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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 21. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
202

Das Wetter:

Tagesmittel 24-36 Grad, frühmorgens starker Nebel, dann sonnig.

Sterbefälle:

26,

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

70,092

Selbstmorde:

Am 20.7.44 verübte die am 27.5.1921 in Lodz geborene Dimant Laja, Holzstr. 63, Selbstmord durch Sprung aus dem III. Stockw.

Am 21.7.44 versuchte die Klajn Chaja Sura, geb. 9.4.22 in Lask, wohnh. Goldschmiedeg. 21, durch Sprung aus dem I. Stock Selbstmord zu verüben. Sie wurde ins Krankenhaus überführt.

Unfall:

Am 21.7.44 wurde der 41 Jahre alte Lęczycki Rafał, Altmarkt 11, von der Strassenbahn überfahren. Er starb im Krankenhaus an den erlittenen Verletzungen.

Brand:

Am 20.7.44 wurde die Feuerwehr um 18,49 Uhr nach der Gnesenerstrasse 2 alarmiert. Dort schlug der Blitz in den Hochspannungstransformator ein. Mit Hilfe trockener Handfeuerlöschapparate wurde das Feuer gelöscht.

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief ruhig, wenn auch vielerlei Gerüchte, vor allem die Aussenwelt betreffend, umgehen.1

Der Präses setzt auch heute seine Arbeit fort, indem er verschiedene Betriebe besucht und die Arbeiterschaft mustert.

Im Zusammenhange mit der Reduktion der inneren Abteilungen sollten mehrere Verteilungsstellen der Kolonialwarenabteilung liquidiert werden. Mit Rücksicht auf das voraussichtlich geringe zahlenmässige Resultat hat sich der Präses entschlossen, auf diesem Gebiete vorläufig alles beim Alten zu belassen.

Apotheken-Inspektor Perelmutter abgesetzt:

Ueber Veranlassung der deutschen Behörde wurde Perelmutter als Inspektor der Apotheken abgesetzt. S. Kon wurde zum Kommissar über das Medikamenten-Depot ernannt. Kon ist der ehemalige Besitzer und jetzige Leiter der Apotheke am Kirchplatz.

Der Präses hat die Ausgabe der bereits fertiggestellten 20 Mk Münzen angeordnet. Die Kundmachung hat folgenden Wortlaut:

BEKANNTMACHUNG

Betr.: Einführung von Hartgeld /Zwanzig Mark-Quittungen/.

Die Gettobevölkerung wird hierdurch darauf hingewiesen, dass mit dem heutigen Tage, also ab 21. Juli 1944,

Hartgeld im Werte von Zwanzig-Mark-Quittungen

in Umlauf gesetzt wird.

Neben diesem Hartgeld /Zwanzig-Mark-Quittungen/ behalten die Zwanzig-Mark-Quittungen in Papier auch weiterhin ihre Gültigkeit.

Litzmannstadt-Getto, den 21. Juli 1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt2

Rückerstattung verkaufter Gegenstände:

Personen, die infolge der Abstoppung der Aussiedlung aus dem Zentralgefängnis entlassen wurden, bzw. Personen, die unmittelbar vor ihrem Einrücken in die Sammelpunkte ihre Habseligkeiten verkauft hatten, standen nun nach Rückkehr in ihren Wohnungen vor dem Nichts. Sie hatten ihre Habseligkeiten, je nach der besseren Möglichkeit, entweder der Zentraleinkaufstelle verkauft oder privat verschleudert. Es fehlt ihnen natürlich jetzt am notwendigsten Hausgerät, nicht zu sprechen von Kleidungsstücken und sonstigen Bedarfsgegenständen, die sie losgeschlagen haben, weil eine Mitnahme nicht möglich war. Verkauft wurde gegen Geld, aber auch gegen Naturalien. Die privaten Aufkäufer weigern sich nun vielfach, die Gegenstände zurückzugeben, oft auch deshalb, weil der Verkäufer, wenn er Naturalien erhalten hatte, diese nicht rückerstatten kann.

Diese Fragen löst nun eine Kundmachung, die folgenden Wortlaut hat:

ZUR Beachtung

Es wird hierdurch darauf hingewiesen, dass diejenigen Personen, die für die Ausreise zur Arbeit nach ausserhalb des Gettos bestimmt waren – später jedoch hier verblieben sind –, ihre in der Zentraleinkaufstelle verkauften

Einrichtungs- und sonstigen Gegenstände, einschl. Bettzeug

zum selben Preise zurückkaufen können.

Weiterhin sind diejenigen Personen3, die von den zur Ausreise Vorgesehenen irgendwelche Hausgeräte und Sonstiges käuflich erworben haben, verpflichtet, diese Sachen auf Verlangen des früheren Eigentümers gegen den gleichen Kaufpreis – ohne Unterschied, ob die Entschädigung in Geld oder Naturalien erfolgte – zurückzugeben.

Sollten diese Personen die Herausgabe der angekauften Sachen verweigern, so kann vom Interessenten eine entsprechende Meldung in der

I. Ordnungsdienstabteilung, Franzstrasse

erstattet werden, von wo aus dann die entsprechenden Schritte unternommen werden, damit der frühere Besitzer sein Eigentum zurückerhält.

Litzmannstadt-Getto, den 21.7.1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt4

Unfallverhütung:

Eine weitere Verordnung betrifft die Fensterkisten. Da eine solche Kiste, in der natürlich ein paar Zwiebeln wuchsen, auf das Pflaster fiel und einen Unfall verursachte, erliess der Präses die folgende Verfügung:

Achtung

Betr.: Pflanzenkästen u.a. auf den Fensterbrettern.

