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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 9. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
327

Das Wetter:

Früh 1 Grad Kälte, mittags 2 Grad Wärme. Trocken.

Sterbefälle:

3,

Geburten:

2 /männlich/.

Festnahmen:

Verschiedenes 1

Bevölkerungsstand:

83,248.

Tagesnachrichten.

Im Zusammenhange mit der Rede des Amtsleiters Biebow vom 7. ds.M. erschien gestern abend ein Rundschreiben bezüglich der Uebertragung von Büroangestellten in die Fabriken zur unmittelbaren Produktion folgenden Wortlautes:

„Mit dem Stichtage per 6.12.43 wird allen Leitern der Werkstätten, Fabriken und Abteilungen strengstens verboten, Angestellte von Büros zur unmittelbaren Produktion zu übertragen. Das gilt sowohl für die Uebertragung von einem Büro zur Produktion in derselben Fabrik als auch vom Büro zur Produktion in eine andere Fabrik.

Weiterhin gilt dieses Verbot auch zur Uebertragung von Büroangestellten der inneren Abteilungen /Verwaltung/ in eine Fabrik.

Sämtliche Arbeitsstellenübertragungen werden nur vom Arbeitsamtmit meiner Genehmigung – vorgenommen. Für die strikte Einhaltung dieser Anordnung werden sowohl die Leiter und – falls vorhanden – auch die Bürochefs verantwortlich gemacht.“1

Man sieht, dass der Präses sofort eingegriffen hat, um ein Chaos zu vermeiden, das sich aus einem Hinüberwechseln von den Büros in die Fabriken ergeben könnte. Es ist klar und präzise ausgesprochen, dass jeder auf seinem Platz verbleiben muss.

Militärkommission im Getto:

Eine militärische Kommission besuchte heute mehrere Betriebe, darunter vor allem die Holzbetriebe.

Approvisation.

Grosse Mengen von Kohlrüben laufen ein. Um die Entladungsarbeiten zu bewältigen, werden ausser den regulären Arbeitskolonnen auch die männlichen Angestellten der verschiedenen Abteilungen eingesetzt. So sind heute alle in den Evidenz-Abteilungen beschäftigten männlichen Personen zur freiwilligen Mitarbeit aufgeboten. Sie traten unter Führung des Leiters der Evidenz-Abteilung, Neftalin, zur Nachtarbeit in Marysin an. Desgleichen die Herren des Gerichtes und anderer Abteilungen.

Grosse Mengen von Panzen /Kuttel, Rindermagen/ sind im Getto eingetroffen, so dass man mit einer Zuteilung dieses sehr beliebten Nahrungsmittels rechnet.

Die Kartoffeleinfuhr ist nach wie vor sehr gering.

Ressortnachrichten.

Behelfshäuser für das Ministerium Speer:

Ursprünglich war, wie wir bereits seinerzeit berichtet haben,2 geplant, im Getto komplette Behelfshäuser für Bombengeschädigte anzufertigen. Dann hiess es wiederum, dass dieser Plan gefallen sei. Nun aber scheint dieses Projekt an Aktualität gewonnen zu haben.

Heute fand in der Tischlerei Zimmerstrasse 12 eine Beratung aller Getto-Tischlereien statt. Die Gettoverwaltung beabsichtigt, auch die Türen und Fenster für diese Behelfshäuser zu liefern. Um diese technischen Probleme zu bewältigen, beschlossen die Tischlereibetriebe, einen Plan für diese Erzeugung auszuarbeiten und durch das Büro Jakubowicz der Gettoverwaltung vorzulegen. Es zeigt sich, dass die Holzbetriebe tatsächlich in der Lage sind, diese Arbeiten aufzunehmen.

Jedes Behelfshäuschen hat drei Türen und zwei Fenster. Die Leiter der Tischlereien einigten sich dahin, dass die Tischlerei Reiterstrasse, 2. Abteilung, die Aussentüren, der Holzbetrieb Putzigergasse die zwei inneren Türen und der Holzbetrieb Winograd die Fenster herstellen könnte.

Wird dieser Plan genehmigt, so hätte das Getto einen ausserordentlich grossen Auftrag zu erwarten, der eine Beschäftigung für viele Monate sicherstellen könnte.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 1 Lungentuberkulose, 1 Herzmuskelschwäche, 1 tuberkulose Gehirnhautentzündung.

1

Der Wortlaut des Rundschreibens wird (ohne Betreffzeile) vollständig wiedergegeben. Im Rundschreiben ist „nur“ nicht gesperrt. Vgl. APŁ, 278/169, Bl. 210: Rumkowski, Rundschreiben an alle Werkstätten, Fabriken und Abteilungen / Betr.: Übertragung von Büroangestellten in die Fabriken zur unmittelbaren Produktion, 8.12.1943.

2

Vgl. die Tageschroniken vom 3. November 1943 (Eintrag „Kleinmöbelfabrik, Putziger 9“) und 22. November 1943 (Rubrik „Ressortnachrichten“).