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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 11. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
42

Das Wetter:

Früh 1 Grad unter 0, mittags 5 Grad Wärme, sonnig.

Sterbefälle:

10

Geburten:

4 /2 männl., 2 weibl. /

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

79.757

Tagesnachrichten.

Im Getto ist eine grössere Kommission eingetroffen u. zw. unter Leitung des Oberbürgermeisters Dr. Bradfisch. Die Kommission besichtigte einige Ressorts, ferner den Punkt der Sonder-Abteilung am Baluter-Ring und hielt sich schließlich etwa 1 Stunde in der Zentrale der Sonder-Abteilung auf, wo die Herren mit M. Kligier eine Besprechung hatten.

1500 Arbeiter:

Die Arbeit der Kommission geht schleppend vonstatten. Auch in der vergangenen Nacht wurden versteckte Personen herausgeholt. Insgesamt befinden sich jedoch kaum mehr als 350 Männer im Zentral-Gefängnis, sodass also von einer Sicherstellung eines ersten Transports von 750 Mann keine Rede sein kann. Die Situation verschärft sich dadurch von Stunde zu Stunde und man befürchtet, dass der Präses zu ausserordentlichen Massnahmen greifen wird, um das vorgeschriebene Kontingent zeitgerecht zu erreichen.

Der Präses hatte eine längere Sitzung mit der Kommission an der Hamburgerstrasse 40, wo in aller Stille die Taktik für die nächsten Stunden festgelegt wurde. Zunächst ist Blockierung der Lebensmittelkarten vorgesehen. Dies ist auch schon in vielen Fällen durchgeführt worden, sodass die Betroffenen die nächste Ration nicht mehr beziehen werden können. Es ist abzuwarten, ob diese harte Massnahme den so notwendigen Erfolg haben wird. Man sieht, dass der Präses wie auch die Kommission alle Anstrengungen machen, um das dem Getto auferlegte schwere Los nach Möglichkeit zu erleichtern und grössere Aktionen der Behörde zur Durchsetzung des Auftrages zu vermeiden. Es liegt auf der Hand, dass die Behörde eingreifen würde, wenn die jüdische Leitung die Lage nicht beherrschen sollte. Nach wie vor wird der Bevölkerung vor Augen geführt, dass es sich diesmal nicht um eine Aussiedlung nach dem Muster früherer Schreckenstage handelt, sondern dass es um einen im Reiche üblichen Einsatz von verfügbaren Arbeitskräften geht. Schon der Umstand, dass entsprechende Equipierungsvorschriften1 vorliegen, deutet daraufhin, dass es um einen regelrechten Arbeitseinsatz geht. Aber dem verschreckten Gettobewohner kann man auch mit Mitteln der Propaganda die Erinnerung an schlimme Erfahrungen nicht auslöschen.

Der Stand im Zentralgefängnis hat sich nicht wesentlich erhöht. Etwa 400 Personen sind bis jetzt dort konzentriert. Zur Kommission melden sich nach wie vor nur wenige Leute. Die nächsten Stunden dürften daher sehr dramatisch werden.

Approvisation.

Das Getto erhielt heute 10,800 kg Kartoffeln und ca 24,000 kg Rettich, ferner etwa 10,000 kg Kohlrüben. Nach fast einjähriger Pause kamen auch wieder Fruchtsuppen an, ca 10,000 kg ins Getto, die diesmal in Fässern angeliefert wurden und nicht wie die seinerzeit ausgegebenen Fruchtsuppen in Papierbeutelchen verpackt sind. – Diese Fruchtsuppen-Beutelchen waren sehr beliebt zur Erzeugung von Kaltschalen oder Puddings.

Sehr befriedigend ist der Einlauf von Steinkohlen und Briketts.

Man hört, man spricht ...

... dass die Ration diesmal verspätet ausgeschrieben werden soll, um die Blockierung der Lebensmittelkarten versteckter Personen wirksamer zu gestalten. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass der Präses zu diesem Mittel greifen wird, da dadurch vor allem die Arbeiterschaft in den Betrieben schwer getroffen werden würde,

... dass demnächst eine Verordnung betreffend die Ablieferung von Gold- und Silbergegenständen erlassen werden soll.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 4 Flecktyphus, 8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 5 Lungentuberkulose, 2 tuberkulöse Gehirnhautentzündungen, 1 eitrige Rippenfellentzündung, 2 Herzkrankheiten.

1

Equipierungsvorschriften, zu Equipierung ‚Ausrüstung, Ausstattung‘; zu equipieren ‚ausrüsten‘, aus frz. équiper; älteres Nhd.