Zur Verhütung von Unglücksfällen ist es notwendig, dass die auf den Fensterbrettern angebrachten

Pflanzenkästen u.a.

so befestigt werden, dass dieselben nicht herunterstürzen können /durch starken Wind, Reissen der Schnur oder des Drahtes/.

Jeder Inhaber von solchen Pflanzenkästen ist deshalb verpflichtet, peinlichst genau nachzuprüfen, ob dieselben entsprechend befestigt sind.

Bei irgendwelchen Vorfällen sind diese Personen persönlich verantwortlich und werden in vollem Masse für allen eventl. entstehenden körperlichen und sachlichen Schaden haftbar gemacht.

Litzmannstadt-Getto, den 21.7.1944.

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt5

Approvisation.

Die Belieferung des Gettos mit Weisskohl hält an.

Ressortnachrichten.

Für die Schneidereien

kommen laufend Textilwaren /Militär-Sektor/ herein. Die Holzbetriebe III und IV führen Hilfsarbeiten durch für die Munitionskistenproduktion des Holzbetriebes I.

Korsett- und Büstenhalter-Betrieb:6

In dieser Abteilung befinden sich Spezialmaschinen, die einer Mannheimer Firma gehören.7 Diese Firma hat soeben die Gettoverwaltung ersucht, die ihr gehörigen Maschinen unverzüglich zurückzustellen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Maschinen, die Auftraggebern im Reich gehören, zurückverlangt wurden. Diesmal aber ist die Rückberufung der Maschinen Gegenstand lebhafter Erörterung.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:8

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:9

1

In der Endphase des Gettos Litzmannstadt kursierten unter der Bevölkerung immer wieder Nachrichten von außerhalb, die in der Getto-Chronik nur angedeutet, in privaten Tagebüchern jedoch offen benannt werden. Wiederholtes Thema in den Tagebüchern ist der Kriegsverlauf, an den sich alle Hoffnung auf ein Überleben klammerte. Die im Chroniktext genannten „Gerüchte, vor allem die Aussenwelt betreffend“ dürften mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 zusammenhängen – ein Ereignis, das in Tagebüchern ebenfalls seinen Niederschlag fand. So notiert ein unbekannter junger Mann am 21. Juli 1944: „Soeben sind Nachrichten vom Attentat auf Hitler eingetroffen! Es scheint, daß das Attentat nur teilweise gelungen ist [ein Wort unleserlich] – laut einer deutschen Zeitung ist er lediglich verletzt – ich bin im Moment nicht fähig, mir die Tragweite dieses erstrangigen Ereignisses zu vergegenwärtigen, mit der ganzen ehrlichen Menschheit bedaure ich nur, daß er sein Leben nicht verloren hat. Aber es wird doch sichtbar, daß sich bei ihnen ein Überdruß breitmacht, daß sie schon genug davon haben“ (Loewy/Bodek 1997, S. 82). Im Tagebuch eines jungen Mädchens heißt es kurz: „Attentat auf Hitler. Sie haben ihn nur verletzt“ (AŻIH, 302/9, Bl. 2; übers. aus dem Poln.). Jakub Hiller, der auf der Straße von dem Attentat erfährt, kommentiert: „Eine sensationelle Nachricht!“ (AŻIH, 302/10, Bl. 85; übers. aus dem Jidd.).

2

Die Bekanntmachung wird vollständig zitiert. Vgl. YIVO, RG 241/547: Rumkowski, Bekanntmachung / Betr.: Einführung von Hartgeld, 21.7.1944.

3

In der Bekanntmachung: „Privatpersonen“.

4

Mit Ausnahme der genannten Abweichung wird die Bekanntmachung vollständig wiedergegeben Vgl. YIVO, RG 241/548: Rumkowski, Bekanntmachung zum Rückkauf von Einrichtungs- und sonstigen Gegenständen, o. Betr., 21.7.1944. – Jakub Hiller berichtet, dass die Menschen im Getto noch derart unter dem Eindruck der Nachricht vom Hitler-Attentat standen, dass viele beim Erblicken einer neuen deutschen Bekanntmachung zunächst an eine Plakatierung zum erwarteten Kriegsende dachten. Doch was sie zu lesen bekamen, war lediglich die Bekanntmachung über den Rückkauf von angekauften Gegenständen (vgl. AŻIH, 302/10, Bl. 87).

5

Die Bekanntmachung wird vollständig wiedergegeben. Anders als im Chroniktext ist das eingerückte Wort „Pflanzenkästen“ in der Bekanntmachung gesperrt. Darüber hinaus ist die oberste Zeile des Originals in Großbuchstaben gesetzt und mit einem Ausrufezeichen versehen („ACHTUNG!“). Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 88: Rumkowski, Bekanntmachung Betr.: Pflanzenkästen u.a. auf den Fensterbrettern, 21.7.1944.

6

HK, LK**, NYK*, JK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Im Betrieb“.

7

Die „Korsett- und Büstenhalter-Abteilung“ hat Aufträge für die Mannheimer Firma „FELINA, GREILING & Co.“ ausgeführt, wie ihr Leiter Jakob Gonik am 6. April 1943 vor der Sonderabteilung aussagte. Wahrscheinlich handelt es sich hier um diese Firma (vgl. APŁ, 278/127, Bl. 481).

8

HK, LK**, NYK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.

9

HK, LK**, NYK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.