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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 13. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
209

Das Wetter:

Tagesmittel 15-25 Grad, bewoelkt, kuehl.

Sterbefaelle:

11

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 7

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

84.146

Tagesnachrichten.

An der schlechten Stimmung im Getto hat sich nichts geaendert. Die Gedanken der Gettomenschen kreisen unentwegt um das Projekt der Laufgraeben. Der Hunger tut sein uebriges.

Approvisation.

Die Kartoffelzufuhr ist noch geringer als am gestrigen Tage. Es kamen insgesamt 4.400 kg Kartoffeln. Allerdings rechnet man stuendlich mit dem Einlauf groesserer Kartoffelmengen.

Die neue Ration,

von der man sich sehr wenig verspricht, ist bis jetzt noch nicht heraus. Es ist noch fraglich, ob sie auch Kartoffeln enthalten wird. Fuer den Fall, dass doch Kartoffeln mit dieser Ration herauskommen sollten, kann nicht mit einer sofortigen Ausgabe gerechnet werden, da ja noch die letzte 3 kg Ration nicht verteilt ist.

Waren-Eingang

vom 12. August 1943:

1./ Lebensmittel: 2.000 l Milch, 200 kg Hefe, 4.400 kg Kartoffeln, 13.195 kg Rettich, 6.179 kg Sauerkraut, 10.340 kg Kohlrabi, 85 kg Mairueben, 100 kg Petersilie, 22.500 kg Roggenmehl, 2.357 kg Rapsoel, 8.000 kg Speisesalz, 4.890 kg Kraeutertee, 1.480 kg Thymian, 310 kg Koriander, 1.710 kg Pferdefleisch, 1.614 kg Rindfleisch, 324 kg Schweinefleisch, 44 kg Kalbfleisch, 9 kg Hammelfleisch, 20.000 kg Kaffee-Ersatz, 6.233 kg Dinkelschalenmehl.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 6.900 kg Koksgrus, 10.060 kg „Lofix“, 972 kg Papierbindfaden, 90.880 kg Schnittholz, 31 St Kugellager.

Ressortnachrichten.

Strohschuh-Ressort:

Das Strohschuh-Ressort hat Hochbetrieb. Der Auftrag auf Lieferung von 100.000 Paar Pantoffeln wurde ploetzlich auf 600.000 Paar erhoeht, sodass sofort zusaetzliche Arbeitskraefte hindirigiert werden muessen. Man schaetzt den Bedarf an Arbeitern auf insgesamt etwa 5.000. Dieses Problem soll so geloest werden, dass die aus den Teppich-Ressorts freigewordenen Kraefte zum Stroh geschickt werden und ausserdem werden die Hausschuh-Ressorts sofort die Produktion von Pantoffeln aufnehmen.

Allgemeiner Beschaeftigungsstand:

Saemtliche Betriebe des Gettos haben einen erhoehten Auftragseinlauf zu verzeichnen. Es herrscht in allen Betrieben Mangel an Arbeitskraeften, so z.B. werden sogar Buerokraefte der Waesche- und Kleider-Abteilung voruebergehend der Produktion zugewiesen. Auch die Schneidereibetriebe haben grosse Wehrmachtsauftraege erhalten.

An saemtliche Betriebe ging ein Rundschreiben der statistischen Abteilung heraus, gemaess welchem genaue Angaben zu machen sind ueber die Anzahl der Arbeitskraefte, die a/ fuer die Wehrmacht, b/ fuer Fliegergeschaedigte, c/ fuer Civil arbeiten.

Steppdecken-Abt.1 zurueckgekehrt:

Vor Monaten wurde bekanntlich die Daunendeckenabteilung nach Dombrowka transferiert.2 Diese Abteilung ist gestern zurueckgekehrt und wird im Kulturhaus etabliert. Maschinen, Material und Belegschaft sind bereits im Getto eingetroffen. Ueber Auftrag des Amtsleiters Biebow uebernahm die Leitung dieses Betriebes der Arzt Dr. Glaser / Sonder-Abteilung/. Die dem Kulturhaus benachbarten Wohnobjekte werden fuer den Betrieb in Anspruch genommen. Die Bewohner dieser Haeuser muessen die Wohnungen binnen wenigen Stunden raeumen. Bei der Wohnungsmisere ein harter Schlag fuer die Betroffenen.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

11 Bauchtyphus.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

7 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzuendung, 2 Herzkrankheiten, 1 Bauchfellentzuendung.

1

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „Federn und Daunen“; von Hand ersetzt.

2

Die „Steppdeckenabteilung“ war im März 1943 nach Dombrowka (Dąbrówka) verlegt worden. Vgl. etwa die Tageschroniken vom 5. März 1943 (Eintrag „Ressortnachrichten“) und 8. März 1943 (Eintrag „Steppdeckenressort“).