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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Donnerstag, den 7. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
264
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Das Wetter:

Tagesmittel 18-28 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

6

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevoelkerungsstand:

83.640

Brand:

Am 7.10.1943 wurde die Feuerwehr um 12 Uhr 50 nach dem Hause Sulzfelderstrasse 6 alarmiert, wo in der Wohnung auf dem 1. Stockwerke eine Holzwand durch ein schlecht eingefuehrtes Ofenrohr in Brand geraten war. Das Feuer konnte rasch mit einer Kuebelspritze geloescht werden.

Tagesnachrichten.

Das Getto steht im Zeichen des kommenden Jom Kippur. Die Bevoelkerung ist ueberaus gluecklich ueber die Arbeitsregelung fuer diesen Tag. Es ist kein Zweifel, dass der arbeitsfreie Jom Kippur ein Verdienst des Praeses ist, dem es im Zuge von Verhandlungen mit dem Amtsleiter Biebow gelungen ist, den Ruhetag von Sonntag auf Samstag zu verlegen. Dennoch herrscht eine gewisse Nervositaet unter der Bevoelkerung. Die Angst vor den Hohen Feiertagen ist gewissermassen traditionell geworden.1 Man darf aber ueberzeugt sein, dass es dem Praeses diesmal gelungen ist, jede Stoerung des Jom Kippur zu vermeiden.

Der Laryngologe Dr. Mazur ausserhalb des Gettos:

Eine Episode, die noch nicht aufgeklaert ist, ereignete sich heute um etwa 12 Uhr mittags. Der bekannte Spezialarzt Dr. Mazur /Laryngologe/, den der Praeses seinerzeit aus Warschau ins Getto gebracht hat, ging gerade in der Richtung Siegfriedstrasse, als ein Auto mit zwei Herren der Getto-Verwaltung und A. Jakubowicz vorbei fuhren.2 Das Auto hielt und Jakubowicz forderte Dr. Mazur auf einzusteigen. Das Auto fuhr dann sofort nach dem Baluter-Ring zurueck. Die Vermutung lag nahe, dass man den Spezialisten fuer irgendeine Konsultation oder Operation ausserhalb des Gettos brauchte. Dagegen aber sprach der Umstand, dass Dr. Mazur einen verletzten Arm hat, da er sich an einer Phlegmone infiziert hatte. Sicher ist, dass Dr. Mazur mit dem Auto nach der Stadt gefahren ist.3

Approvisation.

Die Lage bessert sich zusehends. Am 5. und 6. Oktober sind hinreichend Kartoffelzufuhren zu verzeichnen u.z. an beiden Tagen je ca 174.000 kg. Auch die Gemuesezufuhr besserte sich, an beiden Tagen sind insgesamt 106.000 kg hereingekommen. Die Kuerbiszufuhr haelt an, sodass mit einer neuen Ration zu rechnen ist. Allenthalben sieht man jetzt die Wagen mit den Kuerbis-Kolossen durch die Strassen rollen. Solche Riesen hat man bisher in dieser Gegend nicht gekannt. Es gibt Fruechte, die bis zu 40 kg wiegen. Allem Anschein nach stammen die Fruechte aus bessarabischen4 oder ukrainischen Gegenden.

Die Fleischzufuhr war am 5. sehr gering /ca 195 kg/, hingegen am 6. wieder normal /3200 kg/.

Ressortnachrichten.

Exhauster5 im Holzbetrieb III:

Der Leitung dieses Betriebes ist es gelungen, Exhaustoren einzurichten. Bis jetzt hat dieser Betrieb ohne diese technische Segnung arbeiten muessen. Die Folgen waren natuerlich katastrophal vor allem fuer die zahlreichen jugendlichen Arbeiter, die durchwegs bei ihrer Arbeit an den Maschinen dem Holzstaub ausgesetzt waren. Insbesondere an den Schleifmaschinen ist die Gefahr ausserordentlich gross. Bedauerlicherweise ist es der Tischlerei Zimmerstrasse 12 bei Errichtung der neuen Maschinenhalle nicht gelungen, gleichzeitig auch entsprechende Exhaustoren einzubauen, da nicht genuegend Blech fuer die Leitung zur Verfuegung steht.

Fuersorgewesen.

Die Kraeftigungs-Kuechen:

An der Errichtung der neuen Kraeftigungs-Kuechen an der Masarska und Flisacka wird sehr intensiv gearbeitet. In der Masarska duerfte die dort bestehende allgemeine Kueche in etwa 8 Tagen ihre Taetigkeit einstellen. Der Parterreraum wurde durch Hinzunahme des bisherigen Schaelraumes erweitert, sodass im Parterre jetzt zwei geraeumige Speisesaele zur Verfuegung stehen werden. Hiezu kommt der schoene Speisesaal im 1. Stock. In dieser Kueche werden voraussichtlich etwa 500 Personen gleichzeitig ihre Mahlzeiten einnehmen koennen, waehrend in den beiden Kuechen an der Muehlgasse und Steinmetzgasse knapp 300 Personen gleichzeitig abgefertigt werden koennen. Die Kueche an der Masarska wird also voraussichtlich 1500 Personen, die an der Flisacka ca 1200 Personen taeglich abfertigen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Bauchtyphus, 7 Tuberkulose.

1

Immer wieder verübten die Nationalsozialisten ihre Verbrechen gegen Juden an hohen jüdischen Feiertagen, dies war nicht nur im Getto Litzmannstadt so. Diese Demütigung sollte die Verbrechen noch unterstützen.

2

So in HK, LK*, JFK*.

3

Eine ähnliche Episode wie die des Dr. Mazur findet sich in Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“. Dort geht es um den Herzspezialisten Professor Kirschbaum, der von den deutschen Besatzern aus dem Getto geholt wird, weil der Gestapo -Chef, Sturmbannführer Hardtloff, einen Herzanfall erlitten hat. Auf dem Weg zum Landsitz des Gestapo -Chefs nimmt sich Kirschbaum das Leben. Vgl. Becker 1982, S. 196-207.

4

Bessarabien: Eine Landschaft in Südosteuropa, begrenzt vom Schwarzen Meer im Süden sowie den Flüssen Pruth im Westen und Dnister im Osten, mehrheitlich von Rumänen bewohnt.

5

Exhauster (auch Exhaustor): In einem Rohr angebrachtes elektromotorisch angetriebenes Gebläse zum Absaugen feiner Sägespäne oder Holzstaubs, auch bei Gas, Dampf etc. einsetzbar; zu lat. exhaustum, Part. II von exhaurire ‚ausschöpfen, entleeren‘, fachspr.