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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 8. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
159

Das Wetter:

Tagesmittel 13-22 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

12 /6 M., 6 Fr./,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.620

Tagesnachrichten.

Verhaftungen:

Das Getto steht noch ganz unter dem Eindruck der unglückseligen Verhaftungen vom gestrigen Tage. Das Ereignis wird überall im Flüsterton besprochen und die Angst um das Leben dieser Menschen, schnürt allen, die sie kannten, die Kehle ab. Der Ordnungsdienst hat noch immer nicht den flüchtigen Chaim Widawski gefunden. Man befürchtet, dass der Genannte Hand an sich legen wird, bevor er sich den deutschen Behörden stellt. Widawski ist ein im Getto sehr gut bekannter, noch junger Mann, der sich Dank seiner Hilfsbereitschaft und seines hohen gesellschaftlichen Sinnes allgemeiner Beliebtheit erfreut. Er ist Kontrollor in der Talonabteilung. Es ist natürlich nicht gut möglich, dass er sich für längere Zeit verborgen halten könnte, da die Geheime Staatspolizei mit allem Nachdruck auf Stelligmachung seiner Person besteht. Von den Verhafteten hat man keine Nachricht.

Während bis zu diesen Verhaftungen die Litzmannstädter Zeitung doch in einigen wenigen Exemplaren über die Drähte kam, ist am heutigen Tage keine Zeitung mehr gesichtet worden. Auf welchem Wege die Zeitung bisher hereinkam, ist unbekannt. Nunmehr wird das Verbot, Zeitung ins Getto zu schaffen,1 entsprechend rigoros gehandhabt werden.

Approvisation.

Die Belieferung des Gettos mit etwas Frischgemüse hält an. Heute kamen 10.250 kg Radieschen, 16.400 kg Salat und 3.110 kg Spinat. Die Qualitäten sind minderwertig. An Kartoffeln erhielt das Getto 14.620 kg. Hingegen ist die Fleischzufuhr etwas gebessert u.zw. kamen heute 4.290 kg.

Unter den Bedarfsgütern figurieren heute 240.000 Stück Kohlpflanzen.

Anbauflächen:

Die obige Notiz über den Einlauf von Kohlpflanzen kann nicht verzeichnet werden, ohne hinzuzufügen, dass das Getto auf seinen Anbauflächen heuer unter einer besonderen Plage leidet. Ganze Rudeln2 von Feldkaninchen verheeren die Pflanzen auf den Anbauflächen auf Marysin und an der Getto-Peripherie. Im Innern des Gettos ist diese Plage nicht zu bemerken. Es gibt in Marysin Gettogärtner, die Pflanzen 2 bis 3 mal gesetzt haben und immer wieder wurden die Setzlinge von den Feldkaninchen weggefressen. Auch die Maulwurfplage macht sich sehr bemerkbar. Der Umstand, dass keine Saatkartoffeln ausgegeben wurden, wird sich also umso böser auswirken, wenn nicht einmal Kohl geerntet werden wird.

Ressortnachrichten.

Lang-Liste gesperrt:

Eine Erweiterung der Liste der „Lang“-Arbeiter ist nicht gestattet. Ebensowenig gibt es Uebertragungen aus Betrieben ohne „L“-Kategorie nach solchen mit Lang-, Schwer- und Nachtarbeit-Kategorie.

Metall III,

die Schnallenfabrik, steht augenblicklich ohne Material bzw. Aufträge. Man befürchtet einen vollkommenen Stillstand dieses Betriebes.

Leder- und Sattler-Abteilung:

Auch in diesem Betriebe findet mangels schwächerer Beschäftigung Reduktion statt. Eine grössere Anzahl von jüngeren weiblichen Arbeitskräften wurden3 dem Tischlerressort, Zimmerstrasse, zugeteilt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 10 Tuberkulose, 1 Flecktyphus.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 3 Herzkrankheiten, 1 Darmverschlingung, 1 Fleckfieber.

1

So in HK, LK**, JFK**.

2

So in HK, LK**, JFK**.

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So in HK, LK**, JFK**.