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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 21. Januar 1944

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Tageschronik Nr.: 
21

Das Wetter:

Tagesmittel 4-5 Grad, Wärme, nass.

Sterbefälle:

8

Geburten:

1 /männl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 6

Bevölkerungsstand:

82.978

Tagesnachrichten.

Der Präses ist noch immer unwohl und liegt mit leichter Grippe zu Bett.

Bank liquidiert:

Die Bank am Bleicherweg wird liquidiert. Die dort vorhandenen teuren Pelze werden von der Getto-Verwaltung übernommen, während die minderwertigen Pelzwaren ins Kürschner-Ressort gebracht werden. Die vorhandenen Bestände an Edelmetallen und Juwelen übernimmt gleichfalls die Getto-Verwaltung.

Für den Ankauf von Pelzen, soferne solche noch im Getto vorkommen, wird die Zentral-Einkaufstelle zuständig sein. Für den Ankauf von Wertgegenständen aller Art entweder der Aelteste der Juden oder die Sonder-Abteilung.

Die Facharbeiter des Juwelierbetriebes übersiedeln als geschlossene Gruppe in die Glimmer-Spalterei-Abteilung und es ist anzunehmen, dass feinmechanische Arbeiten im Rahmen dieses Betriebes durchgeführt werden.

Die Liquidierung der Bank bzw. des Juwelier-Betriebes steht im Zusammenhang mit dem Besuch der Kommission, die durch längere Zeit im Getto allerlei Kontrollen durchgeführt hat.

Remanent in den Ressorts:

Heute erhielten alle Ressorts bzw. die in Frage kommenden Abteilungen den Auftrag, den Warenstand und die Rohstoffbestände per 31.12.1943 aufzugeben. Dazu wurde eine Frist von wenigen Stunden gegeben.

Im Zusammenhang mit dieser Massnahme schwirren wieder allerhand Gerüchte durch das Getto u.z. auch das, dass die SS in Litzmannstadt sich für die Uebernahme des Gettos interessiert.

Strassenbahn zum Teil wieder frei:

Es gelang dem Präses die Benützung der Getto-Strassenbahn für Arbeiter durchzusetzen. Die Sonder-Abteilung hat bereits Getto-Strassenbahnkarten drucken lassen, die nur zur Fahrt zur und von der Arbeit berechtigen. Der Ausweis gilt nur in Verbindung mit der Arbeitskarte auf den gleichen Namen. Die Strassenbahnkarten tragen das Datum vom 20.I.1944.

Der Durchgang über die Hanseatenstrasse am Baluter-Ring ist wieder freigegeben.

Todesfall.

Prof. Wilhelm Caspari

starb heute im Alter von 72 Jahren. Er wurde am 4. Februar 1872 in Berlin geboren, studierte zuerst Medizin und wurde praktischer Arzt. Während seiner ärztlichen1 Praxis wandte er sich bakteriologischen Studien zu, veröffentlichte eine Reihe fachwissenschaftlicher Schriften und habilitierte sich als Dozent an der Berlin er Universität. Sein Spezialgebiet wurde die Krebsforschung. Auf Grund seiner Erfolge wurde Caspari an die Speyersche Klinik nach Frankfurt berufen, wo er bis zum Sommer 1933 wirkte. Im Jahre 1930 vertrat er als Delegierter Deutschlands die Disziplin „Krebsforschung“ auf dem Internationalen Aerztekongress in Madrid, wo er als Gelehrter besonders gefeiert wurde. In den letzten Jahren seiner wissenschaftlichen Tätigkeit veröffentlichte er in Fachzeitschriften die Resultate seiner bakteriologischen Forschungen.

