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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 18. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
49

Das Wetter:

Tagesmittel 5-7 Grad unter 0, Frost, heftiges Schneetreiben.

Sterbefälle:

13

Geburten:

3 /weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

79.703

Selbstmordversuch:

Am 17.2.1944 versuchte die Srebrna Chaja, geb. 25.8.1910 in Opatow, wohnhaft Blattbinderstrasse 14, durch Einnehmen von Luminal Selbstmord zu verüben. Dieselbe wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

Seit gestern ist der Amtsleiter Biebow abwesend und man will wissen, dass er sich in Berlin aufhält, wo angeblich die Verhandlungen wegen Übernahme des Gettos durch die Ostindustrie-Gesellschaft gepflogen werden. Eingeweihte Kreise wollen wissen, dass der Amtsleiter auch weiterhin die Leitung des Gettos behalten wird.

1600 Arbeiter:

Keine wesentliche Aenderung in dieser Aktion.1 Die bevorstehende Sperre am Sonntag, den 20.2.44, steht bereits fest.

Der Leiter der Druckerei, Rosenstein, wurde bereits um die Mittagsstunde zum Präses berufen, um die betreffende Kundmachung zu besprechen. Diese Kundmachung erschien auch tatsächlich in den Abendstunden u.zw. in deutscher und, erstmalig seit langer Pause, auch in jüdischer Sprache2 und hat folgenden Wortlaut:

Bekanntmachung Nr. 411.

Betr.: Vollkommene Gehsperre am Sonntag, den 20. Februar 1944.

Im Zusammenhang mit der Aktion zur Entsendung von 1.600 Arbeitern zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos wird

für Sonntag, den 20. Februar 1944, eine

allgemeine Gehsperre angeordnet.

An diesem Tage sind nur geöffnet: die Krankenhäuser I und II, die Apotheke Kirchplatz 8, die Apotheke Fischgasse 5 sowie die Rettungsbereitschaften.

Alle anderen Abteilungen sowie Fabriken und Werkstätten bleiben an diesem Tage VOLLKOMMEN GESCHLOSSEN.

In den Fabriken dürfen sich an dem vorerwähnten Tage nur die Feuerwehrleute sowie zwei weitere Vertrauenspersonen befinden, die von den Leitern jeweils bestimmt wurden.

Ich weise besonders daraufhin, dass auch die KUECHEN am Sonntag, den 20. Februar 1944, geschlossen bleiben.

Die Suppen für diesen Sonntag auf Kontrollkarte Nr. 2 werden schon am Sonnabend, den 19.2.44, für alle Beschäftigten herausgegeben.

Werden andere Personen als die obenbezeichneten in den Betrieben bzw. Abteilungen angetroffen, werden dieselben sofort festgenommen. Die Leiter der Betriebe und Abteilungen haben an alle männlichen Arbeiter die Legitimations-Karten mit Lichtbildern /ausgestellt vom Arbeitsamt Getto/ für diesen Sonntag auszufolgen und zwar am Sonnabend, den 19.2.44, bei Arbeitsschluss /ausgenommen an Kinder und Greise/. Falls bei einigen Legitimationskarten keine Lichtbilder vorhanden sind, sind diese ebenfalls an die männlichen Arbeiter auszufolgen. Desgleichen müssen die in Betracht kommenden Personen am Sonntag, den 20.2.44, im Besitz ihrer Küchen-Stammkarte sein.

Die Legitimationskarten müssen von den männlichen Arbeitern am Montag, den 21.2.44, an ihrer Arbeitsstelle wieder abgegeben werden.

Diejenigen männlichen Arbeiter, die am Sonntag, den 20.2.44, die obengenannten Papiere /Legitimationskarte und Küchenstammkarte/ nicht vorweisen können, werden sofort festgenommen. Die in den Häusern vorhandenen geschlossenen Böden und Keller sind auf Verlangen zu öffnen. Die Schlüssel hierzu müssen im Besitz des Hauswächters sein. In den Häusern, in denen kein Hauswächter vorhanden ist, muss von den Hausbewohnern eine Person bestimmt werden, die im Besitz der Schlüssel sein wird.

Um sich sofort orientieren zu können, ist in jedem Hausflur oder an der Haustür mit deutlich lesbarer Schrift ein Zettel anzubringen, aus dem der Name und die Wohnungsnummer des Schlüssel-Inhabers /für die Böden und Keller/ ersichtlich ist.

