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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 12. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
300

Das Wetter:

Tagesmittel 5-10 Grad, bewoelkt.

Sterbefaelle:

2

Geburten:

1 /weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Einweisungen:

4 /aus Dobra bei Sieradz

Bevoelkerungsstand:

83.437

Tagesnachrichten.

Der Praeses ist mit der Durchsicht der B-Listen beschaeftigt, dazwischen findet er noch immer Zeit, die Ressorts und seine Kraeftigungskuechen zu besichtigen. Noch immer hat er keine Entscheidung in Angelegenheit der B-Zuteilungen getroffen1. Geruechte gehen um, dass er mehreren Leitern groessere Zuteilungen zugewiesen hat.

Approvisation.

Keine Besserung der Hungerlage. Nach wie vor nur sehr spaerliche Zufuhr.

Kartoffelzuteilung:

Heute wurde die Kartoffelzuteilung fuer die Zeit vom 15.11. bis 21.11. einschl. bekanntgegeben. Es wird auf Coupon Nr. 36 der Gemuesekarte

  • 2 kg Kartoffeln fuer den Betrag von Mk 1.- herausgegeben.

Die Einzahlung kann schon ab morgen, den 13.11., vorgenommen werden.

Gleichzeitig wird eine Ration von

250 g Porree zum Preise von Mk 0.50 auf Coupon Nr. 35 der Gemuesekarte bekannt gegeben. Auch diese Ration kann ab morgen, den 13., in den Verteilungsstellen der Kolonialwaren behoben werden.

Heizmaterial:

Da die laufende Brikettsration von 3 kg pro Kopf nicht gedeckt ist und nur ein geringer Teil der Bevoelkerung diese Ration erhalten hat, verfuegte der Praeses mit Kundmachung vom heutigen Tage die Ausgabe von

3 kg Holz zum Preise von Mk 1.- auf Coupon Nr. 42 der Gemuesekarte. Der Plan sieht die Ausgabe vor vom 15.11. bis 4.12.1943.

Die Salatka:

Die Bevoelkerung ist erbittert über die neue Qualität der Salatka. Wie wir bereits berichtet haben, werden die Kartoffelschalen von den Küchen jetzt der Salatproduktion zugeführt. Die Qualität ist dementsprechend minderwertig: Nur der Hunger veranlasst die Menschen, diesen Mist tatsächlich abzunehmen, aber selbst Hungrige weisen dieses Nahrungsmittel zurück. Geradezu ungehörig ist es aber, für dieses zweifelhafte Produkt aus Kartoffelschalen denselben Preis zu fordern wie für das bisherige vollwertige Produkt.

Das Getto behauptet, dass der Vorschlag, die Kartoffelschalen zu diesem2 Salatka zu verarbeiten, auf eine Idee des Herrn Litwin zurückzuführen ist. Das Getto ist aber überzeugt, dass Herr Litwin von seiner eigenen Idee keinen Gebrauch macht. Solange die Kartoffelschalen auf dem Wege örtlicher Protektion in die Töpfe glücklicher Eroberer gelangten, wurde noch eine einigermassen geniessbare Speise hergestellt, weil die Leute schon eine gewisse Praxis in der Verarbeitung dieses Abfallproduktes hatten. Aber als Salatka ist das Zeug denn doch nicht recht zu verdauen.

Ressortnachrichten.

Schneiderei Kreuzstrasse:

Dieser Betrieb hat einen Auftrag auf Reparatur von Kriegsgefangenenkleidung erhalten. Das fertige Material geht sodann in ein Kriegsgefangenenlager in Nordfrankreich.

Metallabteilung:

Metall II hat einen Auftrag auf Pfropfenzieher erhalten. Metall I erzeugt jetzt eine grössere Anzahl von Oefen und Ofenröhren für den Gettobedarf: Gesuche von Privatpersonen werden vom FUKR entgegengenommen bezw. bewilligt. Es ist zum erstenmale, dass Privatpersonen in grösserer Anzahl Ofenröhren bezw. kleine Küchenherde erhalten.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten sind:

7 Bauchtyphus, 1 Tuberkulose.

Die Ursache der heutigen Sterbefälle:

1 Lungentuberkulose, 1 eitriger Hautausschlag nach Typhus.

1

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**: Ursprünglich „gestellt“; von Hand ersetzt.

2

So in HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**. Bei der polnischen Entlehnung Salatka schwankt das Genus.