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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 20. August 1943

Tageschronik Nr.: 
216
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Das Wetter:

Tagesmittel 26-39 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

11

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 6

Bevoelkerungsstand:

84.084

Tagesnachrichten.

Das Tagesgespraech bildet der Besuch des Amtsleiters Biebow in gewissen Abteilungen. Bisher hatte der Amtsleiter Abteilungen ueberhaupt nicht besucht, bzw. sich um deren Existenz nicht sonderlich gekuemmert. Die einzige Abteilung, die er fallweise aufsuchte, war das Arbeitsamt und zeitweise im Zuge von Besichtigungen die Feuerwehr. Nunmehr ereignete sich der Fall, dass der Amtsleiter Biebow die Medikamentenzentrale an der Matrosenstr. 1 aufsuchte. Man sagt, es handelt sich um Nachpruefung, ob dort genuegend Opiate greifbar sind. Das Zentrallager verfuegt nicht ueber derlei Medikamente. Bei dieser Gelegenheit besuchte der Amtsleiter die im selben Objekt befindlichen Abteilungen des Ing. Cygielman und der Wołkówna. Cygielman leitet das sogenannte Praesidial-Sekretariat, das ist eine Art technischer Kanzlei, die hauptsaechlich mit der Herstellung der Vervielfaeltigung von Kundmachungen sowie von Rundschreiben beschaeftigt ist. Der Amtsleiter ordnete dort, mit Ruecksicht auf den Arbeitermangel, eine Reduktion des Personals an. Sodann trat er in das gegenueberliegende Buero der Wołkówna ein, wo er mit Frl. Renia Wołk ein laengeres Gespraech ueber ihre Aufgaben hatte. Auch von ihr forderte er nach Anhoerung der Ziele und Zwecke der Abteilung, deren Bestand er fuer notwendig erachtet, dass binnen 14 Tagen eine Reduktion der Arbeitskraefte vorzunehmen ist und dass die freigewordenen Kraefte sofort dem Arbeitsamt zur Verfuegung gestellt werden. Hiezu ist zu bemerken, dass gerade die Abteilung Wołkówna keinen Ueberschuss an Arbeitskraeften hat, weil ja dort tatsaechlich die soziale Fuersorge fuer das ganze Getto konzentriert ist, wobei es sich in der Hauptsache um die arbeitende Bevoelkerung handelt, die mit ihren zahllosen Sorgen diese Abteilung ueberlaeuft. Da nicht alle Gesuche vom Praeses direkt erledigt werden koennen, besorgt der Beamtenstab des Sekretariats sozusagen die Vermittlung aller Wuensche zum Praeses, bzw. erledigt einen Grossteil der Agenda im eigenen Wirkungskreis, eben zur Entlastung des Praeses. Gerade fuer die Abteilung wird die Reduktion sehr schwer tragbar sein.

Feuerwehr:

Bei verschiedenen Besuchen in den Betrieben beanstandete der Praeses, dass die dort diensthabenden Feuerwehrleute sich nicht im vollen Umfang ihrer Pflichten und Aufgaben bewusst sind. Durch ein Rundschreiben werden nunmehr alle Leiter der Fabriken und Abteilungen darauf aufmerksam gemacht, dass das Fuellen der Wasserbehaelter nur durch die Feuerwehrleute selbst vorgenommen werden muss und dass nur diese allein dafuer zu sorgen haben, dass genuegend Wasser in den Behaeltern vorhanden ist.

Kleider und Schuhe:

Der Praeses annulierte alle von ihm bzw. Jakubowicz und Gertler ausgestellten Anweisungen auf Kleider und Schuhe und konzentrierte die Erledigung dieser Agenda ausschliesslich dem Sekretariat Wołkówna.

Approvisation.

