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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 26. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
314

Das Wetter:

Tagesmittel 5-6 Grad, bewoelkt.

Sterbefaelle:

6

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

83.356

Tagesnachrichten.

Wie wir bereits mitgeteilt haben, ist der Amtsleiter von seiner Berlin er Reise zurueckgekehrt. Leider haben sich die an diese Reise geknuepften Hoffnungen noch1 nicht erfuellt, und es verlautet nichts ueber die geplante Neuregulierung. Wir erinnern daran, dass der Amtsleiter in seiner letzten Kundmachung vom 15.11.1943 mitgeteilt hat, dass „zur Zeit ein neuer Plan ausgearbeitet wird“. Dieser Plan steht noch aus. Was er in Berlin, wo es gerade kritische Stunden gab,2 erledigte, ist nicht bekannt.3

Der Praeses setzt seine Aktionen in den Ressorts fort. Taeglich werden junge Buerokraefte zur Produktion dirigiert.

Neue Tore:

Die beiden Durchgangstore an der Fischgasse bzw. am Talweg waren bereits laengere Zeit recht windschief. Es wurden daher vollkommen neue, leichtere Tore zu beiden Seiten der Durchfahrtstrassen Alexanderhofstrasse bzw. Hohensteinerstrasse angefertigt.

Approvisation.

Keine Aenderung der Lage.

Am 24.11. sind 68.660 kg und am 25.11. 106.000 kg Kartoffeln und an beiden genannten Tagen insgesamt 300.000 kg Gemuese eingelaufen. An Fleisch kamen an diesen beiden Tagen 12.200 kg herein.

Heute endlich kam die in der letzten Ration angekuendigte Kartoffelration heraus. Sie ist eine bittere Enttaeuschung, indem sie nur 2 kg gegenueber der letzten Ration von 2 1/2 kg betraegt. Das 1/2 kg wird ersetzt durch 2 1/2 kg Kohlrueben.

Die Kundmachung lautet:

Ab Sonnabend, den 27.11.1943, werden auf Coupon Nr. 106 der Gemuesekarte fuer die Zeit vom 29.11.1943 bis zum 5.12.1943 einschl. /7 Tage/

  • 2 kg Kartoffeln zum Preise von Mk. 1.- und auf

Coupon Nr. 120 der Gemuesekarte

  • 2 1/2 kg Kohlrueben fuer den Betrag von Mk. 1.- ausgefolgt.

Ressortnachrichten.

Die Aufmerksamkeit des Praeses gilt gegenwaertig den Vorarbeiten fuer die Errichtung des neuen Ressorts in Marysin, wo die Bauplatten hergestellt werden sollen. Die Arbeiten gehen dort in raschem Tempo voran.

Enquete4 betreffend Talone:

Wir haben berichtet,5 dass der Praeses eine genaue Erfassung aller Beirats- und sonstiger Talone angeordnet hat. Die nunmehr komplett vorliegenden Fragebogen hat Fukr. uebernommen und fuehrt nunmehr in allen Ressorts und Abteilungen eine genaue Kontrolle durch, insbesondere um festzustellen, ob die Inhaber der Talons auch in den entsprechenden Positionen geblieben sind, welche seinerzeit die Veranlassung zur Erteilung der Talons waren. Man nimmt an, dass diese Vorarbeiten gleichzeitig die Unterlage schaffen sollen fuer die angeblich vorgesehenen Kategorien.

Fuersorgewesen.

Die Fuersorgekommission fuer Jugendliche gibt gegenwaertig Filzschuhe fuer die adoptierten Kinder heraus.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Strafverhandlung vom 26.11.1943. Prochownik, Schwebel

Kausen: 4
Delikte:
  • Diebstahl: 2
  • Urkundenfaelschung: 2
Angeklagte: 5
Urteile: 3
Vertagt: 1
Veruteilend: 3 /davon eines in Bezug auf einen Angeklagten/
Freisprechend: 1 Angeklagter in Sache, wo der zweite Angeklagte verurteilt wurde.

