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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 19. Mai 1944

Tageschronik Nr.: 
139
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Das Wetter:

Tagesmittel 10-14 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

9,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Bevölkerungsstand:

77.016

Tagesnachrichten.

Der Präses ist nach kurzem Unwohlsein wieder im Amt erschienen. Keine Ereignisse von Belang.

Approvisation.

Auch heute kamen nur 1850 kg konserv. Rote Beete. Zur Deckung der ausgeschriebenen Quarkration kamen 3.100 kg Quark, alle anderen Lebensmittel im üblichen Rahmen. Fleisch alles in allem 1330 kg Rossfleisch.

Ration:

Lebensmittelzuteilung für die gesamte Gettobevölkerung:

Ab Sonnabend, den 20. Mai 1944, wird auf Coupon Nr. 34 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 22.5.44 bis zum 4.6.44 einschl. folgende Ration pro Kopf herausgegeben:

  • 400 Gramm Roggenmehl,
  • 200 Gramm Roggenflocken,
  • 200 Gramm Erbsen,
  • 450 Gramm Zucker, weiss,
  • 80 Gramm Oel,
  • 350 Gramm Brotaufstrich,
  • 150 Gramm Suppenpulver,
  • 400 Gramm Salz,
  • 300 Gramm Kaffeemischung,
  • 250 Gramm kons. Rote Beete,
  • 50 Gramm Gemüsekräuter,
  • 25 Gramm Natron,
  • 10 Gramm Zitronensäure,
  • 1 Stk. Seife „Rif“
  • für den Betrag von Mk. 11.-.

Weiterhin werden auf Grund der Gemüsebuch-Legitimation pro Familie

  • 2 Schachteln Streichhölzer,
  • 100 Gramm Schuhpasta,
  • 50 Gramm Fruchttee
  • für den Betrag von Mk. 1.50 ausgefolgt.

Ferner gelangen ab Sonnabend, den 20.5.44, in den zuständigen Milchverteilungsstellen auf Coupon Nr. 131 der Gemüsekarte

  • 150 Gramm Margarine pro Kopf für den Betrag von Mk. 2.-

zur Verteilung.

Litzmannstadt, den 19.5.44

Das Gerücht von der Herabsetzung der Mehlration hat sich also bewahrheitet. Die Tatsache wirkte, obwohl erwartet, niederschmetternd. Kann man sich vorstellen, dass man von 80 dkg Kolonialwaren, also 40 dkg Mehl, 20 dkg Flocken und 20 dkg Erbsen ohne Gemüse, ohne Kartoffeln 14 Tage leben soll? Ein normaler Esser kann die gesamte Ration mitsamt seinem Brot an einem einzigen Tage verzehren, ohne seinen Magen allzusehr zu überlasten. Wie die Bevölkerung unter diesen Umständen durchhalten und noch dazu schwer arbeiten kann, ist ein Wunder.

Ressortnachrichten.

In der Schwachstromabteilung

gibt es andauernd Differenzen zwischen der Leitung Ing. Dawidowicz und der Belegschaft. Dawidowicz will mit allen Mitteln die Produktion steigern, was sich aber nach Ansicht der Arbeiter mit Rücksicht auf das minderwertige Material nicht erreichen lässt. Ueberdies ist Dawidowicz bei seiner Arbeiterschaft in höchstem Masse unbeliebt, es heisst, dass der Präses demnächst eingreifen muss, um die Verhältnisse in diesem Betrieb zu bessern.

Kleiner Getto-Spiegel.

Ein neues Weltwunder?

Nach den hängenden Gärten der Semiramis1 darf das Getto den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, auch einen fahrbaren Garten erfunden zu haben. Ein Arbeiter der Schneidereibetriebe, der im Vorjahre einen kleinen Garten besass und ihn nun durch die neue „Agrarpolitik“ verloren hat, füllte rasch entschlossen einen alten Doppelkinderwagen mit Erde und setzte dort einige Steckzwiebel herein. Diesen seinen Garten fährt er nun täglich ins Ressort, stellt ihn an eine sonnige Stelle im Hof und kann vom Fenster aus sein „Grundstück“ leicht bewachen. Die fahrende Działka ist der Mittelpunkt des Interesses und der pfiffige Grossbauer hat die Lacher auf seiner Seite.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. anderer Organe.

1

Die terrassenförmigen Gartenanlagen des Königspalasts von Babylon – als „Hängende Gärten der Semiramis“ bekannt – gehören zu den sieben Weltwundern des Altertums. Sie wurden nach ihrer Schöpferin, der assyrischen Königin Sammuramat (um 800 v. Chr.), die in der griechischen Sage als Königin von Babylon bezeichnet wird, benannt.