Die Wohnungen, die vom Ordnungsdienst versiegelt wurden, dürfen von den Wohnungsinhabern geöffnet werden, damit sie sich in ihrer Wohnung aufhalten können.

Ich weise nochmals darauf hin, dass also am

Sonntag, den 20.2.44, jeder Gettoeinwohner sich in seiner Wohnung aufhalten muss.

Eventuell notwendige Passierscheine können nur in Ausnahmefällen von mir persönlich ausgestellt werden.

Um Strafmassnahmen vorzubeugen, rate ich daher jedem Gettoeinwohner, sich strengstens nach dieser Anordnung zu richten.

Litzmannstadt-Getto, den 18. Februar 1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden

in Litzmannstadt.3

Der Amtsleiter hat die Veröffentlichung in jüdischer Sprache dem Präses ausdrücklich bewilligt. Der kommende Sonntag wird also an die Sperre der Septembertage erinnern, nur mit dem wohltuenden Unterschied, dass diesmal nur der jüdische Ordnungsdienst die Strasse beherrschen wird und dass keine Schüsse fallen werden. Der Inhalt der Kundmachung spricht für sich. Offen bleibt nur die Frage, welche geheimen Weisungen der Ordnungsdienst hinsichtlich der Anhaltung bzw. Festnahmen vom Präses erhalten wird, denn die Massnahme der Sperre bietet nur theoretisch die Lösung des Problems.

Es ist kaum anzunehmen, dass es dem Ordnungsdienst selbst unter Zuhilfenahme anderer uniformierter Gruppen wie Wirtschaftspolizei 4 und Feuerwehr gelingen könnte, in einem Tage das ganze Getto zu durchsuchen und alle Schlupfwinkel dieser verwahrlosten Stadt zu durchstöbern. Andererseits ist die Polizei selbst müde und durch ihre persönliche Beziehung zu vielen Gesuchten gehemmt und schliesslich so korrumpiert, dass man dem Resultat nur mit Skepsis entgegensehen muss. Es heisst auch, dass der Präses selbst nur mit einem Teilresultat rechnet, mit der Erfassung von etwa 200 versteckten Personen. Es ist auch dieses Resultat zweifellos zu hoch gegriffen.

Todesfall:

Heute verstarb der am 4.5.1876 geborene Ing. Adolf Goetz. Der Verstorbene kam im Oktober 1941 mit dem Hamburger-Transport ins Getto. Er war ein ausserordentlich vielseitig gebildeter, fähiger Mann, der sich in Deutschland mit dem Problem des starren lenkbaren Luftschiffes befasste und auf diesem Gebiete auch Patente nahm. Im Getto befasste er sich mit landwirtschaftlichen Fragen, gründete im Rahmen der Wirschafts-Abteilung eine eigene Gruppe, die sich hauptsächlich mit der Kultur von Heilpflanzen befasste. Den bis in die letzten Stunden ausserordentlich agilen Menschen raffte eine Lungenentzündung 5 dahin.

Approvisation.

Die Lage ist nach wie vor trostlos. 4040 kg Kartoffeln bedeuten natürlich nichts. Lediglich Fleisch kam herein u.zw. verschiedene Sorten zusammen 4020 kg.

Das Getto erhielt heute 5½ Millionen Stück Zigaretten, doch wird dieses Quantum zur Verfügung der Getto-Verwaltung in der Tabak-Abteilung eingelagert werden.

Man hört, man spricht …

.... von einer bevorstehenden Volkszählung am kommenden Sonntag.6

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 4 Herzkrankheiten, 1 Tuberk. Bauchfellentzündung, 1 Lungenentzündung.

1

Oskar Rosenfeld beschreibt in seinem Tagebuch, wie die Menschen weggeführt wurden: „18.II. Aussiedlung. [...] Täglich am Fenster vorbei eine Gruppe von ‚Arbeitern‘ aus Czarnickiego, geführt vom Ordnungs-Dienst, vorn und hinten wie Sträflinge. In den Mienen kein Ausdruck, farblos von Gram, Hunger und Verzweiflung. Manche lächeln oder lachen: ‚Es ist alles eins wie man zugrunde geht...‘. Und die Menschen vorbei, zwar mit Teilnahme, aber ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, wie da geholfen werden könnte“ (Rosenfeld 1994, S. 271).

2

Jiddisch war seit Oktober 1942 als Verwaltungssprache verboten. Vgl. den Eintrag „Aufschriften im Getto“ in der Tageschronik vom 17. Oktober 1942.

