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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 25. Februar 1944

Tageschronik Nr.: 
56
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Das Wetter:

Tagesmittel 1-3 Grad, Wärme, windig.

Sterbefälle:

6

Geburten:

2 /1 männl., 1 weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

79.664 /79.676 lt. Karten-Abteilg./

Brand:

Am 24.2.1944 wurde die Feuerwehr um 19,23 Uhr ins Krankenhaus I, Matrosengasse 74, alarmiert. Durch Ueberheizung eines Ofens geriet das Portierhäuschen in Brand. Das Feuer wurde mit Hilfe einer Motorspritze gelöscht.

Tagesnachrichten.

1600 Arbeiter:

Seit der Uebernahme der Oberleitung der Aktion zur Aussendung der 1600 Arbeiter durch Kligier hat die Qualifizierungskommission aufgehört zu existieren. Mit der technischen Durchführung an Stelle dieser Kommission hat Kligier einige Herren seines engeren Mitarbeiterstabes bestimmt. Sonach liegt die ganze Sache ausschliesslich in den Händen der Sonderabteilung. In der Sache selbst keine erwähnenswerte Aenderung. Das Kontingent ist noch immer nicht aufgebracht. Die ärztliche Untersuchung der auf dem Punkt in der Hohensteinerstrasse 26 untergebrachten Frauenspersonen gab kein gutes Resultat, es heisst, dass weitere Frauen herangeholt werden müssen. Ein Termin für die Abreise liegt noch nicht vor.

Kommission im Getto:

Eine SS-Kommission unter Führung des Oberbürgermeisters Dr. Bradfisch und in Begleitung der Herren Amtsleiter Biebow und Kommissar Müller / Gestapo/ besuchte einige Betriebe des Gettos.

Approvisation.

Noch immer keine Besserung der Hungerlage und leider auch keine Aussicht auf Erleichterung. Vor dem Ablauf des Endtermins für die Winterbevorratung dürften weder Kartoffeln noch Gemüse hereinkommen. Ob dies eine allgemeine Mangelerscheinung oder die strenge Beobachtung der Grundsätze der Judenernährung bedeutet, weiss man nicht.

Fleischkonserven zurückgezogen:

Von den im Getto lagernden Fleischkonserven wurden seitens der deutschen Behörde 9,000 Stück zurückgezogen.

Tabak-Zuteilung:

Mit Schreiben vom 22.2.1944 Nr. 8819 hat die Getto-Verwaltung dem Aeltesten Vorschriften zur Rationierung der Rauchwaren-Zuteilung erteilt. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut:

Abgabe von Tabakwaren.

Folgende Bestimmungen sind zu beachten, für deren strikte Durchführung ich Sie haftbar mache:

  1. Tabakwaren erhalten nur die arbeitenden männlichen Juden über 18 Jahre.
  2. Zur Abgabe gelangen nur die von mir freigegebenen Mengen, welche pro Kopf und Monat 45 Zigaretten oder 50 Gramm Rauchtabak nicht überschreiten dürfen.
  3. Ueber Zu- und Abgang ist eine einfache Uebersicht zu führen, die von mir kontrolliert wird.
  4. Die vorgeschriebenen Kleinverkaufspreise dürfen nicht überschritten werden.

Diese Neuregelung bedeutet für die Raucher einen empfindlichen Schlag. 45 Zigaretten monatlich bedeuten einen Konsum von 1 1/2 Zigaretten täglich. Das ist für einen Raucher soviel wie nichts. Durch diese Neuregelung werden aber nicht wie bisher nur die Raucher, sondern alle arbeitenden Männer über 18 Jahre berücksichtigt. Die Frauen sind endgültig vom Bezug von Rauchwaren ausgeschaltet. Etwa 20.000 Männer werden solcher Art die Raucherzuteilung erhalten. Da aber bei den bisherigen Ermittlungen bzw. auf Grund der Erfahrungen der Tabak-Abteilung nur ca 8-9000 Raucher vorhanden sind, wird der an den Nichtraucher abgegebene Anteil zu zweifellos exhorbitanten Preisen auf den Schwarzhandelsmarkt gelangen. Schon heute kostet eine gestopfte Zigarette 1.20-1.50 Mk, eine Bregava 3 Mk. Es ist nicht abzusehen, wie teuer nun, nach der oberwähnten Regelung, Zigaretten sein werden.

Die vor einigen Tagen ins Getto gelieferten 5 1/2 Millionen Stück Zigaretten sind Mundstück-Zigaretten russischer Herkunft, wahrscheinlich Beutegut.

Die Ration:

Heute in den Abendstunden wurde die neue Ration publiziert. Obwohl sie hinsichtlich der Kolonialwarenzuteilung eine gewisse Besserung aufweist /50 g Sago und 50 g Haferflocken/, bedeutet sie doch eine ausgesprochene Hungerration, da weder Kartoffeln noch Gemüse ausgegeben werden. Die Ration enthält für die Zeit vom 28.2. bis zum 12.3.44. einschl. auf Coupon Nr. 94 der Nahrungsmittelkarte:

  • 600 Gr. Roggenmehl,
  • 450 Gr. Zucker, weiss,
  • 200 Gr. Roggengrütze,
  • 50 Gr. Haferflocken,
  • 50 Gr. Sago,
  • 100 Gr. Oel,
  • 350 Gr. Marmelade,
  • 150 Gr. Bauernsuppe,
  • 400 Gr. Salz,
  • 300 Gr. Kaffeemischung,
  • 100 Gr. Kaffeemehl,
  • 150 Gr. Fruchtsuppenextrakt,
  • 15 Gr. Natron
  • zum Preise von Mk. 8.50.

Ferner wird auf Coupon Nr.1 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 Gr. Margarine und
  • 250 Gr. Gemüsesalat zum Preise von Mk. 1.50 ausgefolgt.

Auf Coupon Nr.2 der Nahrungsmittelkarte werden

  • 200 Gr. Fleisch herausgegeben.

Ressortnachrichten.

Es verlautet, dass der bereits von seiner Reise zurückgekehrte Amtsleiter Biebow vielen Ressorts umfangreiche Aufträge mitgebracht hat.

Kleiner Getto-Spiegel.

Valuten-Gleichung:

Die Ueberweisung von Geldbeträgen an Getto-Insassen büsst immer mehr ihre materielle Seite ein, wenn sie auch weiter als Lebenszeichen und liebes Gedenken von Verwandten und Freunden ihre aufrichtende Bedeutung behält. 100 schweizer3 Franken werden abgeschickt. Nach 3-4 monatlicher Irrfahrt erreichen den Adressaten 76 Mk, die er nach Abzug von 10% in Getto-Mark-Quittungen ausgezahlt erhält. Der Absender schickte 200 kg Brotwert, der Empfänger quittiert 70 Tabletten „Süssstoff“! So ist der Komfort auf der Reise eingeschrumpft.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 3 Lungentuberkulose, 1 Angina pectoris, 1 Ohrspeicheldrüsenentzündung, 1 Frühgeburt /lebensunfähig/.

1

HK, LK*, JFK*: Keine Angabe.

2

HK, LK*, JFK*: Keine Angabe.

3

So in HK, LK*, JFK*.