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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 10. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
70

Das Wetter:

3 Grad Wärme, neblig.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

3 /weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes 2

Bevölkerungsstand:

77,965 /lt. Angabe der Karten-Abteilung/1

Ausweisung:

850 /Männer und Frauen zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos/.

Brand:

Am 9.3.44. wurde die Feuerwehr um 14,28 Uhr nach der Steinmetzgasse 9 alarmiert, wo in einer Wohnung im IV. Stockwerk eine Wand in Brand geriet. Das Feuer, welches mit Hilfe einer Kübelspritze gelöscht wurde, entstand vermutlich durch ausgegossene Schwefelsäure.2

Selbstmordversuch:

Am 10.3.44. versuchte der Gips Adolf, geb. 1908 in Łodz, wohnhaft Basargasse 7, durch Einnehmen von Luminal Selbstmord zu verüben. Der Genannte wurde in bewusstlosem Zustande durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus eingeliefert.

Tagesnachrichten.

1710 Arbeiter:

Heute in den frühen Morgenstunden ging die zweite Partie von 850 Arbeitern /Männer und Frauen/ zur Arbeit ausserhalb des Gettos ab. Wohin dieser Transport gerichtet ist, ist zur Stunde noch unbekannt. Die noch im Zentral-Gefängnisse verbliebenen 100 Mann sollen angeblich Montag auf landwirtschaftliche Arbeit gehen.

Amtsleiter Biebow setzte die gestern begonnene Aktion heute fort. Er begab sich noch einmal in die Karten-Abteilung und in das Referat für Büroarbeiten in der Fischgasse 8, ferner in die Approvisation, besuchte die Küche in der Matrosenstrasse 5 und das Leder- und Sattler-Ressort.

Im Zuge der Arbeiterbeschaffung für Radegast inspizierte Amtsleiter Biebow auch das Personal der FUKA /Fach- und Kontroll-Abteilung/, von der er 35 Personen zur Arbeit3 bestimmte. Von 52 Personen, die dort beschäftigt waren, verblieben also 17 Personen. Mieczysław Rosenblat bekam den Auftrag, mit diesem restlichen Personal vorläufig die inneren Arbeiten der FUKA zu leisten, sich aber mit den Ressort-Angelegenheiten nicht zu befassen. Die Ingenieure wurden zur Disposition für die Ressorts gestellt.

Vom Präsidium bestimmte der Amtsleiter den Vorsitzenden Josef Rumkowski als zu seiner persönlichen Disposition stehend. Rumkowski wird innerhalb von 14 Tagen eine Revision sämtlicher Küchen durchführen und hiebei das Küchenpersonal reduzieren. Ueber diese Tätigkeit hat Rumkowski dem Amtsleiter täglich Bericht zu erstatten.

Luzer Najman wurde ebenfalls für Radegast bestimmt, doch wurde ihm bisher keine besondere Funktion zugeteilt.

Amtsleiter Biebow teilte dem Aeltesten seine Entschlüsse mit und machte darauf aufmerksam, dass die von ihm ausgewählten Personen in die Evidenz des Arbeitsamtes übergehen.

Auf diese Weise ist FUKA, welche alle Ressorts zu betreuen hatte, seiner bisherigen Funktion verloren gegangen. Innerhalb der nächsten Zeit wird Direktor Rosenblat das restliche Personal auf ein Minimum reduzieren und mit diesem nur innere Arbeiten zu leisten haben.

Ueber die anderen Abteilungen, die Amtsleiter Biebow im Anschluss an die FUKA besichtigte, werden wir separat berichten.

Das Prinzip der Sichtung ist, das Personal der einzelnen Abteilungen derart zu reduzieren, dass sie sich in einem gemeinsamen administrativen Apparat zusammenlegen lassen. Dadurch werden mehrere Abteilungen ihre bisherige Autonomie verlieren. –

Amtsleiter Biebow übergab der Bau-Abteilung /Herrn Ing. Gutmann/ persönlich die Liste der von ihm für Radegast aufgenommenen Personen.

Approvisation.

Ab Sonnabend, den 11.3.44, 17 Uhr 55, ist die Abnahme der Lebensmittelzuteilung für die Zeit vom 13.3. bis 26.3.44 einschliesslich freigegeben. Die Ration enthält: /auf Coupon 17 der Nahrungsmittelkarte/

  • 600 g Roggenmehl,
  • 450 g Zucker weiss,
  • 200 g Grütze /Roggen/,
  • 100 g Oel,
  • 250 g Brotaufstrich,
  • 150 g Suppenpulver,
  • 400 g Salz,
  • 500 g Kaffeemischung
  • 120 g Kohlrübenmehl
  • 100 g Immergrün /Gemüse/
  • 50 g Gewürzsalz
  • 15 g Natron
  • 10 g Zitronsäure4
  • 1/2 Stk. Seife  f.d. Betrag von Mk. 8.-.

Ferner werden ab gleichem Tage auf Coupon 40 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 g Margarine
  • und 150 g Gemüsesalat pro Kopf, für den Betrag von Mk. 1,30

ausgefolgt.

Ab Montag, den 13. März 1944, werden an alle in den für sie zuständigen Kolonialwaren-Verteilungsstellen auf Coupon 46 der Gemüsekarte

  • 1/2 kg Mohrrüben pro Kopf für den Betrag v. Mk. 0,50

herausgegeben.

