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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 6. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
6
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Das Wetter:

Tagesmittel 5-2 Grad unter 0, Frost, sonnig.

Sterbefälle:

10

Geburten:

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

83.099

Tagesnachrichten.

Der Präses bereitet für seine ältesten und verdientesten Mitarbeiter ein Erinnerungsgeschenk vor. Das Geschenk besteht aus einer kompletten Serie Getto-Papier-Geld, mit dem Autogramm des Präses und einer Widmung. Das Ganze ist in einer Zelluloidhülle. Es ist zunächst die Ausgabe von1 100 Serien vorgesehen. Der Leiter der Druckerei Rozenstajn hat die Widmung entworfen und dem Präses bereits zur Genehmigung vorgelegt.

Approvisation.

Die Lage ist unverändert betrüblich. Die Einfuhr von Gemüse ist recht karg. Am gestrigen Tage kam alles in allem nur 35.820 kg Möhren, am heutigen Tage 92.480 kg Möhren und 20.000 kg Kohlrüben, Kartoffeln überhaupt keine. Heute erhielt das Getto erstmalig sogenanntes Spinatsaatmehl2, ca 5.000 kg. Dieses Nahrungsmittel war dem Getto bisher unbekannt.

Da 4700 kg Quark einrollten, dürfte eine Quark-Ration unmittelbar bevorstehen. Die Einfuhr von Mehl ist befriedigend.

Kleinere Ration für die Kinder:

Es steht bereits fest, dass auf Grund der Anordnung der deutschen Behörde Kinder unter 10 Jahren verringerte Lebensmittelzuteilungen erhalten werden.

Ressortnachrichten.

Der Holzbetrieb II

führt eine schnelle Hilfsarbeit für die I. Abteilung durch. Es werden sogenannte Leisten-Scheidewände für die Munitionskisten hergestellt. Bis zum kommenden Sonntag werden diese Arbeiten auch in Nachtschichten durchgeführt.

Holz für Arbeiter:

In den Holzbetrieben I und II werden augenblicklich Holztalone nur für Arbeiter dieser Abteilungen ausgegeben. Diese Arbeiter erhielten vom Wirtschaftsbüro Passierscheine, die zum Heraustragen des Holzes oder des Sägemehls bzw. Hobelspäne aus dem Ressort berechtigen.3 Personen, die nicht in diesen Betrieben beschäftigt sind, erhalten augenblicklich keine Holzzuteilungen.

Gesundheitswesen.

Der Verlauf der Typhuserkrankung bei den Polen kindern im Infektionsspital an der Matrosenstrasse ist gutartig. Der Zustand der Patienten hat sich verhältnismässig schnell und sichtlich gebessert. Es sind auch keine Todesfälle zu verzeichnen.4

Spital Gnesenerstrasse:

Das Projekt, im ehemaligen Heim an der Gnesenerstrasse ein Infektionsspital einzurichten,5 ist gefallen. Man rechnet mit einer baldigen Entlassung der Patienten aus dem Kripo-Lager, sodass das Infektionsspital an der Matrosenstrasse bald wieder ausschliesslich für jüdische Patienten verfügbar sein wird.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

23 Flecktyphus, 1 Bauchtyphus, 1 Paratyphus, 6 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 1 Lungenkrankheit, 3 Herzkrankheiten, 1 Hirnhautentzündung.

1

HK, LK**, JFK**: Nachfolgend gestrichen „einer“.

2

Spinatsaatmehl: Wie die Samen der Spinatpflanze ist auch das aus ihnen gewonnene Mehl sehr nährstoffreich. Normalerweise werden die Samen jedoch nicht zu Mehl verarbeitet, da sie einen bitteren Geschmack und schlechte Bindungseigenschaften aufweisen.

3

So in HK, LK**, JFK**.

4

Im Dezember 1943 war im „ Polen -Jugendverwahrlager“ in Marysin eine Flecktyphus-Epidemie ausgebrochen. Das genannte Spital in der Matrosenstraße war auf deutsche Anweisung für die polnischen Patienten geräumt worden. Vgl. die Tageschroniken vom 21. Dezember 1943 (Eintrag „Eine neue Schreckensnachricht“) und 22. Dezember 1943 (Eintrag „Das Spital in der Matrosenstrasse“). Bis zum 1. März 1944 hatten alle polnischen Kinder das Spital wieder verlassen (vgl. dazu die Rubrik „Gesundheitswesen“ in der Tageschronik vom 2. März 1944).

5

Die Umwandlung des ehemaligen „Erholungsheimes“ zum Spital war seit Dezember 1943 in Planung. Vgl. die Tageschroniken vom 22. Dezember 1943 (Eintrag „Das Spital in der Matrosenstrasse“) und 23. Dezember 1943 (Rubrik „Tagesnachrichten“).