Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Freitag, den 28. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
28
Podcast Icon

Das Wetter:

Tagesmittel 6-8 Grad, heftiger Wind, trocken.

Sterbefälle:

14

Geburten:

1 /Totgeburt/

Festnahmen:

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

82.920

Brand:

Am 28.I.1944 wurde die Feuerwehr um 8,15 Uhr nach dem Betrieb Nr. 96, Zentrallager der Leder-Abteilung, Baluter-Ring 5, alarmiert. Dort wurde festgestellt, dass auf dem 1. Stock aus einem schlecht verklebten Kaminschacht Rauchschwaden entsteigen. Die Kaminschachtöffnung wurde verklebt.

Tagesnachrichten.

Der Präses hielt heute in der Gesundheits-Abteilung eine längere Konferenz ab. Es verlautet, dass er Samstag, den 29. ds.Mts., in einer Versammlung der Aerzte sprechen wird.

Grosser Einbruchsdiebstahl in einem Kooperativ:

In der Kooperative, Mühlgasse 8, wurde der grösste Einbruchsdiebstahl verübt, den das Getto bisher zu verzeichnen hatte. Es wurden aus dem Magazin dieses Verteilungsladens nicht weniger als 3 Säcke Zucker, 2 Säcke Mehl und 1 Sack Flocken gestohlen. Die Täter haben zuerst einen Kurzschluss verursacht, sodass das ganze Objekt in Dunkel gehüllt war. Die Polizei sucht fieberhaft.

Approvisation.

Keine Aenderung.

Zuteilung von Heizmaterial:

Heute wurde eine neue Kohlenration publiziert u.zw. ab Sonntag, den 30.1.1944, auf Coupon Nr. 30

5 kg Kohle pro Kopf zum Preise von Mk 1.- nach dem üblichen Verteilungsplan.

Das Getto ist in Erwartung der neuen Ration, die voraussichtlich schon in den späten Abendstunden bekannt sein dürfte.

Ressortnachrichten.

Bank am Bleicherweg:

In der Bank bzw. dem Juwelier-Betrieb am Bleicherweg ist bisher keine Aenderung eingetreten. Es ist unrichtig, dass die Wertgegenstände von der Getto-Verwaltung bereits übernommen wurden, es ist nach wie vor alles unverändert. Der fachmännische Leiter Israelski hat gestern vom Amtsleiter Biebow Auftrag erhalten, die Uebersiedlung des Betriebes vorzubereiten, da das Objekt am Bleicherweg für die Schwachstrom-Abteilung gebraucht wird, die das Objekt an der Holzstrasse 75 räumen muss. Es ist noch nicht sicher, wohin die Bank bzw. der Juwelier-Betrieb übersiedeln.

Schwarzhandelspreise:

Brot 640.-, Mehl 450.-, Flocken 500.-, Grütze 450.-, Griess /Manna/ 1400.-, Zucker weiss 700.-, braun 600.-, Kartoffeln 120.-, Kohlrüben 40.- bis 45.-, Möhren 70.-, Rettich 35.-, Wurst 500.-, Fleisch 600.- pro kg, Oel 9.-, Margarine 8.-, Butter 18.-, Kochbutter 14.- Mk das dkg.

Die Lage im Getto charakterisiert sich am besten dadurch, dass heute eine Ressortsuppe 20-25 Mk und 1 Schachtel Streichhölzer 18 Mk kostet.

Kleiner Getto-Spiegel.

„Darf ich um etwas Feuer bitten!“

Bei Tag und Nacht kann man in grossen Wohnobjekten folgendes Bild beobachten: Aus irgendeiner Wohnung rennt ein Mensch plötzlich mit einem brennenden Papier oder einem Stück Kienholz durch den dunklen Korridor. Er hat sich bei dem Nachbarn, der gerade kocht, ein wenig Feuer geholt, denn ein Zündhölzchen anzubrennen ist sträflicher Leichtsinn, selbst wenn er noch welche besitzt. Es wird nicht lange dauern und in jedem Objekt wird irgendein findiger Kopf ein ewiges Feuer unterhalten und gegen Entgelt Feuer abgeben. Feuerstein und Schwamm1 gibt es nicht im Getto, dennoch aber ist die Steinzeit ins Getto zurückgekehrt.

Würde sich einer auf der Strasse hinstellen und aus einem Feuerzeug, gegen Gebühr, dem nach Feuer lechzenden Raucher Feuer geben, er würde bestimmt sein Geschäft machen. Ein Mensch mit brennender Zigarette wird auf der Strasse immer wieder angehalten. Die Frage: „Darf ich um etwas Feuer bitten!“ ist eine sehr ernste Lebensfrage geworden und man muss schon sehr viel Geduld aufbringen und schon sehr viel Mitgefühl haben, wenn man auf der Strasse raucht. Freilich sieht man auch solche, die diese Gefühle nicht aufbringen und in ihrem Tageslauf nicht aufgehalten werden wollen. Die liebenswürdige Frage „darf ich um Feuer bitten“ ist ihm eine böse Belästigung.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Flecktyphus, 1 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 6 Herzkrankheiten, 1 Darmverschluss, 1 Chron. Dünndarmkatarrh, 1 tote Frühgeburt.

1

Das Fruchtkörperfleisch des parasitären Baumpilzes „Zunderschwamm“ (lat. Fomes fomentarius) oder „Zunderpilz“ ist bereits seit der Steinzeit ein bekanntes Glimm-Material. Gekocht, getrocknet, mit Salpeter (oder Urin) getränkt und nach einer abermaligen Trocknung kann der erhaltene Zunder leicht durch die Funken eines Feuersteins zum Glimmen gebracht werden. Vor der Erfindung der Streichhölzer waren Feuerstein und Zunder fester Bestandteil eines jeden Haushalts.