Mit Rücksicht darauf, dass in den letzten Anlieferungen keine Besserung zu verzeichnen war, ist also auch auf dieser Ration alles in allem nichts. Das Bisschen Kolonialwaren ohne Gemüse und Kartoffeln – die Winterbevorratung an Kohlrüben ist mit 12. März,5 Sonntag, zu Ende und kaum einer der Gettomenschen wird noch ein Stückchen Kohlrübe in seinem Besitz haben, die Kartoffeln, die bis 2. April reichen sollten, sind in den meisten Familien schon lange aufgezehrt – soll also 14 Tage lang die Kochtöpfe füllen.

Kein Wunder, wenn die ja schon sehr erfinderische Gettokochkunst trotz aller Anstrengungen doch nur eine Wassersuppe auf den Abendtisch stellen kann. Mit durchschnittlich 700 g Kolonialwaren /praktisch ausgedrückt also: 1 Löffel Mehl, 1 Löffel Grütze, 1 Löffel Suppenpulver und 1 Löffel Kohlrübenmehl/ lässt sich keine dicke Suppe, geschweige denn gar eine feste Speise herstellen. Es reicht nicht einmal auf Latkies.6 Die Zugabe von 200 g Kaffeemischung wird die „Lofix-Zubereitung“ etwas erleichtern, denn selbst dieses schwarze bittere „Törtchen“ konnte infolge der mangelnden Kaffeersatzmischung nicht mehr erzeugt werden. Das halbe Kilogramm Mohrrüben kann den Hunger für vierzehn Tage kaum stillen. Die Hoffnung auf Kartoffeln wurde wieder zunichte. In den Mieten befinden sich zur Zeit 1,300,000 kg Kartoffeln, von denen 800,000 kg für die Küchen bis zum Ablauf des Termines /2.4.44/ ausreichen, so dass die restlichen ca 500,000 kg für die Bevölkerung freigemacht werden könnten. Diesbezüglich sind Beratungen in der Approvisionierung im Zuge. Die Kartoffeln in den Mieten befinden sich ausnahmsweise in sehr gutem Zustande.

Kohlen-Zuteilung abgeändert:

Anstatt der am 8.3.44. bekanntgegebenen Zuteilung von 8 kg Kohle werden ausgegeben:

Ab Sonnabend, den 11.3.44 an alle auf Coupon Nr. 28 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit bis zum 31. Mai 1944 einschliesslich

  • 20 kg Kohle pro Kopf

für den Betrag von Mk. 5.-.

Weitere Zuteilungen werden bis zum vorgenannten Termine nicht erfolgen. Die Abnahme dieser Ration muss in der Zeit vom 11. bis 17.3. einschl. erfolgen, da der Kohlenplatz für die Errichtung von Gebäuden zur Aufnahme eines Metall-Ressorts freigemacht werden muss. Diese Gebäude /Baracken/ sollen innerhalb von 4 Monaten fertiggestellt werden.

Dadurch, dass sich die Abnahme der Kohle auf einen so kleinen Zeitraum /7 Tage für die ganze Bevölkerung/ zusammendrängt, wurden laut dem Verteilungsplan 6 Läden für einen Einzahlungstag zusammengezogen, was zur Folge hat, dass das unvermeidliche Reihestehen sich auch hier wieder auswirkt. Immerhin ist der Kohlenplatz und die Kasse so gut organisiert, dass es einigermassen klappt. Es ist gestattet, das Quantum von 20 kg auf zwei Teile /je 10 kg/ zu beziehen, da die schwachen Kräfte der Gettomenschen für grosse Lasten nicht mehr ausreichen. Manche ziehen jedoch das zweimalige Reihestehen ins Kalkül und versuchen lieber, auf einmal ihre Zuteilung nachhausezubringen.

Man hört, man spricht ...

… dass das Projekt, den Teil des Gettos jenseits der Brücke / Holzstrasse, Hamburger-Gnesener-Alexanderhofstrasse/ vom Getto abzutrennen und die in diesem wohnende Bevölkerung nach dem verbliebenen Gettoteil überzusiedeln, vorläufig fallen gelassen wurde. Für die Durchführung dieser Aktion waren ursprünglich 6 Monate bestimmt.

...dass die 100 Arbeiter, welche in Czarnieckiego als Reserve zurückbehalten wurden, Montag, den 13.3., abgehen sollen.

... dass die Küchen in der nächsten Zeit zweimal wöchentlich anstatt Kohlrübensuppe eine Kolonialsuppe, bestehend aus 8 dkg Kolonialware, herstellen werden und die übrigen Tage etwas Kohlrüben mit 15 dkg Kartoffeln das Suppenmenue bilden sollen.

1

Der Bevölkerungsstand wird ab 10. März 1944 nur noch nach Angaben der „Kartenabteilung“ verzeichnet.

2

Die farblose Schwefelsäure selbst ist zwar nicht brennbar, kann aber leicht zünd- und explosionsfähige Gemische bilden.

3

HK, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „innerhalb des Gett“.

4

So in HK, JK*, JFK*.

5

HK, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „also morgen“.

6

Gemeint sind Kartoffelreibekuchen. Vgl. hierzu die Anmerkung zum Eintrag ‚Die Polizei für Preiskontrolle‘ in den ‚Gerüchten‘ vom 23. Juli 1941.