1./ Die Brieftraegerin Patałowska Mina hatte u.a. Unterstuetzungen an beduerftige Kinder, die durch das Buero des Frl. Wołk gewaehrt werden, auszutragen. Sie hat erwiesenermassen in 3 Faellen diese Gelder fuer sich verwendet, wobei sie die Unterschrift des Empfangnehmers faelschte und die Nummer ihrer eigenen Brotkarte einsetzte. Da ausser ihrem jugendlichen Alter keinerlei mildernde Umstaende fuer die Angeklagte sprechen und die erschwerenden Umstaende – regelmaessige Talons, taegliche Zusatzsuppen, kein Familienmitglied zu erhalten, fuer die aermsten Kinder bestimmte Gelder – weit ueberwiegend waren, wurde die Angeklagte zu 3 Monaten Gefaengnis verurteilt.

2./ Der Arbeiter Zygielman Jakob fand im Feber d.J. einen Talon auf Heizmaterial. Er radierte die Brotkartennummer, die durch die Kohlenabteilung eingesetzt worden war, aus, setzte die Nummer seiner eigenen Lebensmittelkarten ein und behob auf diese Weise 10 kg Briketts. Er wurde wegen Urkundenfaelschung und Betrug angeklagt und zu 3 Wochen Haft verurteilt. Da diese Tat vor der Pessachamnestie begangen wurde, wurde dem Angeklagten auf Grund dieser Amnestie die Strafe erlassen.

3./ Der als Schuster in der Schuhfabrik Franzstr. 76 angestellte Kessler Renoch wurde in der Portierloge mit einem Sack Pappe angehalten. Unter der Pappe lagen 5 Schachteln Schusternaegel, einige Lederstuecke, Gummistuecke und Bandteile zum Herstellen von Holzschuhoberteilen. Er hatte einen Durchlassschein auf den Namen Goldman Icek und behauptete zuerst, er wisse nichts vom Inhalt des Sackes, spaeter beschuldigte er den Arbeiter Goldman, er habe ihn zum Heraustragen der Sachen bewogen und mit ihm vereinbart, die Beute zu teilen. Es stellte sich heraus, dass Kessler von Goldman, der mit ihm gemeinsam arbeitet, einen Talon auf 5 kg Pappe gekauft hat. Goldman gibt diesen Umstand zu, will aber von den Sachen, die unter der Pappe gefunden wurden, nichts wissen. Bei der Hauptverhandlung hielt Kessler seine Beschuldigungen gegen Goldman aufrecht, letzterer bestritt jegliche Schuld. Das Gericht ging mit einem Schuldspruch gegen Kessler vor und verurteilte ihn zu 7 Monaten Gefaengnis. Goldman wurde freigesprochen, da ausser der Aussage des Mitangeklagten Kessler nichts gegen ihn sprach und die Nebenumstaende der Sache eher zu seinen Gunsten sprachen.

Die vierte Sache – gegen Rosenstrauch Henryk, angeklagt wegen systematischen Einbruchdiebstahls – wurde vertagt, da der Angeklagte krank ist.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

2 Lungentuberkulose, 4 Herzkrankheiten.

1

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**: „noch“ jeweils von Hand hinzugefügt.

2

Berlin war in der Nacht vom 22. auf den 23.11.1943 Ziel heftiger alliierter Bombenangriffe, in die Biebow offenbar geraten war. Während dieser Angriffe wurde die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche weitgehend zerstört.

3

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**: Ursprünglich „Allem Anschein nach konnte er in Berlin, wo es gerade kritische Stunden gab, nicht viel erledigen“; Teile des Satzes jeweils von Hand ersetzt bzw. hinzugefügt. LKV/b**: Am Seitenrand von Hand die polnischsprachige Anmerkung ‚Dasselbe mit grüner Tinte in der II. Kopie und Neues in der III. Kopie‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

4

HK, LKV/a**, LKV/b**, JFK**: Ursprünglich „Anquetee“; lediglich in HK von Hand korrigiert zu „Enquete“. Enquete, hier ‚großangelegte Untersuchung, Erhebung, Umfrage‘; aus frz. enquête.

5

Vgl. den Eintrag „Revision der Zuteilungen“ in der Tageschronik vom 9. November 1943.