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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 22. Oktober 1943

Tageschronik Nr.: 
279
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Das Wetter:

Tagesmittel 18-25 Grad, sonnig, warm.

Sterbefälle:

10

Geburten:

-

Festnahmen:

Diebstahl: 2

Widerstand: 1

Bevoelkerungsstand:

83.541

Tagesnachrichten.

Heute Simchat Thora, auch am heutigen Tage an verschiedenen Punkten des Gettos Privatminjanim.

Vom Ordnungs-Dienst:

Die Dienstzeit beim O.D., die bisher von 7-7 Uhr war, wurde geändert u.z. von 8-8 Uhr.

Approvisation.

Die Lage hat sich wider Erwarten im allgemeinen verschlechtert. Insbesondere ist die Kartoffelzufuhr unbefriedigend. Während noch am 14. und 15.10. zusammen 331.200 kg Kartoffeln eingelangt sind, sank die Ziffer am 16. auf 51.000 kg, am 17. auf 4000 kg, am 18. auf 9000 kg und am 19. auf 12.000 kg. Das sind katastrophale Ziffern, solche Mengen können nicht einmal den Tagesbedarf der Küchen decken, geschweige denn für eine Bevorratung in Frage kommen. Wenn auch am 20.10. insgesamt 881.000 kg Kartoffeln eingelaufen sind, so ergibt dies mit den obengenannten Quantitäten zusammen einen Durchschnitt von 184.000 kg pro Tag. Wenn man bedenkt, dass wir jetzt die Hauptstosszeit haben, so muss man den kommenden Tagen mit ernsten Sorgen entgegensehen. Das Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung besteht augenblicklich aus Rettich und Kürbis. Fleischzufuhr im allgemeinen stabilisiert. Am gestrigen Tage sank die Kartoffeleinfuhr auf 7.700 kg. In Kreisen der Approvisation herrscht angesichts dieser Lage sehr gedrückte Stimmung.

Die Ration:

Heute wurde die neue Ration publiziert, die im Allgemeinen der vergangenen gleicht. Eine Neuigkeit ist lediglich eine Kaffeemischung in Pulverform, die bisher nicht vorgekommen ist.

Ab Sonnabend, den 23. Oktober 1943, wird auf Coupon Nr. 66 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 23.10.1943 bis zum 7.11.1943 folgende Ration herausgegeben:

  • 400 g Roggenmehl
  • 100 g Roggenflocken
  • 100 g Kaffee in Pulver
  • 450 g Zucker, braun
  • 100 g Oel
  • 300 g Kaffee-Mischung
  • 400 g Marmelade
  • 400 g Salz
  • 100 g Senf
  • 150 g Salattunke
  • 50 g Suppenpulver
  • 50 g Brühpasta
  • 10 g Paprika
  • 10 g Zitronensäure
  • 10 g Natron
  • ½ St Seife
  • zum Preise von Mk. 7.50

Ferner werden auf Coupon Nr. 31 der Gemüsekarte

  • 2 kg Gemüse /Kohlrabi, Kohlrüben oder Rettich/
  • zum Preise von Mk. 1.50 ausgefolgt.

Fleisch- und Wurstzuteilung:

Ab Sonntag, den 24., werden auf Coupon Nr. 61 der Nahrungsmittelkarte

  • 200 g Fleisch

und auf Coupon Nr. 52

  • 200 g Wurst herausgegeben.

Die Ration brachte keine Kartoffeln, sondern lediglich 2 kg Gemüse, hingegen ist die Fleisch- und Wurstzuteilung, wie man sieht, etwas besser.

Ressortnachrichten.

Der Praeses besuchte gestern die Schwachstrom-Abteilung, Sulzfelderstrasse 21, sprach mit den jugendlichen Arbeitern, die bei der Radiolampen-Produktion beschäftigt sind. Auf ihre Bitten um bessere Ernährung bewilligte der Praeses 10 ständige Kräftigungsmittage.

Der Präses besuchte heute auch die Metall II an der Hohensteinerstrasse 56 und erkundigte sich nach den Einzelheiten des von uns bereits geschilderten Unfalls.

Dann besuchte der Praeses das Korsettressort an der Steinmetzgasse 7/8 ; dieses Ressort und Metall II gehören heute zu den bestbeschäftigsten Fabriken des Gettos, weil es hier nicht an Rohmaterial mangelt.

Schäfte-Ressort:

Das Schäfte-Ressort hat jetzt einen grossen Auftrag von Rein-Lederschäften1 für schwarze Männerschuhe erhalten. Die Höhe des Auftrages ist nicht bekannt. Jeden Tag kommen neue Ledersendungen herein. Die Schuhe werden nicht im Getto fertig gestellt, sondern die Schäfte gehen nach Berlin. Das Ressort arbeitet an diesem Auftrag so intensiv, dass 2 Schichten eingerichtet werden mussten u.z. eine von 6 Uhr früh bis 3 Uhr nachmittags und die andere von 3-12 Uhr nachts, ohne Ruhetag. Das Ressort verarbeitet jetzt auch die Schäfte für Filzschuhe, die in der Abteilung Gutreiman fertiggestellt werden.

Justizwesen.

Gerichtssaal. Zwei Rohlinge:

Am Gemüseplatz, Hanseatenstrasse 1/3, verletzte der dortige Leiterstellvertreter Goldberg, mit dem Spitznamen „Herschel Ganef2, einen gewissen Taft durch einen Fusstritt in die Genitalien. Goldberg ist ein bekannter Rohling. Die Angelegenheit kam vor das Gericht des Aeltesten. Bei der Voruntersuchung durch die Prokuraturen erklaerte aber Taft, dass er sich wieder arbeitsfähig fühle. Herschel Ganef hat diese Aussage gut bezahlt. Ob mit eigenem Gemüse oder mit dem des Aeltesten ist nicht bekannt.

Ein zweiter Held ist der Konvojent3 Neuhaus, der ebenfalls einen Mann mit einem gleichen Fusstritt sehr schwer verletzte. Dieser Fall wird das Gericht noch beschäftigen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Paratyphus, 1 Flecktyphus, 4 Bauchtyphus, 7 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

6 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 1 Prostatahypertrophie, 1 Herzmuskelschwäche.

1

Rein-Lederschäfte bestehen vollständig aus Leder, während bei anderen Schäften auch andere Materialien (z.B. Leinen) verwendet werden.

2

Ganef, aus jidd. ganef ‚Dieb‘.

3

Konvojent ‚Begleiter, Bewacher‘; aus poln. konwojent.