Im Oktober 1941 kam er mit dem Frankfurter Transport ins Getto. Der Präses räumte ihm sofort eine bevorzugte Stellung ein, indem er ihm im Hauptspital, Lagiewnicka die Fortsetzung seiner Studien ermöglichte und ihm einen Platz im Marysiner Erholungsheim anwies. Während der Zeit vom Februar 1942 bis Dezember 1943 hielt Caspari vor den Aerzten des Gettos und sonstigen Interessenten Vorträge über Ernährungsverhältnisse im Getto. Im September 1942 wurde seine Gattin ausgesiedelt. Da knapp vorher das Hauptkrankenhaus liquidiert wurde, um einem Ressort Platz zu machen, versetzte der Präses den Gelehrten in die Statistische Abteilung, wo Caspari sich mit der Aufstellung von Sterblichkeitstabellen im Zusammenhang mit dem Kalorien- und Vitaminwert der Getto-Ernährung beschäftigte. Diese Arbeit ist ziemlich weit gediehen.2

In den letzten Monaten waren bei Prof. Caspari Zeichen seelischer und körperlicher Ermattung bemerkbar. Die Ungewissheit über das Schicksal seiner Frau, verbunden mit dem Mangel an Nahrung, der seit der Streichung der Talons durch die Getto-Verwaltung eingetreten war, trafen den fast 72-jährigen Mann schwer. Den Attacken einer Grippe – es war die Zeit der Grippe-Epidemie – war sein geschwächter Organismus nicht gewachsen. Caspari starb nach kurzer Krankheit Freitag, den 21. Januar, im Krankenhaus, wo er einer Lungenentzündung erlag.

Approvisation.

Das Getto erhielt neuerdings ein Nahrungsmittel, das man bisher nirgends gekannt hat, u.z. Kürbismark, gestern und heute kamen davon 3.990 kg herein. An Kartoffeln erhielt das Getto gestern nichts und heute kamen sage und schreibe 1510 kg herein. Gestern und heute kamen zusammen 4.830 kg Gemüsesalat, sonst kam nichts von Belang.4

Die Suppen in den Küchen

werden voraussichtlich jetzt nur noch geriebene Kartoffel enthalten.

Ressortnachrichten.

Schwachstrom-Abteilung muss räumen:

Das Objekt Holzstrasse 77, wo sich augenblicklich noch die Schwachstrom-Abteilung befindet, muss, wie wir bereits angekündigt haben, bis Anfangs5 März geräumt sein. Auch die dort befindlichen Privatwohnungen müssen räumen. Das Objekt wird endgültig vom Getto abgetrennt und als Epidemie-Spital Verwendung finden.

Personen, die neben ihrer Ressort- oder Büroarbeit noch etwas Zeit aufbringen, versuchen angesichts des Hungers und des Mangels an Arbeitskräften in den Küchen, den letzten Rest ihrer Freizeit als sogenannte „dorywczy“6 /d.i. Handlanger/ in den Küchen auszunützen. Die Küchen verwenden solche Leute für grobe Arbeiten, wie Kartoffel schälen, Gemüse zurichten, und bezahlen mit einer Suppe. In der letzten Zeit herrscht bei den Küchen lebhafte Nachfrage nach solchen Arbeitsplätzen. Besonders Leute, die als L-S-Wart oder Nachtwächter tagsüber mehr Zeit haben, überrennen die Küchen.

In der Küche Bleicherweg 18 wurden fast alle Suppen-Schöpferinnen reduziert und zur Arbeit in den Holzbetrieb III, Putziger 9, zugeteilt. In der Küche blieb nur eine Suppenverteilerin. Bringt nun die Küche die Suppen in den Holzbetrieb III, so besorgen die Ressortarbeiterinnen, die früher in der Küche gearbeitet haben, das Suppenverteilen. Viele frühere Küchenarbeiter, die jetzt in den Ressorts arbeiten, bekommen dank der alten Beziehungen in den Küchen die obenerwähnte Handlangerarbeit und helfen sich so über die jetzt so schwere Zeit hinweg.

Schulwesen.

Ueber Auftrag des Präses wurden Bescheinigungen für Absolventen des Lyzeums gedruckt u.z. in deutscher und jüdischer Sprache. Diese Bescheinigung hat folgenden Wortlaut:

DER AELTESTE DER JUDEN IN LITZMANNSTADT

MORDECHAI CHAIM RUMKOWSKI

BESCHEINIGUNG

Es wird hiermit bescheinigt, dass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

geboren am . . . . . . . . . . . . . in . . . . . . . . . . . . . . . . . . . im Schuljahre 1940/41

die erste Klasse des hiesigen Lyzeums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Richtung

besuchte und in die zweite Lyzealklasse derselben Richtung versetzt wurde.

