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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 6. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
187

Das Wetter:

Tagesmittel 25-36 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

18,

Geburten:

2 /1 m. 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

74,646

Ausweisungen:

912 /II. Transp. zur Arbeit ausserhalb d. Gettos/.

Selbstmorde:

Am 5.7.1944 verübte der Rozen Syna, geb. 14.5.1886 in Ozorkow, durch Sprung aus dem III. Stockwerke seines Wohnhauses Sulzfelderstr. 7 Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Am 5.7.1944 verübte der Dorfsberger Chaim Jakub, geb. 11.6.1904 in Pilica, wohnhaft Hanseatenstr. 33, durch Erhängen Selbstmord. Der Arzt der Rettungsbereitschaft stellte den eingetretenen Tod fest.

Tagesnachrichten.

Der Oberbürgermeister im Getto:

Heute Vormittag erschien der Oberbürgermeister Dr. Bradfisch im Getto und gab dem Aeltesten Weisungen bezüglich einer neuen Abbruchstelle. Mitten in die Aufregungen der Aussiedlung platzte diese Bombe und es scheint, als ob sich alle Gewalten augenblicklich gegen das Getto verschworen hätten, dessen Nerven nahezu am Zerreissen sind. Es hiess zunächst, dass der ganze Block vom Altmarkt bis zur Holzstrasse und Scheunenstrasse unverzüglich abgetragen werden soll. Manche wollten wissen, dass der Abbruch bis zum Tor an der Hohensteinerstrasse durchgeführt werden soll. Ja man sprach sogar von einem Abbruch bis zur Brücke an der Kirche. Schliesslich stellte es sich heraus, dass nur einige Häuser Am Bach, Holzstrasse und Scheunenstrasse abgebrochen werden sollen u.zw. so, dass dadurch ein Brandschutzgürtel für die in der Nähe liegende ehemalige1 Poznański-Fabrik geschaffen werden soll. Aber auch dieser Abbruch trifft das Getto genügend schwer, denn es wohnen dort etwa 1.000 Personen, die so über Nacht ihr Heim verlieren.

Der Präses begab sich an Ort und Stelle und sprach dann mit einigen Passanten, die sich am Feuerwehrplatz versammelten. Den betroffenen Mietparteien sagte er 1 kg Brot pro Person zu und betonte andererseits, dass alle Personen, die die Aufforderung zur Ausreise erhalten haben, derselben unbedingt Folge zu leisten haben, da er diesen Menschen keine Hilfe bieten könne.

Trauungen:

Am heutigen Tage nahm der Präses 11 Trauungen vor. Es handelt sich nicht2 um besonders ausgewählte Personen, die dadurch vor der Ausreise geschützt werden sollen,3 da die OD Männer und Feuerwehrleute nicht getraut werden konnten.4

Der Leiter der Schneider-Zentrale, Dawid Warszawski, wurde mit seiner Familie von der Kripo in die Stadt überstellt. Näheres über diese Angelegenheit ist nicht zu erfahren.

Rückkehrer:

Heute trafen über Baluter-Ring 14 Männer ein, die am 30.5.44 zu Torfstecherarbeiten das Getto verlassen haben. Es handelt sich durchwegs um Männer in überaus schlechtem körperlichen Zustand, die sofort nach Erledigung der Formalitäten im Zentral-Gefängnis, ins Spital überstellt werden sollen. Man versorgte diese Menschen im Zentralgefängnis sofort mit neuer Kleidung, da sie völlig abgerissen waren.

Für den morgigen Transport sind die erforderlichen 700 Menschen bereits vorbereitet.

Approvisation.

Unverändert schlechte Lage. Mit einem Einlauf von zusammen 14,640 kg Radieschen, Kohlrabi, Mairettich und Salat ist dem Getto nicht geholfen. 2,990 kg Fleisch kam heute herein.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

13 Lungentuberkulose, 3 Lungenkrankheiten, 1 Herzschlag, 1 Lebensschwäche /neugeborenes Kind/.

1

HK, LK**, JK**, JFK*: „ehemalige“ von Hand eingefügt.

2

HK, JFK*: Ursprünglich „wieder“; von Hand ersetzt. LK**, JK**: „wieder“.

3

Rest des Satzes nur in HK, JFK*; dort von Hand hinzugefügt.

4

Durch eine Heirat mit einem O.D.-Mitglied oder einem Feuerwehrmann hatte die Familie die Gewissheit, nicht deportiert zu werden. Daher waren diese Trauungen nun verboten.