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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 2. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
153

Das Wetter:

Tagesmittel 16-28 Grad, bewölkt, zeitweise Regen.

Sterbefälle:

16,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 3,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.685

Brand:

Am 2.6.1944 wurde die Feuerwehr um 2 Uhr nach dem Betrieb Nr. 89, Cranachstr. 19, alarmiert. Durch einen unvorschriftsmässig in den Kamin eingebauten Balken, welcher Feuer fing, entstand ein Deckenbrand zwischen dem 1. Stockwerk und Dachboden. Der Brand wurde mit Hilfe einer Motorpumpe gelöscht.

Tagesnachrichten.

Der Präses besuchte heute die Statistische Abteilung, wo er mit dem Oberleiter Rechtsanwalt Neftalin, den1 Leiter der Statistischen Abteilung Erlich und dem Leiter unserer Dienststelle Dr. Oskar Singer eine längere Aussprache über aktuelle Fragen hatte. Er besichtigte ein in Arbeit befindliches Album über die soziale Fürsorge im Getto und liess sich von den 3 Herren über alle laufenden Arbeiten genau berichten. Für externe Mitarbeiter unserer Dienststelle bewilligte der Präses ein Honorar bestehend aus 30 Suppen wöchentlich.

Umbesetzung der Wachmannschaft:

Es fällt der Gettobevölkerung auf, dass ein teilweiser Wechsel in der deutschen Wachmannschaft eingetreten ist. Es fehlen sehr viele altgewohnte Gesichter, mit denen sich sozusagen der Gettomensch schon angefreundet hat. Dem Vernehmen nach sind jetzt 16 Schupos jüngerer Jahrgänge vom VI. Polizei-Revier weggegangen und wurden durch neue ältere Leute ersetzt.2

Approvisation.

Heute erhielt das Getto nur 12.800 kg Kartoffeln und 23.100 kg Radieschen. Dagegen ein grösserer Einlauf an Fleisch mit 4.500 kg.

Die Verteilungsläden geben heute pro Kopf

10 dkg Petersilie und 1/2 kg Radieschen zum Preise von Mk 2.- heraus.

Ressortnachrichten.

Das Ressort für jugendliche Arbeiter, Goldschmiedegasse 19,

veranstaltete eine Ausstellung von Kinderarbeiten. Die Ausstellung wurde eröffnet in Anwesenheit von A. Jakubowicz, M. Kliger, Warszawski, Bender, Frl. Dora Fuchs und den Herren Karo und Tabaksblatt von der Umschichtungskommission.

Fürsorgewesen.

Das Sekretariat Wołkowna wird Sonntag bereits in den Räumen der Darlehenskassa amtieren. Die Dienststunden werden denen der Darlehenskassa angeglichen, d.h. also, dass der Parteienverkehr sich erst nach 5 Uhr abspielen wird.

Gesundheitswesen.

Tuberkulose endemisch3:

In einem kleinen Privatkreis besprach Dr. Mosze Feldman die Probleme der im Getto bereits endemischen Tuberkulose. Er wies darauf hin, dass die Gesundheitsabteilung in4 der Bekämpfung vollkommen versage und dass Mittel und Wege gefunden werden müssten, um dieser Pest nach Möglichkeit entgegenzuwirken. In den Kooperativen, in den Küchen, in den Bäckereien arbeiten fast überall lungenkranke Menschen. Mit jeder Ration, mit jeder Suppe, mit jedem Brot wird die Tuberkulose in den Wohnungen getragen,5 die vielleicht noch verschont geblieben waren. Alle Vorhaltungen der Gesundheitsabteilung gegenüber waren zweck- und erfolglos und er meinte, es müsse sich aus gesellschaftlichen Kreisen des Gettos ein Mittel finden lassen, man müsse den6 Präses entsprechende Aufklärungen geben. Nur er allein könnte mit energischer Hand durchgreifen.

Wie sehr richtig diese Ansichten Dr. Feldmans auch sein mögen, so wenig praktischen Wert werden sie haben. In einer Stadt, die so masslos hungert, lässt sich, selbst durch umfassende profilaktische7 Massnahmen, nichts mehr erreichen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 6 Tuberkulose, 1 Ruhr.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

10 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 3 Herzkrankheiten, 1 Herzschwäche.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Die Umbesetzungen bei den Wachmannschaften hatten mit der Frontverlegung der jüngeren Jahrgänge zu tun. Verschiedene deutsche Dienststellen waren davon betroffen. Im Staatsarchiv Łódź ist ein Schreiben der Gettoverwaltung aus dem Jahr 1943 erhalten, aus dem hervorgeht, dass die Amtsleitung der Gettoverwaltung ihre Wagen selbst fahren musste, da infolge „der Einberufung der Jahrgänge 1900 und jünger“ durch die Wehrmacht alle Chauffeure Litzmannstadt verlassen hätten (APŁ, GV 29365, Bl. 110: Schreiben Gettoverwaltung, Ribbe an Polizeipräsident, Kraftfahrzeugstelle – Führerscheine, 20.4.1943).

3

endemisch ‚örtlich begrenzt (von Infektionskrankheiten)‘; zu griech. éndēmos ‚einheimisch‘, fachspr.

4

HK, LK*, JFK*: Ursprünglich „mit“; von Hand korrigiert.

5

So in HK, LK*, JFK*.

6

So in HK, LK*, JFK*.

7

So in HK, LK*, JFK*.