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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Freitag, den 24. September 1943

Tageschronik Nr.: 
251
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Das Wetter:

Frueh 15 Grad, bewoelkt, kuehl. Mittag 30 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefaelle:

3

Geburten:

1 /weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

83.733

Tagesnachrichten.

Der Praeses traegt sich mit der Absicht, die Zahl der Kraeftigungs-Kuechen noch zu erhoehen. Zunaechst denkt er an die Umbildung der Kuechen an der Masarska in eine solche Kolacionenkueche. Heute besichtigte er ein Gebaeude an der Flisacka, wo er ebenfalls die Einrichtung einer Kueche plant.

Approvisation.

Die Lage ist nach wie vor ungemein kritisch. Die Bevoelkerung steht am Rande der Verzweiflung.

Ration:

Die Ration wurde heute publiziert u.z. erhaelt man ab Freitag, den 24.9.1943, auf Coupon Nr. 45 der Nahrungsmittelkarte fuer die Zeit vom 27.9.1943 bis zum 10.10.1943 folgendes:

  • 400 g Roggenmehl,
  • 200 g Roggenflocken,
  • 450 g Zucker, braun,
  • 150 g Oel,
  • 300 g Kaffeemischung,
  • 350 g Marmelade,
  • 100 g Kunsthonig,
  • 400 g Salz,
  • 100 g Suppenpulver,
  • 100 g Senf,
  • 25 g Kuemmel,
  • 20 g Natron,
  • 250 g Waschsoda,
  • 1/10 l Essig.
  • Diese Ration betraegt Mk. 7.50

Ausserdem erhaelt jede Familie auf Grund der Gemuese-Legitimation

  • 50 g Haustee,
  • 2 Schachteln Streichhoelzer
  • zum Preise von Mk. 0.50

Ferner werden an alle auf Coupon Nr. 40 der Gemuesekarte fuer eine Woche

  • 3 kg Kartoffeln pro Person fuer den Betrag von Mk 1.50 ausgegeben.

Die Kartoffeln werden ab Montag, den 27.9.1943, zur Verteilung gebracht. Ab Freitag, den 25.9.1943, werden auf Coupon Nr. 79 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 g Wurst pro Person ausgefolgt.

Ab Sonnabend, den 25.9.1943, werden auf Coupon Nr. 56 der Nahrungsmittelkarte

  • 250 g Gemuesesalat fuer den Betrag von Mk 1.- herausgegeben.

Die einzige Besserung ist die Erhoehung der Oelration von 100 auf 150 g. Die zugeteilten Kartoffeln koennen aber erst ab Montag, den 27.9., abgenommen werden. Das will sagen, dass also weitere 3 ausgesprochene Hungertage durchzuhalten sein werden. Die Folge ist natuerlich, wie wir bereits wiederholt bemerkt haben, dass die in der Ration enthaltenen Kolonialwaren unmoeglich rationell aufgeteilt werden koennen, so dass, wenn auch die Kartoffeln puenktlich ausgegeben werden, keine Besserung der Lage eintreten wird.

Kein Brennmaterial:

Die Kohlen-Abteilung erhaelt noch immer nicht die zu einer Brennmaterialausgabe erforderlichen Briketts. Ein Glueck, dass der Herbst sehr warm ist. Aber die Angst vor dem Oktober, ueberhaupt vor diesem Winter, sitzt den Menschen in allen Knochen.

Nach laengerer Pause hat der Holzbetrieb, Putziger 9, etwas Holz fuer die Belegschaft frei gegeben. Die Arbeiter erhielten Talons zu je 4 kg, die Beamten zu je 10 kg. Auch einige andere Ressorts erhielten solche Holztalons, die im obigen Betriebe honoriert werden. Ausserdem werden die Arbeiter in den saemtlichen Holzbetrieben demnaechst Talons auf je 10 kg Hobelspaene erhalten.

Das freilich vermag die Sorge um Brennmaterial nicht zu beheben, denn auf diese Weise kommt nur ein Bruchteil der Bevoelkerung zu etwas Brennmaterial. Dies spiegelt sich auch in den Preisen fuer Brennmaterial wider. Trotz der partiellen Holzausgabe bleiben die Preise fuer Holz unveraendert und halten sich zwischen 1.70–2.- Mk je 1 kg.

Wohl gehen fast taeglich Kohlen, Gasstaubkohle, Koksgrus und auch etwas Briketts ein, doch deckt dies kaum den Bedarf der produzierenden Ressorts.

Gerichtswesen.

Die Gattin des Praeses als Verteidigerin:

Die Gattin des Praeses, Frau Regina Rumkowska, war bekanntlich in ihrem Privatberuf Rechtsanwaeltin. Vor einigen Tagen hat nun der Praeses beim Gerichtsvorsitzenden St. Jakobson angefragt, ob prinzipiell gegen die Uebernahme einer Verteidigung durch seine Frau Bedenken bestehen. Da Frau Rumkowska seit jeher in der Liste der Verteidiger beim Gericht des Aeltesten der Juden ordnungsgemaess eingetragen ist, konnte der Gerichtsvorsitzende eine zustimmende Antwort geben. Daraufhin hat Frau Rumkowska die Verteidigung des der Notzucht angeklagten Ordinanz u.z. als Mitverteidigerin uebernommen. Ordinanz wurde in der Hauptverhandlung schuldig gesprochen. Frau Praeses wird demnach in der Berufungsverhandlung als Verteidigerin im Getto debuetieren. Sie war vor dem Kriege bereits Verteidigerin und stand unmittelbar vor der Etablierung einer eigenen Kanzlei.

Man hoert, man spricht ...

... dass der Praeses anlaesslich der hohen Feiertage1 eine Sonderration herausgeben wird. Dieses Geruecht kann nicht ueberprueft werden und basiert nur auf der Tatsache, dass die Bevoelkerung dies Sentiment des Praeses kennt.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

4 Bauchtyphus, 12 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 1 Prostatahypertrophie2.

1

Die anstehenden „hohen Feiertage“ beziehen sich auf die zehn Bußtage, die mit Rosch Haschana beginnen und mit Jom Kippur enden. Sie sind sowohl die großen Gericht stage Gottes über den Menschen als auch, aufgrund der anschließenden Vergebung, Weihetage. Daher werden die zehn Tage auch die „hohen Feiertage“ genannt. Vgl. Herlitz/Kirschner 1987, Bd. 3, S. 154 und 309.

2

Eine Prostatahypertrophie ist eine gutartige Vergrößerung der Vorsteherdrüse (Prostata), die zunächst den Harnabfluss aus der Harnblase behindert. Zunehmend bleibt der sog. Restharn in der Blase zurück, wodurch Infektionen, Nierenschädigung und Harnvergiftung durch Rückstau des Harns in die Nieren entstehen können, die bei fehlender Behandlung zum Tode führen können.