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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 12. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
132
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Das Wetter:

Tagesmittel 14-24 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

19,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

77.101

Brand:

Am 11.5.44 wurde die Feuerwehr um 19,50 Uhr nach dem Hause Alexanderhofstr. 37, wo in einem Zimmer im Erdgeschoss zwischen den Fussbodenleisten Rauchschwaden hervorstiegen, alarmiert. Die Ursache lag an dem schadhaften Kaminschacht, welcher in Ordnung gebracht wurde.

Tagesnachrichten.

Heute erschien die folgende Aufforderung:

Betr.: Benutzung von Fahrrädern – Registrierung.

Alle Inhaber von Fahrrädern einschl. Betriebe und Abteilungen werden hierdurch aufgefordert, die in ihrem Besitz befindlichen

Fahrräder innerhalb 3 Tagen

in der für sie zuständigen Ordnungsdienstabteilung zu registrieren.

Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nur diejenigen Personen sowie Betriebe und Abteilungen das Recht zur Benützung eines Fahrrades haben, die dasselbe für dienstliche Zwecke benötigen.

Alte Bescheinigungen bzgl. Benutzung eines Fahrrades verlieren mit dieser Aufforderung ihre Gültigkeit.

Litzmannstadt-Getto, den 12.5.1944.

/-/ M. Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.1

Es ist dies bereits die zweite Aufforderung zur Registrierung der Fahrräder.2 Es ist ein Rätsel, wieso diese Räder im fünften Gettojahr noch immer gebrauchsfähig sind, da es doch keine Einkaufsquellen für Ersatzteile und Pneumatiks3 gibt.

Einbruch:

In der Kooperative Nr. 28, Franzstrasse, haben Einbrecher in der Nacht 25 Brote entwendet. Die Polizei ist den Tätern auf der Spur.

Approvisation.

Am heutigen Tage kamen an frischem Gemüse 2.630 kg Spinat, 2.360 kg Petersilie, ausserdem kamen ca 11.000 kg konserv. Rote Beete und weitere 10.000 kg Erbsen. Scheinbar, dass also tatsächlich die 140.000 kg Erbsen kommen werden. Die Fleischeinfuhr ist heute etwas besser mit 3.570 kg.

Fleischzuteilung:

Ab Freitag, den 12.5.44, werden auf Coupon Nr. 26 der Nahrungsmittelkarte an alle

  • 200 Gramm Fleisch pro Kopf herausgegeben.

Kleiner Getto-Spiegel.

Abschied im Spital:

Da liegen sie, Bett neben Bett, in einem langen lichten Raum, betreut von braven Pflegerinnen und gediegenen Aerzten. Der Aufenthalt im Spital entrückt den Gettokranken der Notwendigkeit, die Leiden seiner Schicksalsgenossen im Getto zu sehen. Im Spital liegen bedeutet: ausserhalb des Gettos zu sein. Daher klammert sich jeder Kranke an den Blick des Arztes, der über die Dauer des Aufenthaltes entscheidet.

Aber schliesslich heisst es: gehen. Man wird „ausgeschrieben“, verlässt das Bett und überlässt es dem – Nächsten. Es heisst: Abschiednehmen.

Der Kandidat, dem es beschieden ist, geheilt das Spital zu verlassen, packt seine Handtasche oder seinen Leinensack, indem er ihn mit seinen Utensilien wie Hausschuhe, Kaffeeschale, Suppen- und Kaffeelöffel füllt, blickt sich noch flüchtig im Krankensaal um, geht zur Tür, besinnt sich und ruft den in den Betten liegenden Kranken zu: „Refuo scholemo!“ /Völlige Heilung!/.4

„A schenem Dank“, geben die Zurückbleibenden zur Antwort, wobei jedesmal einer unter ihnen, gewöhnlich ein alter Mann, seinen Blick rund um den ganzen Saal gleiten lässt und mit starker Stimme sagt: „Alle Jiden sollen oisgelöst werden“ /erlöst werden/.

„Mehero bejomenu“ /bald in unseren Tagen/5 schliesst der Weggehende ab und die Kranken verkriechen sich wieder in ihren Betten.

Völlige Heilung und Erlösung – das sind die Wünsche der Spitalskranken und der Getto-Gesunden. Ein biblischer Atavismus6 auf dem Grunde aller religiösen Herzen.

Man hört, man spricht ...

... dass wieder 1/2 Dose Konservenfleisch ausgegeben werden soll. Das ganze Getto will wissen, dass es sich diesmal um Schweinefleischdosen handelt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 27 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

14 Lungentuberkulose, 1 Lungenkrankheit, 3 Herzkrankheiten, 1 Stimmritzenkrampf.

1

Mit Ausnahme der Abkürzung „einschl.“ (in der Bekanntmachung „einschließlich“) wird der Wortlaut der Aufforderung vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 60: Aufforderung / Betr.: Benutzung von Fahrrädern – Registrierung, 12.5.1944.

2

Die Registrierung privater Fahrräder war erstmals per Bekanntmachung vom 1. Juni 1943 angeordnet worden. Vgl. den Eintrag „Ablieferung von Fahrrädern“ in der Tageschronik vom 4. Juni 1943.

3

Pneumatiks ‚Luftreifen, Pneu‘; aus engl. pneumatic tire, lat. pneumaticus ‚zum Winde gehörig‘; österr.

4

Refuo scholemo bzw. refuo schlema (hebr. ‚Vollkommene Heilung‘, modern ‚Gute Besserung‘) ist allgemein die Formel für einen Heilungswunsch. Der Ausdruck stammt aus der achten Bracha (hebr. ‚Segensspruch‘), dem Segensspruch für Kranke, des Achtzehnbittengebets (hebr. schmone essre). Vgl. Petuchowsky 1976, S. 107; Weinberg 1994, S. 218.

5

Die Formel mehero bejomenu bzw. bimheiro bejomeinu (hebr. ‚bald in unseren Tagen‘) findet sich in verschiedenen jüdischen Liedern und Gebeten. Sie drückt den Wunsch nach baldiger Erfüllung der jeweiligen Bitte aus (oft Wiederaufbau des Tempels, Heimführung ins Heilige Land), wird aber nicht auf ein Thema beschränkt. Vgl. Petuchowsky 1976, S. 105-111; Weinberg 1994, S. 42, 62 und 71.

6

Atavismus ‚entwicklungsgeschichtlich als überholt geltendes, unvermittelt wieder auftretendes körperliches oder geistig-seelisches Merkmal‘; zu lat. atavus ‚Urahne‘.