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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 21. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
111

Das Wetter:

Tagesmittel 8-12 Grad, zeitweise Regen.

Sterbefälle:

7,

Geburten:

1 /w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevölkerungsstand:

77.487

Tagesnachrichten.

Der Präses ordnete für morgen, den 22. ds.Mts., eine Musterung der O.D.-Männer an. Hierzu erfahren wir: Im Namen des Krankenkomitees des O.D. besuchten 2 Herren vom O.D. u.zw. Goldmann, von der Kanzlei des <a href="/de/institut/ordnungsdienst" class="tageschronik-link institut-link">O.D.</a>-Vorstehers, und Aspirant Dr. Bondy den Präses, mit der Bitte um einen Zuschuss für das Krankenkomitee. Im Verlauf des Gespräches erklärte der Präses, er wolle sich vom Gesundheitsstatus der O.D.-Männer selbst überzeugen und Personen ausscheiden, die für den O.D. nicht mehr geeignet sind, indem man diese Leute entsprechend anderweitig placiert. Morgen wird also diese Musterung im Ambulatorium, Sulzfelderstrasse 40, stattfinden.

Einige von der Sonder-Abteilung ausgeschiedene O.D.-Männer wurden dem allgemeinen O.D. zugeteilt.

Verhaftung eines Kooperativleiters:

Der Leiter des Ladens 46, in Marysin, der dort sehr populäre Librach, wurde plötzlich verhaftet. Bei einer Durchsuchung wurde im Schreibtisch seiner Kanzlei ein Quantum von 1300 Zigaretten gefunden, ein gleiches Quantum in seiner Wohnung. Auch an anderer Stelle sollen etwas Zigaretten und kleinere Lebensmittelbestände vorgefunden worden sein. Ueber den Verlauf der Untersuchung kann man vorderhand nichts Näheres sagen.

Entlassung aus Marysin:

Von den nach Marysin delegierten Personen wurden zwei weitere entlassen und ihren früheren Abteilungen zugewiesen u.zw. über Verfügung des Präses. Dawid Klip, Bürochef der Approvisation, und Dr. O. Singer, Leiter des Archivs, traten ihre bisherigen Stellungen wieder an. Der letztere hat auch während seiner Dienstzeit in Marysin diese Chronik weitergeführt.

Approvisation.

Die heute eingelaufenen 17.960 kg Kartoffeln erwecken die trügerische Hoffnung auf einen steigenden Einlauf von Kartoffeln. In Wirklichkeit aber sind das, wie bereits gemeldet, nur kleine Nachlieferungen von Firmen, die seinerzeit ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sind.

Fleisch kam nichts, lediglich ca 1250 kg Gekröse.

Heute fand eine Unterredung des Amtsleiters Biebow mit M. Kligier statt, in Sachen der Approvisation des Gettos. Der Amtsleiter legte dem Leiter der Sonder-Abteilung den Standpunkt der deutschen Behörde auseinander. Das Getto hat Kartoffeln bis zum 30. April erhalten. Tatsächlich liegt noch ein kleiner Rest in den Mieten und wird den Küchen zugewiesen.

Mit 30. April hört die Verpflegsperiode /Winterbevorratung/ auf. Nun aber hat das Getto die Kartoffeln auf Basis einer Bevölkerungszahl von etwa 84.000 erhalten, während in Wirklichkeit weniger als 80.000 Menschen gezählt sind. /Wir haben auf diese Differenz verschiedentlich hingewiesen.1/ Ausserdem kommt der Wegfall eines Teils der Bevölkerung durch Tod und Aussiedlung auf Arbeit in Frage, sodass eigentlich nach Ansicht der deutschen Behörde ein Ueberschuss vorhanden sein müsste. Dennoch anerkennen die Behörden die Frist bis zum 30. April. In der Stadt selbst haben die Mieten schlechte Erfolge gezeichnet, die Kartoffeln haben nicht durchgehalten, es herrscht, abgesehen von der vorigen Missernte, ausgesprochener Mangel. Es sei also auch nach dem 30.4. wenig Hoffnung auf eine Besserung der Lage. Kligier legte den Standpunkt des Gettos dar und betonte, dass die 40 dkg Kartoffeln täglich /in Suppe und Zuteilung/ im Reich eine zusätzliche Ernährung aus den Quellen der Arbeitsfront darstelle, während dieses Quantum im Getto die Basis der Ernährung bildet. Entfiele diese, so müsste das Getto infolge Hungers stille stehen. Der Amtsleiter nahm die Ausführungen Kligiers mit Wohlwollen auf und versprach beim Bauernführer des Warthegau es, Schritte zu unternehmen, um die Ernährung des Gettos sicherzustellen.2

