Bank und auch die Zentral-Einkaufstelle haben jetzt Anordnungen erhalten, die abgelieferten Wertgegenstaende und Waren – wie obenbezeichnet – nach bester Moeglichkeit guenstig zu schaetzen und den Gegenwert hierfuer sofort zur Auszahlung zu bringen.

Ich mache ausdruecklich darauf aufmerksam, dass die Gettobevoelkerung mit der vorbezeichneten Ablieferung zum Wohle des gesamten Gettos beitraegt und ein jeder deshalb meine Aufforderung richtig verstehen und entsprechend handeln sollte. Falls der eine oder andere mir in dieser Angelegenheit vertrauliche Mitteilungen zu machen hat, kann er sich jederzeit zu mir persoenlich auf dem Baluter-Ring melden. Anmeldungen zu mir wegen dieser vertraulichen Mitteilungen werden in der Ordnungsdienstabteilung gegenueber dem Baluter-Ring angenommen.3

Warum der Praeses gerade jetzt wieder seinen Aufruf wegen Ablieferung wiederholt, ist nicht ganz klar. Zunaechst ist auffallend, dass er von einer schwierigen finanziellen Lage des Gettos spricht. Diese Begruendung erscheint zum ersten Male und ist nicht sehr glaubwuerdig. Allem Anschein nach moechte der Praeses jetzt noch verhindern, dass die Gettobevoelkerung weiterhin unter der Taetigkeit der berufsmaessigen Spitzel leidet. Es ist eine leider nicht zu beschoenigende Tatsache, dass es unter den Juden im Getto eine ganze Reihe von Leuten gibt, die sich berufsmaessig mit der Denunziation von Personen befasst, die noch irgendwelche Wertgegenstaende verborgen halten. Da nun einmal das juedische Vermoegen im Reich als gesetzlich beschlagnahmt gilt, hat die Behoerde auch einen legalen Anspruch auf noch vorhandene Bestaende im Getto. Merkwuerdigerweise finden sich nach 4 Jahren Getto noch immer sogenannte Pakete, die durch Spitzel aufgestoebert und der Kriminalpolizei denunziert werden. Fuer den Besitzer solcher Pakete ist dann die Prozedur nicht sehr gesundheitsfoerdernd. Daher moechte der Praeses die noch vorhandenen Wertgegenstaende auf administrativem Wege ueber seine Bank und seine Zentraleinkaufsstelle der Bestimmung zufuehren.4

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Bauchtyphus, 5 Tuberkulose.

1

So in HK, LKV/a**, JFK**.

2

Konsumption ‚Konsum, Verbrauch von Wirtschaftsgütern‘; zu lat. consumptio ‚Aufzehrung‘; fachspr.

3

Der Wortlaut des Aufrufs wird vollständig wiedergegeben. Die Unterstreichung des Wortes „alle“ wurde durch die Chronisten vorgenommen. Die Titelzeile des Originals („Aufruf an die Gettobevölkerung!“) ist darüber hinaus mit einem Ausrufezeichen versehen, welches nicht von den Chronisten übernommen wurde. Vgl. YIVO, RG 241/527: Aufruf an die Gettobevölkerung, 4.11.1943.

4

HK, LKV/a**: Absatz jeweils durch einen Strich am Rand hervorgehoben. LKV/b**, JFK**: Großes Fragezeichen von Hand über den Text gelegt; kleineres Fragezeichen von anderer Hand am Rand hinzugefügt. – Zahlreiche solcher Spitzelberichte, die direkt an die Kripo gingen, sind im Archiv der Arbeitsstelle Holocaustliteratur erhalten.