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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Donnerstag, den 9. März 1944

Tageschronik Nr.: 
69
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Das Wetter:

Tagesmittel 3-5 Grad, Wärme, nass.

Sterbefälle:

10

Geburten:

5 /2 männl., 3 weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

78.809 /78.821 lt. Karten-Abteilg./

Tagesnachrichten.

1710 Arbeiter:

Der Transport hätte in den heutigen Morgenstunden abgehen sollen und stand die Gruppe bereits reisefertig im Hofe des Zentral-Gefängnisses, wurde jedoch wieder zurückgestellt. Die Ursache des Aufschubes war, dass die erforderlichen Transportmittel nicht beigestellt wurden. Es heisst jedoch, dass der Abtransport bestimmt morgen, Freitag, in den frühen Morgenstunden erfolgt. Auch heute wurden weitere Personen aus dem Zentral-Gefängnis entlassen. Im Zentral-Gefängnis befinden sich insgesamt ca 1100 Personen.

Der gestrige Tag war wieder einmal sehr bewegt. In den Vormittagsstunden erschien plötzlich Amtsleiter Biebow mit den Herren Tscharnulla und Seifert in der Tabak-Abteilung, später in der Fleischzentrale, im Ambulatorium an der Hanseatenstrasse 40 und in der Kartenabteilung, Fischgasse 6, in welchem Hause er auch das angeschlossene Referat für Büroarbeiten und das Wohnungsamt / Wohnungszuweisungsstelle/ besuchte. Das ganze Personal musste auf dem Hofe Aufstellung nehmen und Amtsleiter Biebow sichtete das Menschenmaterial.

An Ort und Stelle disponierte er aus allen diesen Abteilungen einen beträchtlichen Teil des Personals zur sofortigen Uebertragung an das Ressort Radegast /Baugelände/. Unter diesen Personen befinden sich auch die Leiter der Abteilungen.

Der Amtsleiter war vorher im Büro des Aeltesten erschienen, traf diesen jedoch nicht an. In den Betrieben herrschte beträchtliche Aufregung, da man nicht wusste, welchen Zweck diese Aktion habe. Der Amtsleiter wollte nicht erst auf die Durchführung durch den Aeltesten warten, sondern griff mit der ihm eigenen Schneidigkeit persönlich durch, um für die Bauplattenerzeugung sofort die erforderlichen Arbeiter sicherzustellen. Jede Abteilung bekam den Auftrag, die Listen der für diesen Arbeitseinsatz vorgesehenen Personen mit den Arbeitslegitimationen noch am gleichen Tage am Baluter-Ring zu deponieren. Der Amtsleiter verfügte sodann im Beisein von A. Jakubowicz die Arbeits-Zuteilung. Auch der Chronist, der sich zufällig auf einem Dienstweg in der Fleischzentrale befand, wurde von dieser Perlustrierung betroffen und als „Chef der Arbeiter-Evidenz“ in die Bau-Abteilung nach Radegast transferiert.

Geburtstag des Präses:

An seinem heutigen Geburtstag /zugleich Purim.1/ erhielt der Präses zahlreiche Glückwunschdepeschen. Ein persönlicher Gratulations-Empfang fand diesmal nicht statt, da einerseits der Tag etwas lebhaft war, andererseits der Präses unwohl das Bett hütete.

Der Präses hatte eine Besprechung mit den Herren Rozenstajn /Druckerei/, Gumener /Post/ und Ing. Dawidowicz / Philatelistische Abteilung/ in Angelegenheit der Ausgabe der ersten Getto-Briefmarke. Eine erste Serie zu fünf und zehn Pfennig ist fertiggestellt, freilich in sehr geringen Mengen. Die Briefmarken zeigen das Porträt des Präses mit den Symbolen des Gettos /der Brücke am Kirchplatz und arbeitende Jugendliche/. Der Präses verfügte, dass die ihm2 zugekommenen Glückwunschtelegramme mit den neuen Marken und Sonderstempeln versehen werden.3

Approvisation.

Unveränderte Versorgungslage, Hunger andauernd.

Kohlenzuteilung:

Ab Montag, den 13.3.44, werden auf Coupon 28 der Nahrungsmittelkarte pro Person 8 kg Kohle für 1,50 herausgegeben.

Mazzotherstellung:

Die Bäckerei an der Bierstrasse beginnt bereits mit der Herstellung von Mazzot. Dieser Betrieb kann im besten Falle täglich bis zu 700 kg ausbacken, wobei für dieses Quantum zirka 1600 kg Mehl von Fachleuten gesiebt werden muss. Der Bedarf für das ganze Getto kann durch diese Bäckerei natürlich nicht gedeckt werden, wenngleich noch nicht genau bekannt ist, wieviel Leute sich zum Bezuge von Mazzot statt Brot melden werden. Die Anmeldungen können in der Zeit vom 11. bis 18.3. erfolgen. Für ein4 Laib Brot erhält man 1 kg bis 1 kg 20 Mazzot, das genaue Tauschverhältnis steht noch nicht fest.

Schwarzhandel:

Brot stieg heute wieder auf 1000 M, Mehl auf 750 und die anderen Lebensmittel in demselben Verhältnis.

Ressortnachrichten.

Der Holzbetrieb III, Putziger 9, erhielt einen grösseren Auftrag auf verschiedene Holzräder.

Die Abteilung Wasser- und Dampf führt jetzt eine allgemeine Aktion zur Reparatur der Brunnen durch.

Behelfshäuser Radegast:

Dieser Betrieb soll nunmehr mit der Produktion beginnen. Im Zusammenhange damit verweisen wir auf die berichteten Aktionen des Amtsleiters Biebow in Bezug auf das erforderliche Arbeitermaterial.

Kleiner Getto-Spiegel.

Gettofilm:

Zwei Schwestern wohnen mit einem Vetter in einer Stube. Vorgestern erhielt der junge Mann die Warnung, dass sich die deutsche Polizei für ihn interessiere und dass er in der Nacht ausgehoben werden dürfte. Er versteckte sich bei Freunden. Wirklich kam zum Schrecken der Schwestern der gefürchtete Besuch. Ein Zivilist ohne Sterne5 in Begleitung eines jüdischen Polizianten erschien und fragte nach L. Auf die Auskunft hin, dass die Schwestern nicht wüssten, wo er sei, hiess er die beiden Schwestern sich mit dem Gesicht zur Wand aufstellen und fragte nach dem Aufbewahrungsort sowohl ihrer als auch der Ration des Vetters. Die Schwestern gaben genaue Auskunft. Als sie sich wieder umkehren durften, war der nächtliche Besuch verschwunden und mit ihm die Lebensmittel. – Nunmehr wird wohl die wirkliche Polizei sich mit dem „Polizianten und dem Deutschen“ zu beschäftigen haben.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:6

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 8 Lungentuberkulose, 1 Herzschlag, 1 Bauchfellentzündung.

1

Purim ist das Freudenfest zur Erinnerung an die Rettung der persischen Juden vor der Verfolgung Hamanns.

2

HK, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „zulässlich“.

3

Bei Baranowski 2003a, S. 147, sind verschiedene Getto-Briefmarken abgebildet, ebenso bei Schulze/Petriuk 1995, S. 165, S. 167 sowie S. 178-183.

4

So in HK, JK*, JFK*. In LK* fehlt der Eintrag.

5

„ohne Sterne“ meint im betreffenden Zusammenhang ‚ohne Davidstern‘.

6

HK, JK*, JFK*: Keine Angabe. In LK* fehlt der Eintrag.