Wenn also im Zusammenhang mit dem Ablauf der Winterbevorratung Gerüchte im Umlauf sind, dass ein Abschluss von 5 Millionen kg Kartoffeln getätigt wurde, so gehört das natürlich ins Reich der Phantasie.

Ration: Betr. Lebensmittelzuteilung.

Ab Sonnabend, den 22.4.44, 17 Uhr 15 wird auf Coupon Nr. 49 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 24.4.44-7.5.44 einschl. folgende Ration pro Kopf herausgegeben:

  • 600 Gramm Roggenmehl,
  • 400 Gramm Zucker, weiss,
  • 200 Gramm Roggengrütze,
  • 50 Gramm Oel,
  • 350 Gramm Marmelade,
  • 150 Gramm Suppenpulver,
  • 50 Gramm gekörnte Brühe,
  • 400 Gramm Salz,
  • 500 Gramm Kaffeemischung,
  • 50 Gramm Gewürzsalz,
  • 10 Gramm Zitronensäure,
  • 1 Stck. Seife „RIF“.
  • Diese Ration beträgt Mk. 11.-.

Ferner werden ab Sonnabend, den 22.4.44, auf Coupon Nr. 57 der Gemüsekarte

  • 500 Gramm Konserv. Rote Rüben,
  • 100 Gramm Kürbismark und
  • 100 Gramm Rübensaft
  • zum Preise von Mk. 2.- ausgefolgt.

Weiterhin gelangen auf Gemüselegitimation pro Familie

  • 1 Schachtel Streichhölzer und
  • 100 Gramm Schuhpasta
  • für den Betrag von Mk. 1.- zur Verteilung.

Auf Coupon Nr. 60 der Nahrungsmittelkarte werden ebenfalls ab Sonnabend, den 22.4.44, in den zuständigen Milchverteilungsstellen

  • 150 Gramm Margarine
  • für den Betrag von Mk. 2.- herausgegeben.

Ressortnachrichten.

Das Behelfshäuschen,

das von der Versuchs-Abteilung der Bau-Abteilung hergestellt wurde, wurde bereits auf dem Baugelände in Radegast aufgestellt. Die Ausmasse der Pläne stimmten nicht ganz und es wurden kleine Verbesserungen vorgenommen. Alles in allem ist der Versuch gelungen und das Häuschen wird zweifellos jetzt Gegenstand des Interesses sehr vieler Kommissionen sein, denen das Behelfshäuschen für Ausgebombte gezeigt werden wird. Von da bis zur Produktion von etwa 3000 solcher Häuschen monatlich ist natürlich noch ein sehr langer Weg.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

2 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Hirnhautentzündung, 3 Lungenkrankheiten, 1 Herzmuskelschwäche.

1

Vgl. etwa die Tageschroniken vom 11. Januar 1944 (Rubrik „Man hört, man spricht“) und 31. Januar 1944 (Rubrik „Tagesnachrichten“).

2

Über eine Intervention bei Landesbauernführer Dr. Hans-Joachim Kohnert durch Biebow ist nichts bekannt. So erscheint fraglich, ob der Amtsleiter in dieser Phase, als das Vernichtungslager Kulmhof wieder in Betrieb gesetzt wurde, noch auf höherer Ebene für eine bessere Versorgung des Gettos intervenierte.