Litzmannstadt-Getto, den 1. Dezember 1943.

L. Nr. . . . . . . . . . . .

Der Aelteste der Juden

in Litzmannstadt.7

Gesundheitswesen.

Die Pflegerinnen der Sanitäts-Abteilung, die Hausdienst bei Kranken versehen, müssen von 8 bis 18 Uhr auf ihrem Posten sein. Lediglich in der Zeit zwischen 12-14 Uhr können sie den Kranken verlassen und ihre Angelegenheit in der Sanitäts-Abteilung erledigen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:8

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

3 Lungentuberkulose, 3 Lungenkrankheiten, 1 Cardialasthma, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung.

1

„ärztlichen“ nur in LK**; von Hand korrigiert aus „richtigen“. HK, JFK**: „richtigen“; dort von Hand markiert und am unteren Seitenrand die polnische Anmerkung ‚in II. Kopie ersetzt mit Bleistift durch „ärztlichen“‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

2

HK: Am linken Seitenrand in Höhe des letzten Absatzes von Hand die polnischsprachige Anmerkung „stos.“; die Bedeutung ist unklar. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

3

Der Frankfurter Krebsforscher Wilhelm Caspari (1872-1944) war zum Jahresende 1935 (nachdem er als ehemaliger „Frontkämpfer“ zunächst noch Schutz genossen hatte) aufgrund des „Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ von seinem Amt „beurlaubt“ worden. Während seine vier Kinder noch rechtzeitig ins Ausland emigrieren konnten, wurde Wilhelm Caspari im Herbst 1941 – zwei Tage bevor sein USA-Visum im amerikanischen Konsulat in Frankfurt eintraf, mit seiner Frau in das Getto Litzmannstadt deportiert. Seine Frau Gertrud gehörte zu den „Erwachsenen über 65“, die zwischen dem 5. und 12. September in das Vernichtungslager Kulmhof gebracht und ermordet wurden. Caspari hinterließ ein umfangreiches Werk auf dem Gebiet der Krebsforschung mit den Schwerpunkten Chemotherapie, Ernährungsphysiologie, Strahlenwirkung und Immunitätsverhältnisse; er gehörte seinerzeit zu den namhaftesten Krebsforschern in Deutschland (vgl. Fischer 1932-1933/2002, Bd. 3 [2002], S. 233f.). Zum Tod Casparis bemerkt Oskar Rosenfeld kurz: „Prof. Caspari gestorben, verhungert, zusammengebrochen... seit ihm seine Frau weggerissen. September-Aussiedlung 1942“ (Rosenfeld 1994, S. 263). In der Getto-Enzyklopädie ist dem Mediziner Caspari ein Eintrag gewidmet, der ebenfalls von Oskar Rosenfeld verfasst wurde (APŁ, 278/1103, Bl. 26f.).

4

Wie dramatisch die Lage wirklich war, geht aus dem Tagebuch Oskar Rosenfelds hervor: „21.1. Hunger. Bitter, bitter! Wenn nicht bald etwas Gemüse hereinkommt, fallen die Menschen auf der Gasse wie Fliegen! Wer weiß, wie lange das Spiel noch dauern wird! Bitter! Wir stehen alle am Rand!“ (Rosenfeld 1994, S. 263).

5

So in HK, LK**, JFK**.

6

HK, JFK**: Ursprünglich „dorywczi“; von Hand korrigiert zu „doryweczy“. LK**: „dorywczi“. Gemeint sind Gelegenheitsarbeiter; zu poln. doryweczy ‚gelegentlich‘.

7

Anhand der in der Tageschronik wiedergegebenen Schulbescheinigung wird deutlich, dass die Menschen im Getto die Hoffnung auf ein Überleben Anfang 1944 keineswegs aufgegeben hatten: Den Kindern und Jugendlichen wurden rückwirkend Zeugnisse ausgestellt, damit sie diese später vorweisen könnten.

8

HK, LK**, JFK**: Keine Angabe.