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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 14. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
195

Das Wetter:

Tagesmittel 20-34 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

10,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

72,321

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Heute morgens ist der X. Transport mit wieder 700 Menschen ausgereist. Als Arzt ging Dr. Grödel /Köln/ mit.

Auch in der vergangenen Nacht wurden die Razzien zur Stelligmachung säumiger Personen fortgesetzt, denn die im Zentralgefängnis verbliebene Reserve ist sehr gering.

Das Getto hat mit dem heutigen Transport insgesamt 7,196 Menschen abgegeben. Die Schwierigkeiten werden jetzt von Tag zu Tag grösser. Die Ressorts halten ihre guten Leute mit den Zähnen fest und die Abteilungen wollen das junge Menschenmaterial nicht hergeben, weil sie mit älteren Leuten nicht arbeiten können. Vergeblich trommelt der Präses den Leitern ein, dass man in dieser Lage sogar qualifizierte Arbeiter und selbst Instruktoren hergeben müsse. Dazu kommt, dass der Protektionsapparat mit allen Registern spielt.

Das Getto geht schwersten Stunden entgegen, denn nun greift die Aussiedlung sozusagen an das Herz, an das beste und wertvollste Menschenmaterial.

Man kann es nicht genug oft wiederholen, dass bei dieser Methode, die darin besteht, dass einer den andern herausschickt, selbstverständlich nur die Menschen geopfert werden, die sich’s eben nicht richten können, also nicht zur sogenannten Gesellschaft gehören, unabhängig davon, dass natürlich auch unter ihnen sehr viele wertvolle Individuen sind. Aber es ist nun einmal auch im Getto so wie sonst im Leben, der Stärkere frisst den Schwächeren. Jemand muss gehen. 700 Menschen pro Transport. Die Leute, die am Ruder sind, werden ihr eigen Fleisch und Blut nicht herausschicken, so ist auch hier das Schicksal eine Marktfrage. Das ist die nackte Tatsache.

Die Frage, ob der Ausreisende oder der Verbleibende das bessere Los zieht, steht hier nicht zur Diskussion. Nur am Rande sei bemerkt, dass die allgemeine Ansicht die ist, dass die Ausreisenden keinem schlimmen Schicksal entgegen gehen und man erwartet mit Bestimmtheit, dass sie tatsächlich zur Arbeit eingesetzt werden und dass man sie menschlich behandeln wird. Deswegen verlangt auch der Präses, dass man nur wirklich gesunde und arbeitsfähige Menschen aussenden soll.

Approvisation.

Der heutige Tag brachte: 47,485 kg Weisskohl, 6,660 kg Kohlrabi, 4755 kg Rettich, 26,750 kg Möhren, 985 kg Rote Beete und 600 kg Zwiebeln.

Also eine wesentliche Besserung in der Belieferung mit Frischgemüse, insbesondere mit Weisskohl, begrüsst die Bevölkerung, zumal im Vorjahr nicht ein Krautkopf zur Verteilung kam. Sehr gebessert ist die Fleischeinfuhr mit 4,700 kg am heutigen Tag.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 7 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 1 Herzmuskelschwäche, 1 Selbstmord.