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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 26. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
146

Das Wetter:

Tagesmittel 12-18 Grad, bewölkt, zeitweise Regen.

Sterbefälle:

14,

Geburten:

4 /3 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.927

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb Getto:

Die erste Gruppe von 30 Leuten soll bereits morgen, den 27. ds.Mts., abgehen. Die Freiwilligen haben bereits die Aufforderung erhalten, sich im Zentral-Gefängnis zu stellen.1

Approvisation.

Auch heute kamen wieder etwas Kartoffeln herein u.zw. 45.150 kg auf das Juni-Kontingent. Ausserdem kamen 3810 kg konserv. Rote Beete und 2870 kg Petersilie. Die Fleischanlieferung hält an, es kamen heute 3.200 kg. Wenn schon die etwas reichlichere Kartoffeleinfuhr eine Ration nicht erhoffen lässt, so darf man doch erwarten, dass wenigstens die Suppen eine Qualitätsverbesserung erfahren werden.

Kleiner Getto-Spiegel.

Und wieder die Pakete:

Die Bemühungen, die Prager zu einer Gemeinschafts-Aktion zusammenzuschliessen, gehen weiter. Es fanden auch heute Besprechungen statt. Die Stimmung bessert sich einigermassen und einige weisse Raben2 brachten sogar die erste Brotspende, alles in allem aber ist die Haltung dieser Eingesiedelten beschämend, was selbst der Chronist, der zu ihnen gehört, bekennen muss. Eine kleine Gruppe unter Führung eines Dr. Kasztor, ein aus Prag eingesiedelter ungarischer, ehemaliger Jude, der zu den Leuten gehört, die am meisten Pakete erhalten, propagiert den Vorschlag, für jedes Paket 20 Mk abzuführen. Tatsächlich haben einige Personen in Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse seine Liste unterschrieben, zogen jedoch diese Unterschrift sofort zurück, sobald sie sich überzeugt hatten, dass diese geringe Geldabgabe lediglich den Zweck hat, sich von einer kleinen Opfergabe zu drücken.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 2 Lungenkrankheiten, 3 Herzschwäche, 1 Gehirngeschwulst, 1 Hemiplegie3.

1

Oskar Rosenfeld vermerkt am 27. Mai 1944 in seinem Tagebuch: „Nachts, wieder Aussiedlung. Menschen aus Betten gerissen, weil nicht genug Freiwillige sich gemeldet für Arbeit auswärts… 30 Mann bereits in der Nacht weg; mitgegeben Brot, Zucker, Margarine etc.“ (Rosenfeld 1994, S. 291).

2

Zu „weißer Rabe“ im Sinne von „etwas sehr Seltenes“ vgl. Röhrich 1991-1992, Bd. 2 (1992), S. 1217.

3

Hemiplegie: Eine halbseitige Lähmung, wie sie zum Beispiel infolge eines Schlaganfalls auftreten kann (zu griech. plēgē ‚Schlag‘).