Die Lage entspannt sich allmaehlich, da nunmehr wieder die normale Kartoffelzufuhr eingesetzt hat. Die Ration kann bereits ausgegeben werden und man hofft, zufolge der ausreichenden Zufuhr, dass in den allernaechsten Tagen eine weitere Ration ausgegeben werden wird. Freilich ist noch immer der Hunger nicht gebannt, denn es fehlt an Gemuese. Solange reichliche Zufuhr von Gemuese nicht eintritt, kann von einer Beseitigung der Hungergefahr nicht gesprochen werden. Nach wie vor muss betont werden, dass die Gettoproduktion keine nennenswerte Aushilfe ist. Der Wucher mit Gemuese blueht. Man verlangt phantastische Preise fuer Blaetter von Weisskohl und Roten Rueben. Fuer ein so minderwertiges Produkt wie weisse Mohrrueben verlangte man nicht weniger als 18 Mk pro kg. Rote Rueben selbst kosten 20-22 Mk das kg. Diesem Uebelstand ist scheinbar durch keine Verfuegung abzuhelfen, denn wer etwas Gemuese von seiner Działka gibt, will dafuer andere Lebensmittel eintauschen bzw. kaufen.

Ressortnachrichten.

Umschichtung zum Stroh:

Die Umschichtung ist in vollem Gange. Noch immer werden aus den Abteilungen arbeitsfaehige Kraefte herausgezogen und in die Strohressorts zu Farber und Levin zugewiesen. Die Arbeit bei Farber in den Flechtereien geht noch einigermassen. Hier handelt es sich ja nur darum, duennere Zoepfe als bisher fuer die grossen Strohschuhe zu flechten. Diese Arbeit strengt wohl an, ist aber nichts im Vergleich zu der schweren Arbeit der Naeherei bei Levin. Waehrend die bisherigen Strohschuhe eine verhaeltnismaessig primitive Arbeit waren, die rasch von der Hand ging, ist die Herstellung des „Bunkerpantoffel“ eine ausgesprochen schwere Arbeit. Der Pantoffel muss auf Leisten genaeht werden, muss ausserordentlich fest sein, sodass die Manipulation mit dem Stroh und vor allem mit der Nadel die Haende der arbeitenden Frauen sehr bald zu Grunde richtet. Abgesehen von der anstrengenden Arbeit in diesen Hitzetagen. Dabei ist es charakteristisch fuer das Getto, dass die erforderlichen Fingerhuete fuer die Frauen in den Pantoffelnaehereien nicht aufzutreiben sind. Das vorhandene Material ist zu weich und wird leicht von den Nadeln durchstochen und einen festen Typ von Fingerhueten zu diesem Spezialzwecke konnte die Metallabteilung in dieser kurzen Zeit nicht herstellen. Wenigstens ist dies die Ansicht der zustaendigen Ressorts. Kein Wunder, dass sich daher die Frauen mit allen Mitteln wehren, in diesen Betrieb zu gehen, kein Wunder auch, dass das Arbeitsamt ruecksichtslos den1 Bedarf des Gettos Rechnung tragen muss, denn nur auf der zeitgerechten Lieferung wehrmachtswichtiger Auftraege steht das Getto.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

13 Bauchtyphus, 8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

8 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 1 Gehirnblutung.

Nachtrag zu „Approvisation“.

Waren-Eingang

vom 19. August 1943.

1./ Lebensmittel: 3000 l Milch, 480 kg Hefe, 140.260 kg Kartoffeln, 4110 kg Kohlrabi, 1440 Wirsingkohl, 15.830 kg Rettich, 5938 kg Sauerkraut, 14.120 kg Weisskohl, 650 kg Petersilie, 55.900 kg Roggenmehl, 900 kg K. Walzmehl, 1768 kg Rapsoel, 6158 kg Brotaufstrich, 1761 Knochenfett, 2330 kg Pferdefleisch, 571 kg Rindfleisch, 314 kg Schweinefleisch, 41 kg Kalbfleisch Freib.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 4 kg rote u. weisse Farbe, 1 Pinsel, 90 kg Spezialbenzin, 175 l Benzin-Benzol2, 2 St. Karrenfluegel.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Benzol wird zur Herstellung einer Vielzahl von organischen Verbindungen verwendet, z.B. von Farbstoffen, Arzneimitteln, Sprengstoffen, Kunstharzen, Waschmitteln sowie Lösungsmitteln und Lacken. Ein großer Teil des Benzols dient als Zusatz zu Motorentreibstoffen.