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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 17. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
335

Das Wetter:

Tagesmittel 1-2 Grad, trocken.

Sterbefälle:

5

Geburten:

3 /weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Bevoelkerungsstand:

83.202

Tagesnachrichten.

Ueber den Baluter-Ring erfährt man, dass die Untersuchungskommission noch immer mit der laufenden Approvisations-Angelegenheit beschäftigt ist. Man erwartet am Baluter-Ring das Eintreffen dieser Kommission aus der Stadt. Auch im Meldebüro ist noch immer Bereitschaft.

Im Getto herrscht vollkommene Ruhe.

Der Präses versichert nach wie vor, dass dem Getto aus dieser Angelegenheit keinerlei Gefahren drohen.

Approvisation.

Das Getto wartet mit Ungeduld auf die neue Ration. Während bisher, seit die 14-Tage-Rationen eingeführt sind, immer schon am Freitag die Kundmachung publiziert wurde, scheint sich jetzt der Brauch herauszubilden, die Ration erst am Samstag zu publizieren. Dennoch bleibt die Bevölkerung hartnäckig bei ihrer Hoffnung auf den Freitag. Wie immer gibt es im Hinblick auf die Ration optimistische Kombinationen. Die Gettobevölkerung gibt in dieser Hinsicht nicht nach. Von einer Ration zur andern erhofft sie immer wieder eine Besserung, obwohl sie doch schon aus Erfahrung wissen sollte, dass diese Hoffnung durch nichts begründet ist. Jedesmal wenn einige Wagen durch die Strassen rollen, schlagen die Herzen höher.

Die heutige Kartoffelzufuhr beträgt ca 148.000 kg. Diese sechsstellige Zahl berechtigt aber keinesfalls zu Hoffnungen, denn man darf mit Sicherheit annehmen, dass der nächste Tag eher schlechter als besser wird. Bemerkenswert ist die Einfuhr von weiteren 3.500 kg Weizengriess, sodass also mit der Ausgabe der verschuldeten 12 dkg Nahrungsmittel, aus der vorigen Ration, gerechnet wird. An Kohlrüben kamen heute ca 70.000 kg. In Kreisen der Gemüse-Abteilung nimmt man an, dass der Höhepunkt der Kohlrübeneinfuhr bereits überschritten ist, da ja die Versorgung für den Winter durch die letzten Rationen bis April 1944 sichergestellt ist.

Ressortnachrichten.

Tischlerei:

Der Holzbetrieb, Putziger 9, hat einen Monstre-Auftrag auf weitere 600.000 Winterbaukisten erhalten. Dieser Auftrag sichert diesem Betrieb volle Beschäftigung über den ganzen Winter. Dementsprechende Holzmengen wurden zum Teil bereits hereingebracht, zum Teil erwartet.

Justizwesen

Gerichtssaal:

Hauptverhandlung vom 12.12.1943

Prochownik, Bytenski, Wojdislawski, Prok. Liske.

Bei der Hauptverhandlung vom 12.12.1943 wurde die Sache des Liberman Chil und Hamer Abram, ersterer Wieger, letzterer Leiter des Milchladens Nr. 302, verhandelt. Der Anklage liegt folgender Tatbestand zugrunde:

Im August d.J. wurde an einigen Tagen anstatt rückständigem Käse Quark ausgefolgt. In dem obenerwähnten Milchladen herrschte grosser Andrang, der Leiter selbst kümmerte sich um Aufrechterhaltung der Ordnung. Gegen Ende des Verkaufes fanden sich einige Konsumenten ein, die zu geringes Gewicht reklamierten, ohne vorerst berücksichtigt zu werden. Da kam die Konsumentin Scczupak und behauptete, es fehlen ihr 2 dkg zum vollen Gewicht. Sie liess sich nicht abweisen, legte den Käse auf die Ladenwaage und siehe da, die Waage spielte genau. Die Scczupak gab sich damit nicht zufrieden, behauptete die Ladenwaage sei nicht in Ordnung, da sie sich auf ihre Hauswaage verlassen könne. Da fing der Wieger an, an der Waage herumzumanipulieren, man hörte plötzlich einen metallenen Klang, die Scczupak griff nach der Tischplatte und hielt einen gebogenen Nagel in der Hand. Sie rief, sie werde damit auf den Baluter-Ring gehen, da kam der Leiter des Ladens auf sie zu, entriss ihr den Nagel aus der Hand und warf ihn in eine neben dem Ladentische liegende Schachtel, in welcher sich zum Auswiegen bestimmte Gegenstände befanden. In dem Moment, wo der Nagel heruntergefallen war, ging die Waagschale mit dem Käse in die Höhe und der Scczupak wurde das Fehlgewicht ersetzt. Einige Minuten später wurden einige zufällig vorbeipatrouillierende Leute des Sonderkommandos in den Laden gerufen, die vorerst die Portionen der reklamierenden Konsumenten nachwogen, in allen Fällen wurde ein Fehlen des Gewichtes festgestellt, nach Auflegen des gegenständlichen Nagels spielte die Waage. Daraufhin wurde der Warenstand kontrolliert, der ein Uebergewicht von 85 dkg Käse ergab. Der gegenständliche Nagel hatte ein Gewicht von 8 Gramm.

Wegen Betruges angeklagt, bestritten beide Angeklagte die Schuld. Sie behaupteten, die Waage habe sofort ein Mindergewicht bei der Scczupak angezeigt, welches ihr sofort nachgewogen wurde. Die Geschichte mit dem Nagel stellten sie einfach in Abrede und behaupteten, es sei eine Erfindung der Scczupak. Das Uebergewicht erklärten sie damit, dass Liberman ein schlechter Wieger gewesen sei, der einmal zu wenig, ein andermal zu viel gewogen habe, der Leiter habe sich gegen ihn beschwert. Die Zeugen bestätigten im Grossen und Ganzen den oben geschilderten Tatbestand. Die Richter verurteilten Hamer zu 6 Monaten, Liberman zu 5 Monaten Gefängnis. Das Urteil unterliegt nur einer ev. Berufung des Staatsanwalts.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

4 Lungentuberkulose, 1 Leberabscess.