3

Die Tageschronik gibt die Bekanntmachung Nr. 411 nicht vollständig wieder. Folgende Passage (in der Originalbekanntmachung nach dem Absatz „In den Fabriken …“) fehlt: „In den Abteilungen hingegen dürfen sich an dem betreffenden Sonntag ebenfalls nur die Feuerwehrleute, sowie eine ältere Vertrauensperson, die von den Leitern jeweils bestimmt wurde, befinden.“ Im Text der Bekanntmachung heißt es weiter: „Falls bei einigen Legitimationskarten keine Lichtbilder vorhanden sind, sind diese ebenfalls an männliche Arbeiter auszuhändigen“ (statt „auszufolgen“) (APŁ, 278/170, Bl. 114: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 411, 18.2.1944).

4

Für Näheres zur „Wirtschaftspolizei“ vgl. den gleichnamigen Eintrag in der Tageschronik vom 16. März 1943.

5

Lucille Eichengreen berichtet in ihren Erinnerungen über Adolf Goetz: „Eines Tages war es dann soweit, unser Leiter, Ingenieur Adolf Goetz, konfrontierte uns mit der Neuigkeit.
Ab Montag nächster Woche wird es unser Büro nicht mehr geben. Der Alte, Chaim Rumkowski, hat es beschlossen. Trotz all meines Bittens und Bettelns blieb er dabei. Er hat mir keine andere Wahl gelassen, als euch sagen zu müssen, daß es ab Montag für keinen von uns Arbeit und Suppe mehr geben wird. So wird es sein ...‘
Die Stimme versagte ihm. Wir blieben stumm und erfaßten nur langsam, was seine Nachricht bedeutete.
Erst vor zehn Monaten war es Adolf Goetz gelungen, Chaim Rumkowski davon zu überzeugen, daß das Ghetto unbedingt Verschönerungen und Verbesserungen brauchte. Er suchte eine Gruppe von Architekten und Ingenieuren zusammen, um Pläne für neue Häuser, Parkanlagen, Schulen und Spielplätze zu entwerfen. Obgleich Goetz ’ Plan verdienstvoll war, blieb er doch eine absurde Vorstellung: Er schien ganz vergessen zu haben, daß uns die Deutschen an diesem Ort, dem Ghetto, eingesperrt hielten. Aber es gab immer noch Träumer unter uns. Und so erlebten wir zehn Monate lang eine verrückte Illusion von Normalität. Nun hatte Chaim Rumkowski, wie Goetz sagte, jedes Interesse daran verloren und die Schließung des Büros angeordnet.
Als uns Adolf Goetz diese Nachricht überbrachte, rannen Tränen über seine faltigen, lederartigen Wangen. Seine Haut überlappte hohe Wangenknochen. Er war zwischen 1,50 und 1,60 m groß, aber auf seinen Schultern saß ein großer Kopf. Seine einfache Drahtgestellbrille konnte seine stets rot umrandeten, schielenden Augen nicht verbergen. Er sprach schnell, mit einem leichten Lispeln. Für mich, eine Siebzehnjährige, schien er uralt zu sein, dabei war er mit Sicherheit nicht älter als 65. Auch er war einst ein glücklicher Mann gewesen. Jetzt war er alt und gebrochen, sein Traum war durch bloße Worte zerstört worden.
Vor dem Krieg lebten wir in Hamburg in enger Nachbarschaft. Im Ghetto verhalf Adolf Goetz mir zu meiner ersten Arbeit. Ich durfte für ihn als Sekretärin oder Bürogehilfin arbeiten und war nur ihm verantwortlich. Er ließ von seinem zu meinem Schreibtisch kleine Flugzeuge aus Papier fliegen. In ihnen verbargen sich kurze, manchmal spaßige, manchmal auch traurige oder sentimentale Gedichte. Obwohl ich ziemlich viele Fehler machte, schimpfte er niemals mit mir. Er war freundlich, klug und liebenswert. Ich war ihm sehr dankbar“ (Eichengreen 2001, S. 65-67).

6

Eine „Volkszählung“ wurde nicht durchgeführt. Allerdings erging noch im Februar 1944 ein Rundschreiben an alle Fabriken, Werkstätten und Abteilungen, das die Arbeitsstätten zu einer Aufstellung der Mitarbeiter und ihrer Familien verpflichtete. Vgl. den Eintrag „Bevölkerungsaufnahme“ in der Tageschronik vom 23. Februar 1944.