Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 5. August 1943

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
201

Das Wetter:

Tagesmittel 28-33 Grad, bewoelkt. Gegen 18 Uhr kurzer, aber heftiger Gewitterregen.

Sterbefaelle:

13

Geburten:

2 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 11

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

84.219

Tagesnachrichten.

Kommission im Getto:

Heute hatte das Getto den Besuch einer behoerdlichen Kommission, u.z. den Oberbuergermeister mit Gaesten aus Berlin. Die Besichtigung erfolgte unter Fuehrung des Praeses. Wie man hoert, ist diese Besichtigung zur vollsten Zufriedenheit der Kommission ausgefallen.

Gehsteige enger:

Die Durchfahrtstrassen Hohensteiner und Alexanderhof sollen breiter gemacht werden. Ein Teil der Gehsteige wird durch Verruecken der Draehte verengt.

Approvisation.

Keine Aenderung der Lage. Die Kartoffelzufuhr ist recht flau.

Der Lebensmitteleingang am 4. August ergibt folgendes Bild: 2000 l Magermilch, 500 kg Hefe, 1700 kg Kartoffeln, 24.005 Kohlrabi,1 19.777 kg Weisskohl, 3.228 kg Rettich, 2500 kg kons. Rote Beete, 43.000 kg Roggenmehl, 8505 kg Saladine2, 495 kg Salattunke, 790 kg Muscheln3, 250 kg Zitronensaeure, 250 kg Weinsteinsaeure, 800 kg Gewuerze, Cardamon, 1467 kg Senfwuerze, 1136 Dosen Fleischkonserven, 1355 kg Pferdefleisch, 2007 kg Rindfleisch, 103 kg Schweinefleisch, 18 kg Kalbfleisch. Zusaetzliche Bedarfsgueter: 105 kg Schuhkrem, 500 l Brennspiritus, 35.000 Stk. Einheitsseife, 5.000 Beutel Mottenpulver, 2 kg Chemikalien, 6 kg Kunsthonig Aroma, 200 kg Bazillol4, 10 Karton Gluehbirnen, 5 Stk. Pinsel, 7.940 kg Koksgriess, 8.240 kg Pferdefutter, 3.775 kg Chlorkalk.

Die Hoffnungen auf eine Kartoffelration sind wieder etwas gedaempft. Die Erwartungen, die man in diese Saison gesetzt hat und die auch von sonst gut informierten Stellen genaehrt wurden, wurden bitter enttaeuscht. Dieser Sommer verlaeuft ebenso schlecht wie der vergangene.

Die Wurstausgabe:

Die Wurstausgabe erfolgt in letzter Zeit gewoehnlich in den Abendstunden zwischen 18 und 22 Uhr unerwartet ohne vorherige Ankuendigung. Das liegt daran, dass die Fleischzentrale in den letzten Wochen Fleisch erhalten hat, das, gerade noch an der Grenze des Verderbs, rasch zu Wurst verarbeitet werden muss. Das muss gewoehnlich Hals ueber Kopf geschehen, sodass eine regelmaessige Wurstausgabe wie frueher nicht moeglich ist.

Ressortnachrichten.

Schuhmacher wieder gut beschaeftigt:

Die Schuhfabrik Franzstr. 76, welche in der letzten Zeit wenig produzierte, begann heute wieder voll zu arbeiten. Es kam vergangenen Montag ein groesserer Transport Holzsohlen herein, die zu Sandalen verarbeitet werden. Bei einer Produktion von 3.000 Paar taeglich, wird dieses Ressort nunmehr wieder fuer 14 Tage mit Arbeit versorgt sein.

Fuersorgewesen.

Die dem Fuersorgereferat unterstehenden Waisenkinder erhalten diese Woche eine Zuteilung von 5 kg Kartoffeln, 2 kg Kraut und 25 dkg Zucker.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Berufungsverhandlung vom 2.VIII.1943.

Senat: Feygl, Flatto, Wojdysławski, Prok.: Bytenska.

Kausen:

6

Diebstahl: 3, Vergeh. gegen Kartensystem: 2, Irrefuehrung der Behoerde: 1.

Erledigung:

Urteile: 4, Vertagt: 2.

In der Sache der Unikowska Henia, die in I. Instanz wegen Diebstahls eines Hemdes aus der Waescherei, Hohensteinerstrasse, zu 1 Woche Haft verurteilt worden war, kam das zweitinstanzliche Gericht zur Ansicht, dass die Angeklagte, die ohne jegliche Habe ins Getto eingesiedelt wurde und vorher schon zweimal ausgesiedelt worden war, das Hemd in hoechstem Notstande entwendet hat und ermaessigte die Strafe auf eine Geldstrafe von Mk. 15.-.

In der Sache gegen Szkolnik Jakob, der aus dem Leder- und Sattlerressort 8 1/2 kg Abfallleder entwendet hat, wurde das erstinstanzliche Urteil – 2 Monate Gefaengnis – bestaetigt. Dem Angeklagten Weysbard Jankiel, der wegen eines 1 1/2 Jahre zurueckliegenden Vergehens gegen das Kartensystem angeklagt war, wurde die durch den Erstrichter verhaengte Strafe – 2 Monate Gefaengnis – zwar bestaetigt, dem Angeklagten jedoch eine 6-monatige Bewaehrungsfrist gewaehrt.

Dem Falle des Bryl Rywen lag folgender Tatbestand zu Grunde: Im Hause des Angeklagten war ein Einbruchsdiebstahl veruebt worden, wobei die Beschaedigte die gestohlenen Lebensmittel durch die Kolonial- und Brotabteilung rueckersetzt erhielt. Das brachte den Bryl auf den Gedanken, zwecks Anschaffung von Lebensmitteln einen Diebstahl zu fingieren. Er ging in die O.D. Abteilung und erstattete Meldung ueber einen bei ihm veruebten Diebstahl. Als dann aber ein O.D. Mann in seiner Wohnung den Tatbestand feststellen kam, bekam er Angst und widerrief seine Anzeige. Wegen Irrefuehrung der Behoerde angeklagt, wurde Bryl in I. Instanz zu 1 Monat Gefaengnis verurteilt. Die II. Instanz erblickte im Widerrufen der Anzeige rechtzeitiges freiwilliges Zuruecktreten von seinem Betrugsversuch und sprach ihn frei.

Die restlichen 2 Sachen wurden vertagt.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

10 Bauchtyphus, 1 Flecktyphus, 6 Tuberkulose. Die Todesursachen der heutigen Sterbefaelle:

9 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 2 Tuberkulose anderer Organe.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Saladine ist ein Ersatzkaffee aus geröstetem Mais.

3

Das ins Getto gelangende „Muschelfleisch“ beschreibt Peter Wertheimer in der Getto-Enzyklopädie: „Das konservierte Fleisch von Meermuscheln, welches zunächst nur auf Talone, später auch einigemale zur Normalration ausgegeben wurde. Zunächst mit Misstrauen aufgenommen, erfreute es sich dann allgemeiner Beliebtheit als angenehme Erweiterung der Gettodiät. Die wenigen im Jahre 1943 ausgegebenen Rationen schwankten zwischen 100 und 200 Gramm pro bezugsberechtigter Person“ (AŻIH, 205/311, Bl. 265).

4

Bazillol: Mittel zur Desinfektion v.a. des tuberkulösen Auswurfs.