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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 10. September 1943

Tageschronik Nr.: 
237
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Das Wetter:

Tagesmittel 16-30 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

14

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

83.842

Tagesnachrichten.

Der Praeses besuchte heute die Tischlerei-Abteilung, Zimmerstr. 12. Er traf um die Mittagszeit ein, liess sich die ganze Belegschaft zusammenrufen und hielt – nach langer Zeit zum 1. Mal – wieder einmal eine oeffentliche Ansprache. Er forderte die Arbeiterschaft auf, unbedingt Ruhe zu bewahren und sich nicht provozieren zu lassen, u.z. sowohl bei der Arbeit, als auch ausserhalb des Ressorts. Er betonte, dass ruhige Arbeit augenblicklich das wichtigste Gebot der Stunde ist. Was die Approvisation betrifft, so meinte er, dass er alle Hoffnung habe auf eine wesentliche Besserung der Lage. Er sei immer bestrebt die Verpflegung so guenstig als moeglich zu gestalten und gebe immer gerne alles her, was er nur habe. Wenn irgend einmal Klage laut wird ueber die Qualitaet der Ressortsuppen, so moege man verstehen, dass nicht der Leiter des Ressorts die Verantwortung dafuer traegt. Es besteht die Moeglichkeit, dass tatsaechlich in den Kuechen Unregelmaessigkeiten vorkommen koennen. Um zu verhindern, dass das Kuechenpersonal zum Schaden der hungernden Arbeiterschaft handle, empfahl er die Wahl einer Aufsichtskommission in den Ressortkuechen. Auf einen Einwand, dass dies doch Sache der Sonder-Abteilung sei, erwiderte er, dass dies nur insoferne zutreffe, als die Sonder-Abteilung zu verhindern habe, dass keine Unregelmaessigkeiten bei der Austeilung vorkommen und dass keine illegalen Suppen herausgetragen werden. Die zu waehlende Kommission haette sich mit der Ueberwachung der Qualitaet zu befassen. /Dieser Passus der Rede spielt an auf die bereits erwaehnte Affaire des Leiters Izbicki bei den Schuhmachern/. Er versprach weiters den Arbeitern alle ausreichende Versorgung mit Schuhwerk fuer den Winter u.z. sowohl mit Leder- als auch Holzschuhen. Der Praeses war in sehr guter Form und seine Rede hob die Stimmung der Arbeiter, die lebhaft applaudierten.

Approvisation.

Keine wesentliche Veraenderung. Das Getto ist mit der Einholung der Ration beschaeftigt. Kartoffel werden ausgefolgt, doch merkt man schon eine Verknappung. Es rollen noch immer Kohlrabi ein und heute erstmalig auch einige Wagen Rotkraut.

Ressortnachrichten.

Kesseltransport:

Der eine grosse aus dem Betrieb Putziger 9 herausgezogene Dampfkessel wird gegenwaertig von der Putziger durch die Zimmerstrasse gezogen. Die juedischen Arbeiter ziehen das Ungetuem auf Rollen, mit Hilfe eines Flaschenzuges, taeglich um einige wenige Meter vorwaerts. Sie sind ausserordentlich brav1, aber mit der Botanik nicht sehr vertraut. Sie haben naemlich an einer Stelle in der Zimmerstrasse die Ketten an einem Fliederstrauch befestigt, der natuerlich in wenigen Minuten entwurzelt war. Was bei einem 40 oder 50jaehrigen Kastanienbaum moeglich ist, geht natuerlich nicht bei einem schwachen Fliederstrauch.

Der Kessel ist fuer die Holzdampfanlage der Tischlerei Zimmerstr. bestimmt.

Neben der Tischlerei an der Zimmerstrasse wird ein Platz abgegrenzt und mit Lattenzaun umgeben. Dort wird eine neue Pendelsaege angebracht. Dies bedeutet eine betraechtliche Erweiterung des Holzbetriebes Zimmerstrasse.

Fuersorgewesen.

Kraeftigungs-Mittage fuer die Tischler:

Im Anschluss an die Rede im Holzbetrieb, Zimmerstrasse, hat der Praeses diesem Betrieb ein Kontingent von 35 Kolacjes bewilligt.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

14 Bauchtyphus, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

10 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzuendung, 2 Herzkrankheiten, 1 Blutarmut.

1

brav ‚tüchtig, rechtschaffen‘; aus frz. brave, älteres Nhd.; vgl. Schiller „Der brave Mensch denkt an sich selbst zuletzt“.